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05:00 16.11.2020
Dortmund: Ein Schüler geht mit seiner Schultasche auf dem Rücken nach Hause. Quelle: imago images/Kirchner-Media
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Die Erwachsenen haben Kreise auf den Schulhof gemalt, 40 Zentimeter im Durchmesser. Darin dürfen die Kinder stehen. Alle drei Meter steht ein Grundschüler in seinem Kreis wie ein Hütchen beim Halma. Es ist Pause in einer ganz normalen deutschen Grundschule in Corona-Zeiten.

Mal sind es Punkte, mal Kreise, mal Linien. Immer geht es um dasselbe Signal an die Kinder: Das hier ist dein Platz, so sind die Regeln. Abstand halten. Zweimal „Happy Birthday“ singen beim Händewaschen. Keine Stifte verleihen. Im Gänsemarsch reingehen, wenn alle da sind. Laufwege einhalten. Kein Schulbrot teilen. Nicht aus der Reihe tanzen. Einzeln sitzen. Kein Herumkaspern, kein Singen, kein Tanzen, kein Fußball. Sarah treffen heute Nachmittag? Geht leider nicht. Corona. Kindheit in der Pandemie.

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Es ist in diesen Monaten viel von den Entbehrungen der Erwachsenen zu hören. Von Pflegerinnen, Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Ärztinnen und Künstlern, von den Alleinerziehenden im Homeoffice und den einsamen Älteren. Es geht um Milliardenhilfen, Insolvenzen, Arbeitsplätze. Alles wichtig. Millionen Menschen aber tauchen kaum auf in den Debatten über die Folgen der Pandemie. Es sind die 7,5 Millionen Kinder in diesem Land, die jünger sind als zehn Jahre.

Sie sollen funktionieren. Sie sollen dicke Jacken anziehen, lüften, sich nicht anfassen und in ihren Kreisen stehen. Fast scheint es, als gälten Kita-Kinder und Grundschüler in diesem Land vor allem als Betreuungsproblem. Dabei ist das Opfer, das sie alle bringen, immens hoch: Es ist der Verzicht auf eine Kindheit nach normalen Maßstäben.

Szenen aus dem Kinderalltag in der Pandemie:

Ein fünfjähriges Mädchen sagt: „Ich brauche niemanden zum Spielen. Ich hab' mich an die Einsamkeit gewöhnt.“ Ein kleiner Junge fragt sorgenvoll: „Mama, ist jetzt der Kindergarten zu, weil ich mir nicht ordentlich die Hände gewaschen habe?“ Ein Grundschüler, der vergessen hat, seine Maske aufzusetzen, begegnet der Schulleiterin. Die herrscht ihn an: „Zieh sofort deine Maske auf, sonst hole ich die Polizei!“

Ein Kind fragt: „Warum darf ich meinen Geburtstag nicht feiern, obwohl ich den halben Tag mit denselben Kindern in der Schule herumhänge, die ich einladen würde?“ Ein Neunjähriger erzählt: „Ich sitze in der Klasse am Fenster, ich habe meine Jacke an, aber es ist trotzdem kalt. Mir fehlt das Durchatmen auf dem Pausenhof. Die Maske nervt. Und wir dürfen nicht immer aufs Klo, weil’s sonst zu voll ist.“ Ein Mädchen in Quarantäne weint viel – aus panischer Angst, dass ihretwegen jemand sterben muss.

Ein Lehrer sagt laut „Süddeutscher Zeitung“ vor 13-Jährigen: „Corona ist wie die Pest. Ihr seid die Pestratten, vor denen ich mich schützen muss.“

Schule ohne Corona? Für viele Kinder unvorstellbar

Amélie ist sechs Jahre alt, ein waches, offenes Mädchen aus einer norddeutschen Kleinstadt. Im Sommer wurde sie eingeschult. Sie hat Schule nie anders kennengelernt als unter Corona: Frontalunterricht, keine Gruppenarbeit, keine Ausflüge, kein Theater. Morgens warten alle Kinder in Reih und Glied an der Linie für Klasse 1c. Dann hören sie das Morgenlied vom Band. Von den sechs Jahren, die Amelie auf der Welt ist, nimmt die Corona-Krise neun Monate ein. Eine unvorstellbar lange Zeit im Leben einer Erstklässlerin.

