Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wissen Frau Perel, warum betrügen Menschen ihre Partner?
Mehr Welt Wissen Frau Perel, warum betrügen Menschen ihre Partner?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:13 24.03.2019
Esther Perel, Psychotherapeutin, spricht beim LA Summit 2018. Quelle: Britta Pedersen/ZB/dpa
Bad Kissingen

Die international bekannte Familientherapeutin und Bestseller-Autorin Esther Perel ist Produzentin und Gastgeberin des Podcasts Where Should We Begin?, bei dem sie anonymisiert zu öffentlichen Therapiesitzungen einlädt. Oprah Winfrey hatte sie 2016 auf ihrer Liste der 100 einflussreichsten und visionären Personen. Sie spricht neun Sprachen und hat bei TED-Talks mehr als 15 Millionen Zuschauer.

Die in New York lebende Belgierin ist zurzeit in Deutschland, um ihr gerade übersetztes und in diesem Monat in Deutsch erschienenes Buch „Die Macht der Affäre – warum wir betrügen und was wir daraus lernen können“ an den Start zu bringen. Am Samstag hielt die 61-Jährige als Stargast den Hauptvortrag auf der Jahrestagung 2019 der Milton Erickson Gesellschaft (M.E.G.) für Klinische Hypnose in Bad Kissingen.

Dort geht es in diesem Jahr um „Gender, Sex und Identität“. Esther Perel ist überzeugt, dass eine neue Sicht auf den größten Vertrauensbruch in einer Beziehung – sie nennt ihn Tod durch 1000 Stiche – nötig ist.

Untreue begegnet Ihnen seit Jahren in jeder denkbaren Form – was war der Anlass, gerade jetzt ein Buch darüber zu schreiben?

Esther Perel: Bei den Lesungen zu meinem Buch „Wild Life – die Rückkehr der Erotik in die Liebe“ drängte sich das eine Kapitel zur Untreue immer wieder in den Vordergrund. Da musste ich mich intensiver mit ihr befassen.

Sie wollen Beziehungen „ehrlicher und widerstandsfähiger“ machen, wie Sie schreiben – in einer Welt, in der Trump & Co. gerade das Gegenteil salonfähig zu machen versuchen?

Perel: Ich habe ein Buch geschrieben mit dem Blick durch die Linse der Untreue über heutige Beziehungen, über heutige Liebe. Denn Fremdgehen ist heute und wie schon immer ein gesellschaftliches Phänomen. Untreue ist das ganze menschliche Drama – mit Liebe, Geheimnis, Fremdgehen, Vertrauensbruch, Wut, Enttäuschung ... Es ist ein Phänomen in jeder Dimension, für die Familien, gemeinschaftlich und gesellschaftlich. Alle großen Fragen des Lebens finden sich in der Untreue. Sie ist die Antithese der Liebe.

Sie wollen ausdrücklich keine Anleitung liefern, die Krise nach einer Affäre zu überstehen – gerade betroffene Menschen werden doch aber am ehesten nach Ihrem Buch greifen; oder erwarten Sie etwas anderes?

Perel: Weil das Buch in den USA ja schon auf dem Markt ist wissen wir inzwischen schon, wer es kauft – jede Person, die schon einmal geliebt hat. Menschen, die in ihrem Umfeld Untreue erlebt haben, ob als Fremdgegangene, als Hintergangene, Kinder eines untreuen Elternteils oder Freunde von Betroffenen Also jeder, der versteht, dass Untreue einen Grund, einen Sinn hat.

Wird über Untreue wirklich noch geschwiegen, wie Sie meinen? Es gibt in Deutschland bereits etliche Bücher zu diesem Thema ( „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse noch viel weiter“ oder „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“).

Perel: Da spreche ich vom amerikanischen Markt. Es gibt kulturell jede Menge Unterschiede, ob zwischen Amerikanern und Franzosen, Mitteleuropäern und Westafrikanern, Asiaten oder Südeuropäern. Auf viele der kulturellen Unterschiede kann ich dank meiner Klienten in aller Welt an verschiedenen Stellen im Buch eingehen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen beim Bewältigen von Untreue?

Perel: Auch das hängt sehr vom Kulturkreis ab. In einer traditionellen Kultur haben es Männer schwerer, wenn ihre Frauen fremdgehen. Denn dort tun es bisher nur die Männer. Ein „echter“ Mann kann seine Frau halten. Läuft sie ihm weg, ist das für ihn eine Schande. In der modernen Welt haben es Frauen schwerer.

Tatsächlich? Wie meinen Sie das?

Perel: Auch wenn sie hintergangen wird – es gibt für eine Frau immer einen Grund, dennoch zu bleiben: Sie ist 65 und meint, sonst den Rest ihres Lebens allein verbringen zu müssen, sie hat ein krankes Kind, einen pflegebedürftigen Angehörigen oder sie liebt ihren Mann so sehr, auch mit solch einem Fehltritt, oder sonst irgendetwas. Aber sie MUSS bei Untreue gehen, um sich selbst treu zu bleiben. Das ist die neue Schande der modernen Frau – zu bleiben. Das kann keine Freundin verstehen.

