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Wirtschaft Wird die Exportstärke der Deutschen nun zur Last?
Mehr Welt Wirtschaft Wird die Exportstärke der Deutschen nun zur Last?
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19:52 05.07.2009
Von Michael Grüter
45 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung gehen ins Ausland. Quelle: afp
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Zaghaft setzt ein Umdenken ein, das am Ende das traditionelle Entwicklungsmodell der deutschen Wirtschaft infrage stellen kann. Bei einer Tagung des Deutschen Gewerkschaftsbundes räsonierte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) dieser Tage über die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft. 45 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung gingen ins Ausland, in Japan liegt der vergleichbare Wert bei 20 bis 25 Prozent, in den USA bei zwölf bis 15 Prozent. „Hier ist unsere weiche Seite“, sagte der SPD-Politiker.

Bisher war die Exportstärke der deutschen Wirtschaft eine Frage des nationalen Selbstverständnisses. Der Titel „Exportweltmeister“ hat fast so einen positiven Klang wie „Fußballweltmeister“. Hier schlagen sich 60 Jahre Wirtschaftsgeschichte nieder, die geprägt sind vom Aufstieg aus Trümmern zum Industrieausrüster der Welt. Die deutschen Exporte sind inzwischen 133-mal so hoch wie Anfang der fünfzigr Jahre. Mit fast einer Billion Euro erreichten die deutschen Ausfuhren im vergangenen Jahr fast ein Zehntel der weltweiten Exporte.

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Den Platz auf der Siegertreppe der Weltwirtschaft hat sich Deutschland hart erkämpft. Im „Wirtschaftswunder“ der Sechziger spiegelte sich bereits die gestiegene Exportstärke. 1986 bis 1988 und auch noch 1990 errang die Bundesrepublik den Titel Exportweltmeister. Die deutsche Vereinigung bewirkte einen Rückschlag: Die Exportquote sackte Anfang der Neunziger von 27 auf 22 Prozent. Befeuert von einer heftigen Standort- und Kostendiskussion bauten die Unternehmen ihre Konkurrenzfähigkeit aus. Zudem profitierten sie von Einführung des Euro. In den Euro-Raum gehen fast zwei Drittel der deutschen Exporte. Seit 2002 hält die deutsche Industrie wieder den Titel. Im vergangenen Jahr errang sie ihn zum sechsten Mal in Folge. Weltweit Marktführer sind deutsche Produzenten, nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2007, in den Bereichen Maschinenbau, Kraftfahrzeuge, Kunststoffe, pharmazeutische Produkte. Die Silbermedaille erhielten sie bei optischen Instrumenten, Eisen und Stahl sowie Produkten der chemischen Industrie. In der Kategorie Luft- und Raumfahrzeuge langte es zur Bronzemedaille.

Ist das, was bislang als Spitzenplatz auf dem Siegertreppchen im internationalen Wettbewerb gewertet wurde, nun zum Signal einer deutschen Schwäche geworden? Zum Ausdruck dessen, was die Deutschen verlieren können? Im April sackten die deutschen Warenexporte um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab. Deutschland wird von den Schockwellen der US-Finanzkrise im besonderen Maße erschüttert. Die Bundesbank notierte jüngst mit einer gewissen Verwunderung, das „schlechte Abschneiden einiger Länder, die selbst nicht im Zentrum der Finanzmarktturbulenzen stehen“. So verbuchte das produzierende Gewerbe in den USA im März einen Rückgang um 15,5 Prozent im Jahresvergleich. „In Deutschland betrug das Minus jedoch 23 Prozent, und Japan musste sogar einen Rückgang um 35,5 Prozent hinnehmen.“

„Durch unsere Exportlastigkeit sind wir unfreiwillig in die Rolle des Stoßdämpfers der Welt geraten“, erklärt der Präsident des Münchener Ifo-Institutes Hans-Werner Sinn die Entwicklung. Und die Weltwirtschaft fährt offensichtlich gerade über eine Rüttelstrecke. Der beispiellose Einbruch der deutschen Exporte ist für die Bundesbank noch nicht Folge von Protektionismus. Er hat etwas mit der Art der Produkte zu tun. Die Deutschen haben offenbar vor allem etwas im Angebot, dessen Anschaffung sich hinausschieben lässt: Investitionsgüter und hochpreisige Kraftfahrzeuge. Diese Wirtschaftszweige reagieren in heftigeren Ausschlägen auf die wirtschaftliche Entwicklung als die Produktion von Konsumgütern. Außer an den Einbußen im Exportgeschäft leiden die Deutschen auch im besonderen Maße unter den Abschreibungen bei vergifteteten Wertpapieren. Denn die Deutschen sparen seit Langem wie die Weltmeister. Sie legten 13,1 Prozent des Nationaleinkommen auf die hohe Kante. Statt es im Lande zu investieren, verliehen sie ihr Geld in alle Welt, zum Beispiel durch Kauf von Zertifikaten, und erlaubten dort jene Anschaffungen auf Pump, von denen deutsche Exporteure so lange profitierten, bis die Blase platzte. „Kein anderes großes Land wird derzeit von außen so stark gebeutelt wie Deutschland“, schreibt Sinn

„Die alte Strategie ,Maschinen gegen Lehman-Brothers-Zertifikate‘ hat nicht funktioniert. Wir müssen uns ein neues Geschäftsmodell suchen“, fordert der Ifo-Präsident. Der amerikanische Deutschlandexperte Adam Posen erklärt: „Ihr müsst mit dem Exportwahnsinn aufhören. Langfristig bringt eine ausgewogene Struktur mehr Wohlfahrtsgewinne.“ Differenzen gibt es darüber, was folgen soll. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädiert für Lohnsteigerungen. Sinn drängt hingegen auf mehr Flexibilität. Die Abwanderung konsumnaher Produktion wie der Textilindustrie sei einer nivellierenden Lohnpolitik geschuldet.

Bundesbankpräsident Axel Weber setzt darauf, dass Deutschland von der hohen Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen auch wieder profitieren werde, wenn es wieder aufwärtsgehe. Im Übrigen suggeriere der Begriff „Geschäftsmodell“ eine Art zentraler Steuerung. Das komme ihm befremdlich vor. Zwar könne die Wirtschaftpolitik auf die Exportorientierung Einfluss nehmen, doch letzten Endes werde die Entwicklung von dezentralen Marktprozessen bestimmt. „Diese und nicht irgendwelche makroökonomischen Strategiewechsel werden primär darüber entscheiden, wie sich Weltmarktanteile und Handelsströme verschieben.“