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Wissen Florierender Fossilienhandel: Dinos unterm Hammer bereiten Forschern zunehmend Sorge
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18:00 07.10.2021
Stan, eines der größten und vollständigsten Fossilien des Tyrannosaurus Rex, das entdeckt wurde, ist im Auktionshaus Christie's zu sehen. Der Amateurpaläontologe Stan Sacrison hatte erste Teile des Skeletts 1987 im Norden der USA entdeckt.
Stan, eines der größten und vollständigsten Fossilien des Tyrannosaurus Rex, das entdeckt wurde, ist im Auktionshaus Christie's zu sehen. Der Amateurpaläontologe Stan Sacrison hatte erste Teile des Skeletts 1987 im Norden der USA entdeckt. Quelle: Mary Altaffer/AP/dpa
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Big John soll versteigert werden. Big John ist nicht irgendwer, sondern das bisher größte gefundene Triceratops-Skelett. Zwei Meter misst allein der Schädel des Pflanzenfressers, acht Meter der ganze Körper. 200 Knochen hat das Skelett und ist damit für Dino-Verhältnisse ziemlich vollständig. Vor 66 Millionen Jahren starb Big John, 2004 wurde er in South Dakota entdeckt. Am 21. Oktober 2021 kommt er im Auktionshaus Giquello unter den Hammer. Zehn bis 15 potenzielle Käufer gebe es, heißt es in Fachkreisen, ein Preis von 1,5 Millionen Euro sei möglich. Damit wäre er ein Schnäppchen.

Im Oktober 2020 ging Tyrannosaurus Stan für unglaubliche 31,8 Millionen Dollar in New York an einen anonymen Bieter. „So ein vollständig erhaltender T-Rex gehört sicher zu den begehrtesten Stücken auf dem Markt. Den Raubsaurier kennt und liebt einfach jeder“, erklärt Steffen Dettmann, Paläontologe bei einer auf Fossilienhandel spezialisierten Galerie. Weltweit gebe es deshalb einige Tyrannosaurus-Skelette in Privatbesitz. Auch bei eBay kosten einzelne Raubsaurierzähne schnell 500 Euro und mehr. Einen schnöden Triceratops-Backenzahn gibt es dagegen schon für 50 Euro. Und Stan ist wirklich ein Schmuckstück: Zwölf Meter lang, vor 67 Millionen Jahren verstorben, zu 70 Prozent erhalten. Während sich das Auktionshaus von Big John ähnliche Preisüberraschungen erträumt, werden in der Fachwelt solche Verkäufe mit wachsender Sorge betrachtet.

Museen sind bei Auktionen chancenlos

Stan, Big John und Co. sind vielfach untersuchte Forschungsobjekte, die nach dem Verkauf in eine private Sammlung und damit aus dem Zugriff der Wissenschaft zu verschwinden drohen. Allein zu den Knochen von Stan gibt es rund 50 Studien – zu seiner Beißkraft, zu Kämpfen mit Rivalen und seiner Leibspeise. Das Leben kaum eines Sauriers ist so gut dokumentiert. Vermutlich hat diese akademische Popularität sogar zum hohen Preis beigetragen. Einige US-Paläontologen sind sogar der Meinung, man habe sich mit der intensiven Erforschung selbst ins Knie geschossen. Drastische Aussagen, die zeigen, wie groß die Angst vor dem Verschwinden wirklich ist. Doch wer stellt sich einen T-Rex ins Wohnzimmer? Der Kandidatenkreis ist überschaubar. Die Dino-Begeisterung einiger Hollywoodstars ist bekannt, Brad Pitt oder Leonardo Di Caprio sollen große Sammlungen haben. Infrage kommen auch einige wenige Museen und ihre großzügigen Schenker. 1997 kaufte das Field Museum of Natural History in Chicago Sue, eines der größten T-Rex-Skelette überhaupt. Preis damals: 8,36 Millionen Dollar. Das nötige Kleingeld dafür kam unter anderem von Disney und McDonalds. Dank ihnen ist Sue bis heute ein öffentliches Ausstellungsstück.

Seit den 90er-Jahren sind die Preise für Fossilien aus dem Ruder gelaufen.

