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Wissen Bundesländer bei Debatte übers Sitzenbleiben gespalten
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11:19 17.02.2013
Die Bundesländer sind sich uneinig darüber, ob das Sitzenbleiben abgeschafft werden soll. Quelle: dpa
Hannover/Berlin

Der Plan der rot-grünen Koalition in Niedersachsen, mittelfristig das Sitzenbleiben abzuschaffen, hat den Streit über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern neu angefacht. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD), begrüßte das Konzept und verlangte mehr individuelle Förderung für Schulkinder. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag) dagegen von blankem Unsinn: „Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus.“

Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stellte klar, dass Rot-Grün keineswegs eine sofortige Abschaffung des Sitzenbleibens plant. „Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur am Rande des SPD-Parteitages in Hannover, auf dem die Sozialdemokraten den rot-grünen Koalitionsvertrag am Samstag billigten.

Darin haben SPD und Grüne als Ziel festgeschrieben, Sitzenbleiben „durch individuelle Förderung überflüssig“ zu machen. Wie das konkret aussehen soll, bleibt offen. Heiligenstadt betonte, das Thema sei nicht vorrangig, sie verwies aber auf die guten Erfahrungen, die man mit dem Verzicht aufs Durchfallen an integrierten Gesamtschulen gemacht habe: „Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt“, sagte sie. „Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können.“

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise zu streichen. In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben seit dem Schuljahr 2010 abgeschafft. Zurzeit gilt dies für die Klassen 1 bis 9, jährlich kommt eine weitere Stufe hinzu, so dass es bis 2017 in allen Klassen kein Sitzenbleiben mehr gibt.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme.“ Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er:
„Sitzenbleiben verschwendet Lern- und Lebenszeit - es ist längst nicht mehr zeitgemäß.“

In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen (früher Haupt- und Realschulen) nicht mehr vorgesehen. Es sei denn, die Eltern wollen es unbedingt, sagte eine Sprecherin des Bildungssenats. Grundschüler wiederholen nur in Ausnahmefällen zwischen der 3. und 6. Jahrgangsstufe eine Klasse, an den Gymnasien entscheiden die Klassenkonferenzen darüber.

Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen. „Das ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben“, sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle. Geplant sei, dass einige Schulen auf die Wiederholung von Klassen und auf das Herunterstufen einer Schulart verzichten.

In Bayern drehten im vergangenen Schuljahr 2,3 Prozent der Gymnasiasten, 2,6 Prozent der Realschüler und 1,1 Prozent der Mittelschüler eine „Ehrenrunde“. Kultusminister Spaenle warnte in der „Süddeutschen Zeitung“ vor Änderungen: „Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten. Das hat nichts mit Strafe zu tun.“

Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, sagte dem Blatt: „Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist.“ Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. „Da kann man gleich eine Abitur-Vollkasko-Garantie anbieten.“

Sachsen-Anhalts Kultusminister Dorgerloh wies diese Ansicht strikt zurück: Die Wissenschaft sei zum größten Teil der Auffassung, dass das Sitzenbleiben nichts bringe, sagte der KMK-Präsident am Rande eines SPD-Landesparteitags in Magdeburg der dpa. „Wir brauchen mehr individuelle Förderung.“ Dies sähen zunehmend auch Lehrer und Eltern so.

dpa

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