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Wirtschaft Weber contra Trichet: Wer setzt sich durch?
Mehr Welt Wirtschaft Weber contra Trichet: Wer setzt sich durch?
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13:55 23.10.2010
Jean-Claude Trichet (r.), Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), und der Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber.
Jean-Claude Trichet (r.), Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), und der Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber. Quelle: dpa
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In knapp einem Jahr ist es soweit: Am 1. November 2011 bekommt die Europäische Zentralbank (EZB) ihren neuen Präsidenten. Viele deutsche Politiker und Manager sähen dann gern Bundesbank-Präsident Axel Weber (53) auf dem Chefsessel. Doch noch gibt der Franzose Jean- Claude Trichet (67) bei der EZB den Ton an - was er jüngst in einem Interview in ungewöhnlich scharfer Form deutlich machte.

Webers Dauerkritik an der EZB-Entscheidung von Anfang Mai, Staatsanleihen von Schuldensündern wie Griechenland und Portugal aufzukaufen, ließ dem sonst so besonnen auftretenden Franzosen den Kragen platzen. Trichet betonte in einem Interview mit in der italienischen Zeitung „La Stampa“: „Es gibt nur eine Einheitswährung, nur einen EZB-Rat, nur eine geldpolitische Entscheidung und nur einen EZB-Präsidenten, der auch der Sprecher des Rates ist!“

Ebendieser Rat hatte am 10. Mai 2010, unmittelbar nachdem Europas führende Politiker in dramatischen Nachtsitzungen ein gigantisches Rettungspaket für hoch verschuldete Euro-Länder geschnürt hatten, seinen Beitrag zur Euro-Rettung verkündet. In der Mitteilung hieß es: „Der EZB-Rat hat mehrere Maßnahmen beschlossen, um den starken Spannungen in einigen Marktsegmenten entgegenzuwirken“, unter anderem: „Interventionen an den Märkten für öffentliche und private Schuldverschreibungen im Euro-Währungsgebiet (...) durchzuführen“.

Seither erwarb die Zentralbank Staatspapiere für rund 63,5 Milliarden Euro - ein Tabubruch für eine unabhängige Notenbank. Es hagelte Vorwürfe, die EZB habe sich politischem Druck gebeugt. Trichet verteidigte die Maßnahmen als eine notwendige Reaktion auf die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Inhaltlich stellte sich Weber schon kurz nach dem EZB-Beschluss an die Spitze der Kritiker. Der „Börsen-Zeitung“ sagte er am Tag nach der EZB-Mitteilung: „Der Ankauf von Staatsanleihen birgt erhebliche stabilitätspolitische Risiken, und daher sehe ich diesen Teil des Beschlusses des EZB-Rats auch in dieser außerordentlichen Situation kritisch.“

In einer Rede in New York am 12. Oktober stellte Weber laut Redetext fest, es gebe „keinen Beleg dafür, dass die Anleihenkäufe irgendeine spürbare Auswirkung“ hätten. Sie sollten daher möglichst bald beendet werden. „Weber hat damit mitnichten für den EZB-Rat gesprochen, das wollte er auch nie“, sagt ein Bundesbanker.

Allerdings lässt sich der gebürtige Rheinland-Pfälzer nicht den Mund verbieten - was Weber schon kurz nach seinem Antritt an der Bundesbankspitze 2004 deutlich machte: Obwohl auf Vorschlag des damaligen Bundesfinanzministers Hans Eichel (SPD) berufen, zögerte er in seinem ersten Amtsjahr nicht, die damals von Berlin betriebene Aufweichung des europäischen Stabilitätspaktes heftig anzugreifen.

Auch in der aktuellen Auseinandersetzung steht Weber nicht alleine da. „Weber hat eine extrem wichtige Debatte wieder eröffnet: Der Ankauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank birgt erhebliche Inflationsgefahren“, betont der Chefvolkswirt von Barclays Capital, Thorsten Polleit. Der Mannheimer Volkswirt Klaus Adam, der mal bei der EZB tätig war, meint: „Es gibt in größeren Teilen des Euro- Systems Bedenken, was den Kauf von Staatsanleihen durch die EZB angeht.“

„Weber stellt sich als konservativer Zentralbanker heraus, der sich dem Ziel von Stabilität und dem Kampf gegen die Inflation glaubwürdig verschrieben hat. Das könnte in Zeiten nach der Krise gefragt sein“, urteilt Adam. „Und er tut das, obwohl deutlich ist, dass er damit seine Chancen auf den EZB-Chefposten nicht erhöht.“

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank in London, wägt indes ab: „Insgesamt gibt es im angelsächsischen Raum wesentlich mehr Verständnis für die Position Trichets. Bisher hat das Gesamtpaket, das Anfang Mai gezimmert wurde, recht gut geholfen. Die Lage wurde beruhigt, Reformen angestoßen.“ Allerdings gebe es auch „Anerkennung für die seit Jahrzehnten konsequente Haltung der Bundesbank, Geldpolitik und Fiskalpolitik strikt zu trennen“.

Sollte Weber, der als geldpolitischer Hardliner („Falke“) mit Preisstabilität als wichtigstem Ziel gilt, von der Politik auf den EZB-Chefposten gehievt werden, wird er zwischen unterschiedlichen Positionen vermitteln müssen. „In einer Multikulti-Institution wie der EZB muss man Kompromisse eingehen, das wird Weber nicht leicht fallen“, sagt ein Weggefährte.

dpa

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