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Wissen Forscher fürchten Ausbreitung des Superbakteriums NDM-1
Mehr Welt Wissen Forscher fürchten Ausbreitung des Superbakteriums NDM-1
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08:00 17.08.2010
Von Margit Kautenburger
Professor Denis Pierard vom Brüsseler Universitätsklinikum stellte fest, dass keines der gebräuchlichen Antibiotika die Infektion des in Pakistan verletzen belgischen Touristen stoppen konnte. Quelle: dpa
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Der in Brüssel wohnende Mann habe sich im Urlaub in seinem Heimatland Pakistan am Bein verletzt und sei dort behandelt worden, sagte der Mikrobiologe Denis Pierard vom Brüsseler Universitätsklinikum der belgischen Tageszeitung „Le Soir“. Nach seiner Rückkehr stellten die Ärzte in Brüssel eine Infektion mit dem Keim fest, der sich als „schrecklich resistent“ gegen praktisch alle Antibiotika erwiesen habe, wie Pierard berichtete. Auch eine Behandlung mit dem Antibiotikum Colistin, das sich in einigen anderen NDM-1-Fällen als wirksam erwiesen habe, sei gescheitert. Der Experte hält die Gefahr weiterer Infektionen allerdings für gering. Die bislang bekannten Patienten hätten sich alle bei Behandlungen in pakistanischen und indischen Krankenhäusern angesteckt.

Lange wiegte sich die Welt in der Sicherheit, Bakterieninfektionen seien mit der Entdeckung des Penicillin 1928 endgültig besiegt. Doch Bakterien vermehren sich schnell und zahlreich, entsprechend rasch können sie Erbgutveränderungen (Mutationen) weitergeben. Durch Zufall entstanden Bakterien, gegen die Penicillin wirkungslos war. Immer neue Antibiotika wurden entwickelt, aber immer wieder bilden sich resistente Bakterienstämme, die vor allem in Krankenhäusern Probleme machen. Tödliche Klinikinfektionen durch multiresistente Erreger (MRSA) verursachen allein in Deutschland jedes Jahr bis zu 20 000 Todesfälle. Überdies führt die leichtfertige Verschreibung von Antibiotika zu immer mehr Resistenzen.

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Nun hat ein neuer Superkeim diesen Wettlauf mit der Medizin gewonnen. Vor allem in Indien und Pakistan, aber auch in Großbritannien, den USA und Deutschland haben Forscher die neuen NDM-1-Bakterien entdeckt. In Großbritannien wurden die Erreger vermutlich von Medizintouristen eingeschleppt, die sich in Indien und Pakistan Schönheitsoperationen unterzogen hatten. In Asien scheinen die Bakterien bereits weit verbreitet zu sein. Experten warnen im Fachmagazin „Lancet“ vor einer weltweiten Ausbreitung. NDM-1 wurde beispielsweise im Bakterium E.coli nachgewiesen, das jeder Mensch im Darm mit sich trägt. „Können sich diese Entzündungen ohne geeignete Behandlung weiter ausbreiten, wird es sicherlich Todesfälle geben“, schreibt der Wissenschaftler Timothy Walsh von der Universität Cardiff.

Ein Forscherteam an der Universität von Madras hat bei Patienten mehrerer Krankenhäuser nach dem Keim geforscht. Die Wissenschaftler berichten von 37 betroffenen Patienten in Großbritannien und rund 140 in Bangladesch, Indien und Pakistan. Der Wissenschaftler Johann Pitout von der Universität von Calgary in Kanada, will einer Verbreitung vorbeugen. Er fordert, Patienten, die von einer Operation aus Indien zurückkehren, vor einer weiteren Behandlung auf multiresistente Erreger untersuchen zu lassen. Wenn diese aufkommende Gefahr ignoriert werde, könne dies sehr teuer werden für die Gesundheitssysteme. Indien indes wehrt sich gegen den Vorwurf, eine Behandlung im Land sei nicht sicher.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin berichtet von ersten, bislang einzelnen Nachweisen von NDM-1 auch in Deutschland, sieht aber keinen Grund zur Aufregung. Es gebe in begrenztem Umfang noch Therapeutika wie die Antibiotika Tigezyklin und Colistin. Außerdem existiere ein Frühwarnsystem, das neuartige Antibiotikaresistenzen erfasse. Die Verbreitung der Erreger könne auch durch gezielte Hygiene in den Krankenhäusern „wirksam begrenzt und verhindert“ werden. Fachleute raten zur Gelassenheit. Resistente Bakterien machten gesunde Menschen nicht häufiger krank als andere Erreger. Viele Menschen trügen Bakterien im Darm, gegen die Antibiotika nicht wirkten, ohne je daran zu erkranken. Einem Menschen mit einem guten Immunsystem mache eine solche Infektion nichts aus.

Hinter vorgehaltener Hand heißt es, die Berichte über die neuen „Superkeime“ seien auch eine willkommene Werbung für die Pharmaindustrie, ihre Veröffentlichung in den Medien daher befördert worden. Die Arbeiten der Autoren des Berichtes über NDM-1 würden teilweise von dem Hersteller eines der beiden Antibiotika unterstützt, das gegen den Erreger wirkt. Auch die Patienten können etwas gegen die immer weiter zunehmende Wirkungslosigkeit von Antibiotika tun.

Statt schon bei einer Erkältung vom Arzt Antibiotika zu fordern, sei Zurückhaltung oft besser, mahnen Mediziner. Antibiotika sollten nur gezielt eingesetzt werden. Diese killten die normalen Bakterien, und die resistenten Erreger blieben übrig.

Es gebe schon noch Wirkstoffe die auch diese Keime in Schach halten könnten, sagt der Wiener Infektionsspezialist Wolfgang Graninger. Allerdings seien diese Mittel teilweise nicht gut verträglich. Sie würden nur unter strengen Auflagen eingesetzt.