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Wissen Diplom-Pädagoge Thomas Mücke: “IS-Kinder brauchen eine faire Chance auf einen Neustart”
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06:00 15.01.2020
Frauen und Kinder verlassen das syrische Baghus, die letzte Bastion des Islamischen Staats. Quelle: aboud hamam/dpa

Sie sind aufgewachsen im Regime des Islamischen Staates (IS) und verbrachten die meiste Zeit ihres noch kurzen Lebens im Krieg. Nun kehren die ersten Kinder des IS nach Deutschland zurück. Doch wie kann eine Rückkehr zur Normalität für die Kinder aussehen? Im Interview erklärt Thomas Mücke von der Extremismus-Präventionsinitiative Violence Prevention Network, wie eine Eingliederung in die Gesellschaft am besten gelingen kann.

Diplom-Pädagoge Thomas Mücke ist bundesweit im Bereich Konfliktmanagement, Islamismus, Rechtsextremismus und Deradikalisierung tätig.

Was haben die Kinder der IS-Kämpfer in Syrien erlebt?

Viele der Kinder hatten täglich mit Krieg und Terror zu tun, sind vielleicht auch Zeugen von Folter und Morden geworden. Auch die medizinische Versorgung und die Ernährungssituation sind in den Gebieten katastrophal, Hunger und Krankheit alltäglich. Solche Traumata hinterlassen ihre Spuren – auch bei sehr kleinen Kindern. Bei älteren kommt die Prägung durch die extremistische Ideologie ihrer Eltern hinzu. Wie stark sie ist, lässt sich nur schwer sagen. Aber anders als ein Kind, das in Deutschland in einem extremistischen Umfeld aufwächst, besteht in Syrien kaum eine Chance, dass es zu Kontakt mit der Außenwelt und damit auch mit Gegenpositionen und Widersprüchen zu dem Weltbild der Eltern kommt.

Wie kommt das Violence Prevention Network mit den IS-Familien in Kontakt?

Wir arbeiten eng mit den Innenministerien und Sicherheitsbehörden zusammen. Im besten Fall sprechen wir bereits am Flughafen mit den Rückkehrern und ihren Kindern. Den Kontakt versuchen wir dann zu halten und auszubauen, auch wenn die Rückkehrer in Untersuchungshaft kommen. Zusätzlich versuchen wir den Kontakt zu Familienmitgliedern in Deutschland aufzunehmen. Sie sind für die Rückkehrer ein wichtiger Ankerpunkt und damit ein Teil der Deradikalisierung – schon allein, weil sie in vielen Fällen mit der Ideologie ihrer Töchter oder Söhne wenig zu tun haben.

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Haben sich die Rückkehrer im Laufe der Jahre verändert?

Ja, die ersten Männer und Frauen kamen 2014 zurück. Sie waren nur kurz im Kriegsgebiet und flohen erschrocken über die IS-Realität zurück in die Heimat. Dieser Realitätsschock hat uns die Arbeit erleichtert. Die meisten von ihnen sind auf einem guten Weg zurück in die Gesellschaft. Die zweite Generation war deutlich länger dort, hat aber auch traumatische Dinge erlebt, die sie zu einer oft gefährlichen Flucht bewegten. Viele von ihnen wurden wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt.

In ihren Heimatländern haben die Kinder traumatische Zustände erlebt, die nur schwer zu vergessen sind. Quelle: Anas Alkharboutli/dpa

Aber auch hier waren die inneren Zweifel noch groß und sorgten letztendlich für eine Distanzierung. Bei den jetzigen Rückkehrern sieht es anders aus. Sie haben bis zuletzt ausgehalten, innere Zweifel waren selten Motivation für ihre Rückkehr. Stattdessen werden sie zum Beispiel von der Türkei direkt aus dem Gefängnis abgeschoben. Die Zukunftsprognosen sind deutlich schwieriger, denn sie sind ideologisch gefestigt und kampferprobt. Die meisten von ihnen werden zum Glück schnell für ihre schrecklichen Taten zur Rechenschaft gezogen und in Deutschland verurteilt werden.

Wie gelingt die Arbeit mit den Rückkehrerinnen?

Wir wollen ihnen in erster Linie Perspektiven für ihr neues Leben und damit Wege aus dem Extremismus aufzeigen.