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Wie lange gibt es schon Corona, Amélie, was glaubst du?“ Sie überlegt lange. Dann sagt sie ernst: „1000 Jahre.“ „Kannst du dir vorstellen, Amélie, dass die Kinder normalerweise morgens einfach ins Klassenzimmer gehen, jedes für sich?“ „Alle?“, fragt Amélie. „Und wenn Pause ist, rennen alle einfach los?“ Unvorstellbar.

Kindheit – ein magischer Ort

Die Kindheit ist der Acker des Lebens, ein magischer Ort, an dem im Austausch mit anderen, im Erleben von Tausenden prägenden ersten Malen, das Ich Gestalt annimmt. Aus diesem Boden erwächst die Persönlichkeit. Es ist ein existenzielles Spiel um Abgrenzung, Loyalität und Liebe und die verbindende Kraft eines gemeinsamen Weges. „Die Umgebung, in der der Mensch sich den größten Teil des Tages aufhält, bestimmt seinen Charakter“. So schrieb vor 2500 Jahren der griechische Philosoph Antiphon.

Kinder verstehen meist gut, dass im Moment kaum Raum ist für Spontaneität, Toben, Ausprobieren. Sie hören täglich, dass der andere infektiös sein könnte. Sie erleben überall Verbote, Grenzen, gesprühte Kreise. Allein in Bayern umfasst der Katalog von Hygienerichtlinien für Schulen mehr als 80 Seiten. Was aber wird aus dem natürlichen Freiheitstrieb, was aus den kindlichen Wünschen, jenem „inneren Schrei des Lebens, das sich nach geheimnisvollen Gesetzen zu entfalten wünscht“, wie die Pädagogikpionierin Maria Montessori mal schrieb?

Die Schulen in Deutschland sollten diesmal geöffnet bleiben, damit die Eltern arbeiten können. Und weil sie für viele Kinder auch ein Schutzraum sind vor Gewalt, Überforderung und Familienstress. Aber es ist ein Versuch am lebenden Objekt, dessen Folgen vor allem die Kinder tragen. Und der Preis wird immer höher. Rund 300.000 Kinder sind bereits in Quarantäne, schätzte jüngst der deutsche Lehrerverband.

Vor der Ausbreitung der Infektionen bei Kindern mit milden oder nicht vorhandenen Symptomen warnte die Nationalakademie Leopoldina schon im August. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, Klassen schon ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 pro 100.000 Einwohner zu teilen. Die Kultusminister aber verzichteten bisher darauf. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) bezeichnete die Empfehlung sogar als „sehr seltsam“. Nun ist in Hamburg die Ida-Ehre-Schule geschlossen – nach dem größten bislang bekannten Corona-Ausbruch an einer Schule in Deutschland. Insgesamt wurden 55 Personen positiv getestet.

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„Kinder tragen eine Hauptlast in dieser Pandemie“, sagt Sina Denecke (32), Mutter eines ein- und eines vierjährigen Jungen. „Auf ihren Schultern lastet eine unglaubliche Verantwortung.“ Denecke ist Mitglied der Initiative „Familien in der Krise“, einem im Frühjahr gegründeten Elternverband, der für die Rechte von Kindern und Familien eintritt. „Die Kinder hören seit Monaten, dass sie infektiös sein könnten, dass sie niemanden anstecken dürfen, dass sie es sind, die die Älteren schützen müssen. Dieses Narrativ ist eine permanente Überforderung. Sie werden wie kleine Erwachsene behandelt – aber ihre Rechte und Bedürfnisse spielen keine Rolle. Wir sagen: Kindergesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Covid-19.“

Hat die Bildungspolitik den Sommer verschlafen? „Ja, klar“, sagt Denecke. „Während anderswo Millionenbeträge investiert werden, lautet der Masterplan der Kultusministerien für Schulen: lüften. Das ist kaum zu fassen.“ Ganz normaler Unterricht, kommentierte ein Lehrer im Netz, wirke nun „wie ein wildes Tier, das mühsam an die Kette der Hygieneverordnungen gelegt werden muss“.

Kinder haben keine Lobby

Doch es geht um mehr als den Schulalltag. Es geht um die Kindheit an sich. Es wird immer schwerer für die Jüngeren, sich in der deutschen Gesellschaft Gehör zu verschaffen. 1970 gab es noch 24 Millionen Unter-20-Jährige in Deutschland. Heute sind es nur noch 15 Millionen. Kleine Kinder haben erst recht keine Lobby.

