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Wissen Der Wettlauf um gute Jobs startet immer früher
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10:56 08.08.2009
Von Dirk Schmaler
"Die Konkurrenz ist riesig": Bewerbungstraining in Hannover. Quelle: Rainer Dröse
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Dorothea Böhm beschäftigt sich mit der Zukunft. Sie schaut dazu nicht in Glaskugeln, und sie studiert auch nicht die Länge der Lebenslinien in Händen. Ihre Welt sind stringente Lebensläufe, die möglichst passgenau in berufliche Erfolge umzumünzen sind. Die 50-Jährige ist Karriereberaterin. Das Besondere: Sie berät Jugendliche, ihre jüngsten Klienten sind erst 14 Jahre alt.

In ihre Büroräume in München-Pasing kommen junge Menschen, die bei ihrer Berufswahl keinen Fehler machen wollen. Sie möchten nicht einfach drauflosstudieren, oder den Leistungskurs am Gymnasium nur danach auswählen, bei welchem Lehrer ihre Zensuren am besten waren. Sie wollen einen Karriereplan, der ihre Stärken und Schwächen berücksichtigt und größtmöglichen Erfolg verspricht. Mehr als 1000 junge Menschen hat Böhm schon beraten – in den vergangenen Jahren sind es immer mehr geworden. „Die Angst, den falschen Beruf zu ergreifen, ist dramatisch gestiegen“, sagt Böhm. Zum einen ist die Unübersichtlichkeit bei der Berufswahl größer geworden. Neue, sehr spezielle Studiengänge wie beispielsweise „Barrierefreie Systeme“ oder „Computer Science in Media“ lassen kaum Rückschlüsse auf Inhalte zu. Zum anderen wächst unter Schülern die Sorge davor, in wirtschaftlich schlechten Zeiten unter die Räder zu kommen.

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Während Erwachsene noch immer darauf hoffen, die Wirtschaftskrise werde noch einmal an ihnen vorbeigehen, leben viele Jugendliche schon seit Jahren im Bewusstsein der Unsicherheit. Sie haben die Krise gewissermaßen schon akzeptiert, bevor sie in den Zeitungen stand. Gerade in den Gymnasien steigt der Leistungsdruck seit Jahren. Personalleiter von großen Unternehmen berichten von 14-jährigen Praktikanten, die die Sommerferien damit verbringen, „schon mal einen Fuß in die Tür“ zu bekommen. Lehrer an den Gymnasien staunen über Schüler, die sich bei Unterrichtsausfall oder zu laxen Schulstunden beim Rektor beschweren, weil sie befürchten, nicht ausreichend für die Welt da draußen vorbereitet zu werden. Und die Eltern stehen unter ähnlichem Druck – und schicken ihre Kleinen in private Bildungseinrichtungen. In Hamburg gibt es eine Schule, die Chinesisch von der ersten Klasse an unterrichtet – schließlich gehört den Asiaten die Zukunft, sagt man. Und Zukunft ist genau das, was unter Schülern gefragt ist. Dafür tun sie mehr denn je.

Der Anteil der Nachhilfeschüler steigt rapide. Nach Angaben der Shell-Jugendstudie waren es 2002 noch 18 Prozent, mittlerweile dürften es nach Studien mehr als ein Viertel aller Schüler sein, die nach der Schule unter Anleitung weiterlernen. Das Bemerkenswerte: Längst nicht nur Schüler, die kurz vor dem Sitzenbleiben stehen, holen sich Hilfe. Mehr als ein Drittel der Nachhilfeschüler steht in den Nachhilfefächern nicht schlechter als Note drei. Aber das reicht ihnen nicht. Ähnlich wie Krieger, die in eine Schlacht ziehen, so scheint es, würden sie sich am liebsten bis an die Zähne mit Bildung bewaffnen, um im Kampf um die vorderen Plätze nicht hinten runterzufallen.

„In Zeiten der Krise gehen Sicherheiten verloren. Viele ahnen, dass sie bei der Berufswahl keine zweite Chance bekommen“, erklärt Karriereberaterin Böhm. Sie ist dazu da, den jungen Leute Gewissheiten zu geben, wo es keine mehr gibt.