Thomas Mücke, Violence Prevention Network

Wir wollen ihnen in erster Linie Perspektiven für ihr neues Leben und damit Wege aus dem Extremismus aufzeigen. Bei der Suche nach einem Neubeginn ist vor allem ihr familiäres Umfeld wichtig. Im besten Fall sind die Eltern und Verwandten bereit für einen Kontakt mit den Rückkehrerinnen. Wenn wir ihnen hier ein stabiles soziales Netz bieten können, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch in Deutschland wieder Kontakt zur islamistischen Szene suchen. Unsere Integrationsarbeit ist andererseits kein Freispruch. Die Frauen müssen sich für ihre Taten in Syrien verantworten.

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Was sind die Herausforderungen für die Arbeit mit den Kindern?

Im ersten Schritt ist hier das Jugendamt zuständig. Es muss sich um eine Begleitung der Kinder kümmern. Das beginnt bei der Suche nach einem Kita- oder Schulplatz und geht bis zur Organisation einer psychologischen Begleitung, um die traumatischen Erlebnisse aus den Kriegsgebieten zu verarbeiten. Natürlich wird auch geprüft, ob die Kinder in ihren Familien bleiben können oder ob doch eine Pflegefamilie die bessere Wahl ist. Wir unterstützen diesen Prozess mit unserer Expertise.

Erste Instanz für die Rückkehrer ist das Jugendamt, das sich um einen Kita- oder Schulplatz kümmern kann. Quelle: Monika Skolimowska/dpa

Wäre es nicht sinnvoll, auf Nummer sicher zu gehen und die Kinder gleich von ihren radikalisierten Eltern zu trennen?

Wir wissen aus der Jugendhilfe, dass eine komplette Herauslösung der Kinder aus dem familiären Umfeld selten von Vorteil ist. Einzig klare Anzeichen von Missbrauch, Verwahrlosung oder Misshandlung rechtfertigen einen solchen Schritt. Gleiches gilt natürlich auch, wenn sich die Familie auch hier weiterhin in radikalen Kreisen bewegt. Der viel bessere Weg ist es, die Ressourcen des familiären Systems zu nutzen, also Großeltern, Verwandte oder eben doch die Mutter – immer in enger Begleitung versteht sich.

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Wie wichtig ist die Aufklärungsarbeit bei Pädagogen, die mit den Kindern in Kindergärten oder Schulen zu tun haben?

Immens wichtig. Immerhin brauchen die Kinder eine faire Chance auf einen Neustart und eine langfristige Integration. Und die gibt es nicht, wenn Vorurteile und Ablehnung überwiegen. Gleichzeitig muss man die Bedenken der Lehrkräfte und Erzieherinnen ernst nehmen.

Ich habe einmal eine Wiedereinschulung eines 17-jährigen Rückkehrers begleitet. Die Pädagogen machten sich große Sorgen um die Sicherheit der Mitschülerinnen und Mitschüler. Das ist verständlich und gehört zur Verantwortung der Pädagogen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir alle Beteiligten über unsere Arbeit aufklären und zeigen, dass die Familien sehr engmaschig begleitet werden. Natürlich kann es auch Fälle geben, in denen nur die Leitung eines Kindergartens oder einer Grundschule eingeweiht wird – allein schon, um eine größere Aufregung in der Öffentlichkeit und Elternschaft zu verhindern. Das ist vor allem bei sehr jungen Kindern der Fall.

Wie lange begleiten Sie die Rückkehrer und ihre Kinder?

Über viele Jahre. Immerhin geht es nicht nur um eine Distanzierung von radikalem Gedankengut und ein Lossagen von den radikalen Strukturen, sondern auch um eine langfristige Stabilisierung der Familien. Und das braucht Zeit. Was passiert denn, wenn es wieder Rückschläge im Leben gibt? Suchen sie dann wieder das Heil im Extremismus und seinen vermeintlich einfachen Antworten? Genau an solchen kritischen Punkten ist die langfristige Hilfe von außen wichtig.

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Wie fällt Ihre Prognose für die Kinder aus?

Wir müssen die Menschen natürlich für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen, aber wir müssen ihnen auch die Chancen geben sich zu verändern.

Thomas Mücke, Violence Prevention Network

Ich kann nicht in die Glaskugel schauen. Aber ich kann es mit einem historischen Beispiel vergleichen. Mein Vater ist im Nationalsozialismus aufgewachsen, wurde durch die Ideologie geprägt und war mit 17 Jahren an der Front. Trotzdem schaffte er es, sich davon zu lösen und mir eine gute Kindheit zu geben. Ich selbst bin mit der Ideologie kaum in Berührung bekommen. Deshalb nochmal: Wir müssen die Menschen natürlich für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen, aber wir müssen ihnen auch die Chancen geben sich zu verändern. Und je mehr Chancen die Eltern dazu bekommen, desto besser wird auch die Prognose für die Kinder.

Von Birk Grüling/RND

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