Oliver Rauhut,; Professor für Paläontologie und Oberkonservator der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie

Auch vor der Versteigerung von Stan forderte die Society of Vertebrate Paleontology das Auktionshaus Christie auf, den Bieterkreis auf Forschungseinrichtungen zu beschränken. Das wurde abgelehnt. 31,8 Millionen US-Dollar hätte sich vermutlich keine Forschungseinrichtung leisten können, ohne ein gewaltiges Loch in das Budget für Doktoranden, Ausstellungen und Expeditionen zu reißen. Von der Großzügigkeit von Mäzen und Stiftungen können deutsche Museen nur träumen. „Seit den 90er-Jahren sind die Preise für Fossilien aus dem Ruder gelaufen. Inzwischen kostet selbst ein kleiner Flugsaurier schnell einige 100.000 Euro und ist damit für viele Museen kaum erschwinglich“, sagt Oliver Rauhut, Professor für Paläontologie und Oberkonservator der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie. Ein paar Ausnahmen gibt es auch hierzulande. So kaufte die Hamburger Hagenbeck Stiftung unlängst eine Dinosauriergruppe aus den USA, für einen Millionen Preis. Ausgestellt werden die Langhalssaurier bisher nicht, erforscht aber sehr wohl.

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Geldgier gefährdet die Fossilien

Steigen die Preise weiter, werden solche Fälle aber immer mehr die Ausnahme und neue Käufer treten auf den Plan. Oligarchen, Milliardäre, Scheichs aus dem Nahen Osten, kurz Superreiche mit dem nötigen Spielgeld. „Die Nachfrage nach großen, vorzeigbaren Fossilien steigt. Dazu zählen zum Beispiel gewaltige Wirbelknochen von Langhalssauriern, Raubsaurierschädel oder Triceratops–Hörner. Längst nicht alle Funde landen erst bei Auktionshäusern oder seriösen Galerien oder werden überhaupt von Forschern begutachtet“, berichtet Dettmann. So fristen vermutlich einige tolle Dino-Skelette und versteinerte Überreste bisher unbekannter Arten ihr Dasein als Wandschmuck und Eingangshallenverschönerung und bleiben damit der Forschung und breiten Öffentlichkeit vorenthalten.

Doch die Sammler sind nur ein Teil des Problems. Die hohen Preise locken auch Glücksritter an. „Ungeschulte Amateure, die zwar eifrig, aber ohne Fachkenntnis ausgraben, sind eine Gefahr“, sagt er. Ein paar falsche Handgriffe reichen aus, um die versteinerten Zeitzeugen für immer zu zerstören. Auch die Präparation der Millionen Jahre alten Knochen verlangt viel Geduld, Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl. Stehen aber schneller Profit und Aussehen im Vordergrund, werden nicht selten wichtige Details wie Weichteilreste oder Federabdrücke für immer zerstört. Die Fundsituation muss ebenfalls für die Wissenschaft genau dokumentiert werden.

Längst nicht alle Funde landen erst bei Auktionshäusern oder seriösen Galerien oder werden überhaupt von Forschern begutachtet.

Steffen Dettmann,; Paläontologe bei einer auf Fossilienhandel spezialisierten Galerie

Zum Glück gibt es auch „Profis“ am Markt – die größten Ausgrabungsunternehmen der Welt kommen aus den USA. Dort hat sich in den letzten Jahrzehnten eine richtige Ausgrabungsindustrie entwickelt. Fossilien sind hier nur auf öffentlichem Grund geschützt. Alles, was auf privatem Land entdeckt wird, kann behalten oder verkauft werden. Findige Landbesitzer verkaufen „Schürfrechte“ für Fossilien oder graben selbst. Auch aus Afrika, Asien oder Lateinamerika landen zahlreiche Versteinerungen auf dem „grauen“ Markt und das, obwohl viele Länder inzwischen ihre Ausfuhrbestimmungen für Fossilien stark verschärft haben und die Saurierknochen als eigenes Kulturgut gesehen werden. Einige Sammler und sogar manch ein Museen nehmen es mit der legalen Herkunft der Funde nicht ganz so genau. Auch die Zahl der hochwertigen, für Laien kaum erkennbaren Fälschungen steigt mit der Nachfrage.