Tanja Göbl hat das Angebot genutzt. Die heute 24-Jährige aus Passau suchte nach dem Abitur Böhms Rat, weil sie nicht wusste, wie es weitergehen soll. „Die Möglichkeiten sind so vielfältig, und es gab niemanden, der einen Weg vorgibt“, sagt die Studentin. Der Rat hat gewirkt. Nun studiert sie erfolgreich Kulturwissenschaft, macht Praktika und ist auf dem Weg, eine Karriere in den Personalabteilungen der Wirtschaft zu machen. Doch der Weg dahin war härter denn je. „Schon in der Schulzeit hat man immer im Kopf, wie man einen späteren Arbeitgeber davon überzeugen kann, dass er mich nimmt“, sagt sie. „Die Konkurrenz ist schon in der Schule riesig.“

Gleichzeitig spürt die Jugend das Urvertrauen vergangener Jahrzehnte nicht mehr, als Schüler noch mit einem achselzuckenden „Wird schon“ alle „Was willst Du denn mal werden“-Gespräche abwürgen konnte. „Die Zeiten sind vorbei“, sagt der hannoversche Erziehungswissenschaftler Thomas Ziehe. Jugendliche setzten sich heute viel früher mit Karriere auseinander als noch vor zehn Jahren. „Die Kinder kommen mit zwölf von der Schule und fragen, wie sie einen Einser-Schnitt im Abi erreichen können“, sagt Karen Engel, Mutter von zwei Kindern in Essen. Auch als Elternteil spüre man den Druck, seinem Kind die optimale Ausbildung zukommen zu lassen. Die Balance zwischen Kindsein und optimaler Chancenausnutzung sei schwierig. „Auch weil unsere Kinder diese Sorgen über das, was kommt, nun einmal haben“, sagt die 43-Jährige. Damals dachten Kinder beim Wort Zukunft an Star Wars oder vielleicht an Captain Kirk, heute denken sie zuallererst an ihre Berufsaussichten.

Experte Ziehe hält dies für charakteristisch. Früher habe man Schüler ermahnen müssen, auch einmal an das eigene Fortkommen zu denken, anstatt nur an die nächste Verabredung mit Freunden. „Heutige Jugendliche müssen lernen, die Frage der Zukunft nicht ständig präsent zu haben“, sagt er.

Der Erwartungsdruck unter Schülern habe enorm zugenommen, sagt Ziehe. Dabei seien es weniger die schulischen Anforderungen, die Probleme machten. Vielmehr setzten sich die Schüler selbst unter Druck. Gerade weil es so viele Möglichkeiten gibt und so viel Konkurrenz, kann man sich als Schüler eigentlich nie zufrieden zurücklehnen. Bei einigen führe das zu panikartigem Fleiß, bei den meisten jedoch zunächst nur Lähmung und dann Unzufriedenheit. Deshalb produziert die Mischung aus steigender Kinderarmut, schlechten Aufstiegschancen und hohem Druck tatsächlich mehr Verlierer als Gewinner. „Gerade bei finanziell benachteiligten Kindern führt Druck schnell zu Mutlosigkeit“, sagt Ziehe. Diese Gruppe, etwa ein Drittel jedes Jahrgangs, nimmt den Kampf um die besten Plätze gar nicht erst an.

Beides, der Leistungsdruck auf der einen, das Gefühl abgehängt zu werden auf der anderen Seite, bleibt auch psychisch nicht ohne Folgen. „Der Bedarf an schulpsychologischer Beratung steigt – besonders bei Schülern, aber auch bei Eltern und Lehrern“, sagt der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Rund 20 Prozent eines Jahrganges hätten aktuellen Untersuchungen zufolge Beratungsbedarf. Immerhin bis zu fünf Prozent bräuchten eine psychische Behandlung. Häufiger denn je sind gravierende Zukunftssorgen schuld. „Viele Eltern bringen ihren Kindern heute schon vor der Schule Lesen, Schreiben und Rechnen bei, um sie möglichst gut zu fördern“, sagt er. Das überfordere die Kleinen.

Doch während sich Psychologen und Pädagogen längst Sorgen machen über die Abgehängten und über die Gehetzten gleichermaßen, nehmen die aufstrebenden Jugendlichen selbst den Mehraufwand oft stoisch hin. Sie müssen sich rüsten. Denn anders als die Mehrheit der Deutschen gehen sie offenbar nicht davon aus, dass mit dem nächsten Aufschwung wieder alles beim Alten ist.