Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Zweifel am Erfolg der Energiewende
Mehr Welt Wirtschaft Zweifel am Erfolg der Energiewende
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:45 28.05.2012
Schwarz-Gelb befürchtet eine Energiekostenexplosion durch die Energiewende. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

In der schwarz-gelben Koalition wachsen die Zweifel an der Machbarkeit der Energiewende. „Es wird teurer für den Bürger", sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle der "Welt". „Wir brauchen über 4000 Kilometer neue Stromleitungen, wir brauchen Gaskraftwerke. Schon jetzt merken die Leute, dass die Stromrechnung nach oben geht." Möglicherweise seien mehr Gas- und Kohlekraftwerke nötig, um die Abschaltung der Atommeiler abzufedern. Brüderles Sprecherin sagte, die Aussagen seien nicht als Zweifel am Atomausstieg zu verstehen.

Verbraucherschützer plädieren für eine Senkung oder Abschaffung der Stromsteuer, um Mehrkosten beim Strompreis durch die Förderung erneuerbarer Energien und den Netzausbau aufzufangen. Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) war zu Pfingsten bemüht, Spekulationen im Keim zu ersticken, angesichts der Probleme könne die Regierung den Fahrplan zum Atomausstieg bis 2022 infrage stellen.

Anzeige

„Die Kernenergie in Deutschland ist Geschichte", sagte er der "Welt am Sonntag". Altmaier betonte, der Ausstieg sei beschlossen. „Ich kenne keine ernstzunehmende Kraft in Deutschland, die ihn revidieren will. Es wird kein Zurück geben." Die Akzeptanz sei in Deutschland nach Fukushima nicht mehr vorhanden. "Deutschland kann als erste Volkswirtschaft in Europa die Energiewende schaffen."

Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs sagte der „Welt am Sonntag": "Bisher reduziert sich die Energiewende leider darauf, dass wir die Atomkraftwerke abschalten wollen, aber die Konsequenzen nicht zu Ende gedacht haben." Der Sozialflügel der Union warnte Fuchs und andere Vertreter des Wirtschaftsflügels davor, den stufenweisen Atomausstieg bis 2022 infrage zu stellen und die Energiewende zu sabotieren.

Zusammen mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht Altmaier an diesem Dienstag die Bundesnetzagentur in Bonn, um sich über Probleme beim schleppenden Netzausbau zu informieren. In ihrer wöchentlichen Videobotschaft räumte Merkel an Pfingsten ein, dass es gerade beim Bau der großen Überlandleitungen große Probleme gebe. "Hier sind wir an vielen Projekten im Rückstand." Da dränge die Zeit, betonte die Kanzlerin.

Nach Schätzungen der Deutschen Energie-Agentur sind knapp 4500 Kilometer an Stromautobahnen notwendig, um Windstrom aus dem Norden in den Süden zu bekommen. "Es geht zu langsam", sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, der "taz". 1800 Kilometer Hochspannungstrassen seien 2009 geplant worden. "Davon sind erst 214 gebaut und 11 Kilometer in Betrieb genommen", sagte Homann.

Brüderle sprach von einem ehrgeizigen Ziel, den Ökostromanteil bis zur Abschaltung der letzten Atommeiler im Jahr 2022 auf 40 Prozent zu steigern. Bisher gibt es zu wenig Anreize für den Bau von neuen Kohle- oder Gaskraftwerken als AKW-Ersatz. Es ist unklar, ob sie bei immer mehr Solar- und Windstrom genug Betriebsstunden bekommen. Da Sonne und Wind schwanken, sind weiter konventionelle Kraftwerke nötig.

Zu Pfingsten zeigten sich aber auch die positiven Effekte der Energiewende. Das sommerliche Wetter bescherte zeitweise einen Rekord bei der Sonnenstromproduktion. „Wir gehen von 22.000 Megawatt aus. Das entspricht der Leistung von mehr als 20 Atomkraftwerken", sagte der Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR), Norbert Allnoch der Deutschen Presse-Agentur.

Die Förderkosten zahlen die Verbraucher per Ökoenergie-Umlage über ihre Stromrechnung mit. Kürzungsvorschläge der Regierung bei der Förderung um 30 Prozent hatten die Länder mit Rücksicht auf bei ihnen beheimatete Solarfirmen abgelehnt. Altmaier will eine rasche Einigung, zugleich aber auch der kriselnden deutschen Solarindustrie unter die Arme greifen, damit sie sich im Wettbewerb behaupten kann.

Für 2013 droht nach Branchenschätzungen wegen einer steigenden Ökoenergie-Umlage ein Strompreisanstieg. Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) forderte daher eine Senkung der Stromsteuer. In der „Bild am Sonntag" plädierte er für ein flexibles Modell. Demnach würde die Stromsteuer gesenkt, wenn die Ökoenergie-Umlage steigt.

Der Energieexperte Holger Krawinkel von der Verbraucherzentrale Bundesverband sagte der Deutschen Presse-Agentur, notfalls müsse man auch über ein komplettes Aus für die Steuer nachdenken, um Mehrkosten durch Ökoenergie-Förderung und Netzentgelte aufzufangen. Es sei die Aufgabe der Kanzlerin, dass notfalls im Staatshaushalt mehrere Milliarden umgeschichtet werden, um die Energiewende zu stemmen.  

dpa

Mehr zum Thema

Bei der Energiewende sollen nach den Plänen der Koalition Kapazitäten von abgeschalteten Atomkraftwerken für eine gewisse Zeit als stille Reserve genutzt werden. Dies erfuhr am Sonntagabend die Deutschen Presse-Agentur dpa aus Kreisen der Koalitionsspitzen von Union und FDP.

29.05.2011

FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle sorgt sich um zu hohe Kosten durch die Energiewende. „Es wird teurer für den Bürger. Wir brauchen über 4000 Kilometer neue Stromleitungen, wir brauchen Gaskraftwerke. Schon jetzt merken die Leute, dass die Stromrechnung nach oben geht.“

27.05.2012

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will in einer Spitzenrunde mit den Ministerpräsidenten die massiven Probleme beim Netzausbau in Deutschland besprechen. Das Treffen soll am 23. Mai in Berlin stattfinden. Merkel sagte der "Rheinischen Post", bis Ende des Jahres solle es ein Gesetz geben.

20.04.2012
Wirtschaft Maßnahmen für den Fall der Fälle - Schweiz wappnet sich für Euro-Zusammenbruch
28.05.2012
27.05.2012