Kinder neigten stark dazu, Schuld auf sich zu nehmen, sagt Denecke. „Sie haben feine Antennen dafür, wenn die Gesellschaft ihnen die Verantwortung für ein Problem zuschiebt.“ Sie zitiert aus einem Brief mit den Corona-Regeln, den eine Schulleiterin an die Schüler verschickt habe. Der letzte Satz darin lautete: „Wer möchte schon schuld sein, wenn in der Familie eines Mitschülers jemand an Corona stirbt, weil man selbst zu doof oder zu uncool war, die Regeln einzuhalten?“ Denecke macht eine Pause. „Da wird einem schlecht.“

Das Bewusstsein, dass da eine Gefahr lauert, die potenziell tödlich sein könne, hat Folgen. Sie sorgt für eine Kindheit mit großen Erlebnislücken. „Mir bricht es das Herz, wenn ich sehe, wie kleinste Kinder auf dem Spielplatz voneinander zurückweichen und sich zurechtweisen“, sagt Denecke. „Menschen sind soziale Wesen, Kinder brauchen Nähe. Wir alle verlangen ganz schön viel von ihnen.“

Ginge Nähe nicht intelligenter? Ließe sich Bildung nicht schlauer organisieren als mit massenhaftem Präsenzunterricht? Schulen seien keine Orte der Masseninfektion, lautete lange unisono das Credo der Kultusminister. Doch ihr politisch befeuerter Zwangsoptimismus bröckelt.

Stefan Quandt (31), Lehrer in Nordrhein-Westfalen, hat eine klare Vermutung, warum die Schulen geöffnet bleiben sollen: „Die Behauptung, es gehe um Bildungsvermittlung, ist verlogen“, sagt er. „In Wahrheit geht es um Betreuung.“ Wissensvermittlung ließe sich vielerorts viel intelligenter organisieren als mit Präsenzunterricht – aber das sei politisch nicht gewollt. Es sei „grauenhaft“, wie Corona die Schulkultur verändert habe, sagt Quandt. „Die Tische preußisch nach vorne ausgerichtet, der Lehrer hinter dem Pult festgenagelt – das ist wie im 19. Jahrhundert. Von Regelbetrieb kann keine Rede sein.“ Insgesamt bringe die Krise alte Mängel ans Licht: „Unser Schulsystem ist träge, unterfinanziert und hat sich seit Ewigkeiten überlebt.“ Und: „Mit dem Geld, das allein die Karnevalsvereine in NRW bekommen, um über den Winter zu kommen, hätten Schulen eine Menge Luftfilter kaufen können.“

Wird Corona das kollektive Kindheitstrauma einer ganzen Generation?

Die Forschung ist erst am Anfang. Traumata entstehen seltener aus diffusen Ängsten denn aus individuell durchlittenen, existenziell bedrohlichen Situationen ohne Ausweg. Dass Einschränkungen grundsätzlich sein müssen, sehen Kinder schnell ein – „oft schneller als Erwachsene“, sagt Quandt. Es scheint aber, als fehle dem Land der Dichter und Denker die Fantasie, auch für das Glück seiner Kleinsten in der Ausnahmesituation pragmatische Lösungen zu finden.

Mehr noch: Die alternde Mehrheit des Landes kritisiert die Jüngeren auch noch permanent als egoistische Spaßgeneration. Das Zerrbild von der arglosen, feierwütigen Hedonistenjugend ist ein Beschwerdeklassiker des Generationenkampfes. Unbeschwertheit aber, Partys, Grenzen austesten, experimentieren – das ist die Essenz der Jugend.

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Nicht wenige Kinder und Jugendliche fühlen sich in einer Welt, die mit Klimakrisen, Demokratiekrisen und Marktwirtschaftskrisen schon vor Corona bedrohlich genug wirkte, um ihre Zukunft betrogen. Mag die Welt draußen eine fundamental andere sein als im Januar – die Kinder sollen bitte die gleichen Leistungen erbringen wie sonst auch, willig und flexibel sein und sich nicht über Gebühr beschweren.

In der Stadt Melle bei Osnabrück ist kürzlich ein Fachkongress ausgefallen. Die Überschrift der Absage war von einer bitteren Doppeldeutigkeit. Sie lautete: „Kindheit und Jugend in Corona-Zeiten (abgesagt)“.

Von Imre Grimm/RND

Der Artikel "Die verseuchte Kindheit" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.