Es gibt Therapeuten, die sehen den Hauptgrund für Seitensprünge beim Betrogenen.

Perel: Das gilt nicht für mich. Gründe für Affären sind Einsamkeit, auch in einer scheinbar guten Ehe, das sind fehlende Kommunikation oder sexueller Frust, Gleichgültigkeit oder etwas anderes. Es gibt viele Gründe. Und die müssen manchmal gar nichts mit dem Partner zu tun haben.

Wie ist das zu verstehen?

Perel: Auch in einer harmonischen Beziehung kann sich jemand langweilen. Oder er fühlt außerhalb seiner Partnerschaft Ablehung und sucht nach Bestätigung. Oder er sucht den Teil seines Ichs, den er noch nie ausleben konnte. Deshalb ist das alles nicht einfach, für keinen. Und es hat sich ja auch so viel geändert in den Ansprüchen an eine Partnerschaft.

Zum Beispiel?

Perel: Früher ging es um materielle Dinge wie Häuser, Autos, Sicherheit. Heute sucht man die Seelenverwandschaft. Der Partner soll bester Freund, Mutter, Sex-Partner sein. Heute teilen wir Träume, unser Leben, also das Wichtigste, was wir haben. Der Liebste soll einfach alles geben, was früher ein ganzes Dorf gegeben hat. Das geht nicht, deshalb führt Untreue heute zu einem Trauma. Das ist die klinische Analyse einer Änderung, die in nur 15 Jahren stattgefunden hat. Es geht um die Spannung und die Balance zwischen Treue und Freiheit.

Sie sind seit 25 Jahren verheiratet. Was ist Ehe für Sie heute, im 21. Jahrhundert?

Perel: Früher wurde ohne Liebe geheiratet, aus zweckmäßigen Gründen. Dann kam die Romantik, es wurde aus Liebe geheiratet. Und heute haben wir die Ehe, damit sich beide Partner erfüllend entwickeln können.

Und was ist die Affäre heute?

Perel: Sie ist ein Phänomen mit zwei Perspektiven. Einerseits ist sie mit der größte Betrug an unseren romantischen Idealen, sie ist verletzte Treue. Aber andererseits ist sie auch eine große Chance für eine neue Entwicklung, für die gemeinsame Suche nach den verlorenen Teilen eines Ichs. Manche Affären haben deshalb auch gar nichts mit der Beziehung oder ihren Problemen zu tun, sondern nur mit Erlebtem desjenigen, der fremd ging. Das ist nicht immer einfach zu verstehen. Ich frage immer nach dem Schmerzpunkt, wo hat sich das Messer in Dich hineingebohrt, und wie tut es Dir weh?

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft Ihre Heranwachsenden so aufs Leben vorbereiten kann, dass die meisten Menschen Ehrlichkeit und Vertrauen über Gewinnstreben und Vorteilsnahme stellen? Also dass sie in der Mehrzahl auch bei Affären ihrem Partner gegenüber offen und ehrlich agieren können?

Perel: Nein. Früher wurde in der Kirche gelogen, heute wird in den sozialen Medien gelogen. Solch eine Ehrlichkeit wäre ein Ideal, aber ich bin Realist. Menschen haben immer Regeln gehabt und sie haben sie immer gebrochen. Jedes Paar ist seine eigene kleine Gesellschaft, die ihre Regeln selbst suchen, bestimmen und einhalten muss.

Was ist dann Ihre Maxime für eine gelingende Partnerschaft, in der sich beide wohlfühlen und wachsen können?

Perel: Nicht unbedingt eine Person für ein ganzes Leben, aber nur eine Person zu jeder Zeit.

Von Jutta Abromeit/MAZ/RND

Beim Tee scheiden sich die Geister: Ist er für den einen gerade wohltemperiert, findet ein anderer ihn schon zu kühl. Mit Blick auf das Krebsrisiko empfiehlt sich aber unbedingt, Tee nicht zu heiß zu trinken. Das bestätigt eine große Analyse im Iran.

24.03.2019

Etwas stimmt nicht – mit der Wissenschaft. Das lernte der Hirnforscher Henry Markram, als er einen autistischen Sohn bekam. Der Südafrikaner suchte nach Besonderheiten in den Gehirnen von Betroffenen. Was er fand, revolutionierte alles, was man über Autismus zu wissen glaubte. Gespräch über ein etwas anderes Leben.

23.03.2019

„Hauptsache, bewegen!“ Physiotherapeut Alexander Höhne und Personal Trainer Alexander Schütt erklären im Interview, was man gegen Verspannungen machen kann – und wie man vorbeugt.

23.03.2019