Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Wirtschaftsexperten: Corona-Krise könnte Wende am Immobilienmarkt bringen
Mehr Welt Wirtschaft Wirtschaftsexperten: Corona-Krise könnte Wende am Immobilienmarkt bringen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 26.03.2020
Die Corona-Krise trifft auch den Wohnungsmarkt: Besichtigungen finden nicht mehr statt. Sind kräftig steigende Mieten und Kaufpreise Geschichte? Quelle: imago images / Ralph Peters
Frankfurt/Main

Die Corona-Krise dürfte nach Einschätzung von Ökonomen den Anstieg der Mieten und Immobilienpreise dämpfen. Selbst ein Ende des zehnjährigen Immobilienbooms in Deutschland sei denkbar, wenn sich die Krise noch Monate hinziehe und der Alltag der Menschen stark eingeschränkt bleibe. Das würde Mietern und Immobilienkäufern nach den rasanten Aufschlägen der vergangenen Jahre Luft verschaffen.

Angesichts der Unsicherheit über die Folgen der Pandemie und der Ausgangsbeschränkungen dürfte der Wohnungsmarkt in den nächsten beiden Monaten zum Erliegen kommen, sagte Michael Voigtländer, Immobilienexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). "Besichtigungen finden kaum statt, und viele Käufer halten sich zurück, weil sie um ihre Jobs bangen oder schrumpfende Einkommen erwarten."

Rückgänge bei Kundenanfragen

Bei Google-Suchen zu Kaufen, Mieten oder Wohnen seien schon Rückgänge zu beobachten, was Voigtländer als Indikator wertet. Auch Vermittler von Baufinanzierungen wie Hüttig & Rompf verzeichneten zuletzt einen Rückgang bei den Kundenanfragen.

Mehr zum Thema

Coronavirus: Umsätze der Lebensmittelbranche haben sich verdoppelt

Europas Agrarminister versprechen: Es wird genug Lebensmittel geben

Er erwarte eine Stagnation der Immobilienpreise oder leichte Rückgänge, sagte Voigtländer. "Ich bezweifle, dass etwa die ambitionierten Preise bei Neubauten derzeit noch durchzusetzen sind." Der Immobilienmarkt könne sich einem Einbruch der Wirtschaft, wie ihn Ökonomen vorhersagen, nicht entziehen. Das glauben auch Volkswirte der Landesbank Helaba: Alle Immobilienzyklen in Deutschland hätten in den vergangenen Jahrzehnten mit einer Rezession geendet.

Beschränktes Potenzial für Mietsteigerungen

Das Potenzial für Mietsteigerungen sei ebenfalls beschränkt, sagte Voigtländer, denn die Einkommen dürften weniger stark steigen als vor der Krise. Daneben belasten auch neue Vorschriften zum Mieterschutz bei Zahlungsverzug die Vermieter: Sie dürfen Mietern nicht mehr kündigen, weil diese wegen der Corona-Krise die Miete nicht zahlen können. Gelten soll dies zunächst für Mietschulden von April bis Ende Juni, wie das Bundeskabinett am Montag beschloss.

Große Wohnungskonzerne haben Mietern bereits Zugeständnisse gemacht: So verzichtet LEG Immobilien im Zusammenhang mit der Corona-Krise vorerst auf Mietsteigerungen oder Kündigungen. Auch Vonovia sieht wegen der Pandemie bis auf Weiteres von höheren Mieten ab, und Deutsche Wohnen hat zugesagt, Zahlungen zu stunden.

“Die rosigen Zeiten für Vermieter sind vorbei”

"Die rosigen Zeiten für Vermieter sind vorbei, und der Verhandlungsspielraum für Mieter könnte wieder wachsen", sagte Voigtländer. "Viele Vermieter dürften erst mal froh sein, wenn sie zuverlässige Mieter nicht verlieren."

Ähnlich sieht Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der Bochumer EBZ Business School, die Lage. "Wer nicht muss, kauft in der Krise keine Immobilie oder verschiebt den Umzug in eine größere Wohnung", sagte er. Ein Anstieg von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit verringere den finanziellen Spielraum, den Haushalte für die Miete hätten. "Einige Verträge könnten für Mieter zu teuer werden."

Druck auf Immobilienpreise wächst

Bei Immobilienkäufern komme dazu, dass Menschen mit Aktienvermögen im jüngsten Börsencrash viel Geld verloren hätten - das fehle nun zum Wohnungskauf. Der Druck auf die Immobilienpreise wachse, so Vornholz. Für Großanleger blieben Immobilien zwar attraktiv. Doch es sei unklar, ob sie die hohen Preise zahlten, wenn es Unsicherheit über die Mieteinnahmen gebe. Auch ein Ende des langen Immobilienbooms sei denkbar, meint Vornholz. "Wenn die Corona-Krise lange dauert und die Einschränkungen im Alltag bleiben, könnte das die Wende bedeuten."

Mehr zum Thema

Corona und Ihr Recht: Schicken Sie uns Ihre Fragen

Klöckner: Einreisesperre “trifft Landwirte enorm hart”

Corona-Krise: Seehofer ordnet Einreiseverbot für Erntehelfer an

Ein Einbrechen der Mieten und Kaufpreise sieht IW-Experte Voigtländer aber nicht. Preisrückgänge um 30 Prozent, wie manche Beobachter schon prophezeiten, halte er für unwahrscheinlich. "Die Wohnungsknappheit in den Städten bleibt, die Zinsen für Finanzierungen sind niedrig, und viele Menschen haben hohe Vermögen." Mit ihren Zinssenkungen in der Corona-Krise haben Notenbanken zuletzt die Niedrigzinsen zementiert.

Auch an der Wohnungsknappheit in vielen Städten dürfte sich so schnell nichts ändern. Denn die Corona-Krise trifft auch die Baubranche. Mancherorts kommt es schon zu Verzögerungen. "Große Baufirmen haben Probleme, da bei Subunternehmen ausländische Arbeitskräfte fehlen", berichtet der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB). Die Bauarbeiten im Land gingen weiter, wenn auch mit erhöhten Vorsichtsmaßnahmen. "Die Arbeiter müssen Abstand halten und notfalls in versetzten Schichten arbeiten."

RND/dpa

Der Artikel "Wirtschaftsexperten: Corona-Krise könnte Wende am Immobilienmarkt bringen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Die Corona-Krise bringt den Milchmarkt durcheinander: Während Supermärkte mit einer Rekordnachfrage kämpfen, brechen gleichzeitig an den internationalen Agrarmärkten die Preise für Milcherzeugnisse ein. Wie kann das sein?

26.03.2020

Deutschland fährt runter, viele Betriebe stehen still. Doch gleichzeitig sind einige Berufe nun besonders relevant – und zwar auffällig viele, in denen vor allem Frauen tätig sind. Warum das kein Zufall ist, erklärt die Soziologin Lena Hipp im Interview mit dem RND.

25.03.2020

Viele Betriebe und Restaurants sind geschlossen – in den Supermärkten herrscht hingegen Hochbetrieb. Die Umsätze habe sich jüngst verdoppelt und es wird eiligst neues Personal rekrutiert. Zugleich setzen immer mehr Geschäfte auf Zutrittsbeschränkungen.

25.03.2020