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Wissen Flüsse gemeinsam gerettet - Modellprojekt an der Wümme
Mehr Welt Wissen Flüsse gemeinsam gerettet - Modellprojekt an der Wümme
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10:51 22.08.2010
Die Wümme bei Lilienthal. Quelle: dpa
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Mit einem Foto in der Hand steht die Biologin Jutta Kemmer an einem kleinen Nebenfluss der Wümme bei Westertimke im Kreis Rotenburg. Gut zwei Jahre ist die Aufnahme erst alt, doch was für ein Kontrast: Das Bild zeigt einen begradigten, drei Meter breiten Bach, an dessen eintönigem Ufer es kaum Bewuchs gibt. „Die Wörpe war so stark versandet, dass fast nur noch anspruchslose Stichlinge darin leben konnten“, erklärt Kemmer. Heute hat dieses Gewässer ein Kiesbett und schlängelt sich wesentlich schmaler vorbei an vielen Erlen. Zahlreiche bedrohte Fischarten sind zurückgekehrt.

Zu verdanken ist das einem ungewöhnlichen Modellprojekt. Es will die Fehler der Vergangenheit rückgängig machen, denn einst wurden zahlreiche Flüsse begradigt und vertieft mit zum Teil schlimmen Folgen für die Natur. „Das Modell-Projekt soll nachahmenswertes Vorbild für alle Landstriche in Niedersachsen sein“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Niedersachsen, Stefan Ott. Um die Flüsse zu retten, führten Naturschützer im Frühjahr 2008 in den Kreisen Osterholz, Rotenburg und Soltau-Fallingbostel die unterschiedlichsten Akteure zusammen.

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„Zwischen einigen gab es in der Vergangenheit schon mal Reibungspunkte, doch diese gemeinsame Projektarbeit hat Brücken gebaut“, erklärt Gunnar Oertel von der Stiftung NordWest Natur in Bremen, die das Projekt koordiniert. Ob Umweltschützer, die Biologische Station Osterholz, Wasser- und Bodenverbände, Gemeinden, Heimatvereine, Landwirte, Angelvereine oder Schulklassen - sie alle helfen mit, zumindest ausgewählte Abschnitte der Wümme-Nebenflüsse Wörpe, Fintau und Veerse wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen. So wurden in den schnurgeraden Gewässern kleine Schleifen angelegt oder Meerforellen-Brütlinge eingesetzt.

Die Idee, die Flüsse gemeinsam zu renaturieren, geht zurück auf die sogenannte europäische Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000. Sie legt fest, dass für alle Gewässer bis 2015 ein „guter ökologischer Zustand“ erreicht werden soll. Dabei sei es wichtig, die Bevölkerung zu begeistern und zu beteiligen. „Wir wollten das nicht nur theoretisch tun, sondern mit praktischer Arbeit“, betont Oertel. Rund 190.000 Euro kostet das Vorhaben insgesamt. Finanziell unterstützt wird es unter anderem von einer Umweltlotterie und Stiftungen. Die Renaturierungsarbeiten an den ausgesuchten Stellen sollen im Dezember fertig sein. Die Naturschützer wollen sich dafür einsetzen, dass das Modell-Projekt in der Region fortgesetzt werden kann.

Vor allem das Interesse der Kinder für die Flüsse vor ihrer Haustür soll geweckt werden. „Eine emotionale Bindung an das Heimatgewässer soll entstehen“, sagt Martin Schüppel vom Fischerei- und Gewässerschutzverein Lilienthal und Umgebung. Die Kinder gestalteten beispielsweise Kiesbetten, die nun Laichplätze für Forellen, Mühlkoppe und andere bedrohte Fische bieten. Zudem legten die Jungen und Mädchen größere Steine in das Wasser. Sie sollen Unregelmäßigkeiten in das Flussbett bringen und als Verstecke für die Fische dienen.

Kemmer von der Biologischen Station Osterholz macht sich regelmäßig mit Schülern auf, mit Keschern im Wasser nach den unterschiedlichen Fischarten, Schnecken oder Bachflohkrebsen zu suchen, die sich in der Wörpe inzwischen wieder zahlreich tummeln. Die Funde werden dokumentiert, die Tiere danach freigelassen.

Bachschmerle, Hasel, Steinbeißer - die Liste wird immer länger. „Nun sind auch die Arten zurückkehrt, die etwas höhere Ansprüche haben“, berichtet Kemmer. Am Ufer zeigt sie den Kindern Pflanzen, die lange Zeit an der Wörpe fast verschwunden waren wie Sumpfvergissmeinnicht, Wasserdost, Blutweiderich oder Brunnenkresse. Die Erfolge der Renaturierung lassen auch die Biologin staunen: „Es ist unglaublich, wie schnell sich die Natur ihre Lebensräume wieder zurückgeholt hat.“

dpa