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Stan – von Amateuren gefunden, von Profis erforscht

Doch Fossilienjäger und Hobbysammler pauschal zu verurteilen, wäre zu einfach. „Viele Paläontologen arbeiten vertrauensvoll mit kommerziellen Gräbern zusammen. Nicht selten profitieren wir von ihrem Einsatz und ihrer Expertise“, erklärt Rauhut. Oder etwas überspitzter formuliert: Die heutige Paläontologie ist ohne Unterstützung durch Amateure und Ausgrabungsunternehmen kaum denkbar, in dem Nischenfach sind Forschungsmittel für Ausgrabungen und Personal knapp – auch in Europa und in den USA. Beispiele für die erfolgreiche Co-Existenz gibt es einige. So entdeckten illegale Ausgräber in Marokko Überreste des Raubsauriers Spinosaurus und gaben dem US-Paläontologen Nazir Ibrahim entscheidende Hinweise für weitere Fundstellen. Nur mit ihrer Hilfe und den guten Kontakten zu örtlichen Händlern gelang es ihm, die versteinerten Überreste des spektakulären Raubsauriers zu finden und zu bergen.

Auch T-Rex Stan wurde von Amateurpaläontologe Stan Sacrison in der Hell Creek-Formation in South Dakota entdeckt. Für die Ausgrabung war das Black Hills Institute of Geological Research zuständig. Was nach einer Forschungseinrichtung klingt, ist ein privates Ausgrabungsunternehmen. In der Branche hat das Institut einen guten Ruf, seine Arbeit und wissenschaftliche Dokumentation gilt als gewissenhaft. Trotzdem stehen kommerzielle Interessen im Vordergrund: Für Black Hill war Stan lange eine sichere Einnahmequelle. Erst ein Streit unter den Gründern machte die Versteigerung nötig und möglich. Seine Abgüsse wurden in die ganze Welt verkauft, an Museen und Privatleute. Zeitweise verlieh man das Fossil nach Japan, außerdem war es als Hauptattraktion im eigenen Museum in Hill City vermarktet. Das mag man verwerflich finden, aber das Skelett blieb für Forschende aus aller Welt zugänglich – und zwar kostenlos.

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Viele Sammler habe eine große Expertise

Nicht zu unterschätzen ist auch der wissenschaftliche Beitrag von Hobbypaläontologen ohne kommerzielles Interesse. „Wir setzen als Museum bewusst auf die Unterstützung von Hobbyfossiliensammlern. Viele von ihnen habe großartige Expertise und leisten in ihrer Freizeit viel für die Paläontologie“, sagt Rauhut. Er berichtet von befreundeten Hobbyforschern, die jede freie Minute in den Steinbrüchen der Umgebung verbringen. Besonders interessante Funde melden sie sofort. Andere helfen mit viel Geschick bei der Präparation oder stiften besonders wertvolle Stücke aus der eigenen Sammlung an die Museen. Eine wichtige Motivation sei der eigene Beitrag zur Wissenschaft, sagt der Kurator. Und ein bisschen auch Eitelkeit, zum Dank gibt es eine Erwähnung in der Festschrift der Sammlung oder wenn alles passt, wird eine neue Art auch nach dem Sammler benannt – eine große Ehre für Fossilienjäger.

Wir setzen als Museum bewusst auf die Unterstützung von Hobbyfossiliensammlern. Viele von ihnen habe großartige Expertise und leisten in ihrer Freizeit viel für die Paläontologie.

Oliver Rauhut,; Professor für Paläontologie und Oberkonservator der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie

Wie nah Dino-Leidenschaft und kommerzielle Fossilienjagd beieinander liegen können, zeigt auch die die Geschichte von Hans-Jakob Siber. Bis er begann, nach Sauriern zu graben, war der Schweizer ein mäßig erfolgreicher Dokumentarfilmer. Doch als Amateur gelangen ihm im US-Bundesstaat Wyoming einige spektakuläre Funde, wie ein fast vollständiger Allosaurus, ein Stegosaurus oder ein Diplodocus. Erst handelte er selbst mit Fossilien, dann baute er in der Nähe von Zürich sein Privatmuseum auf. Heute genießt Siber in der Fachwelt einen ausgezeichneten Ruf, er hat einen Ehrendoktortitel und arbeitet mit zahlreichen Hochschulen und Museen auf der ganzen Welt zusammen. 2020 verkaufte er sogar zehn seiner Dino-Skelette an die Universität Zürich. Der Preis trotz eines Millionenwertes: einen Schweizer Franken.

Von Birk Grüling/RND

Der Artikel "Florierender Fossilienhandel: Dinos unterm Hammer bereiten Forschern zunehmend Sorge" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.