Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Versandhaus Quelle ist am Ende
Mehr Welt Wirtschaft Versandhaus Quelle ist am Ende
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:56 20.10.2009
Von Lars Ruzic
Das Vorzeigeunternehmen der frühen Jahre hat den Anschluss verpasst – das Versandhaus Quelle macht dicht.
Das Vorzeigeunternehmen der frühen Jahre hat den Anschluss verpasst – das Versandhaus Quelle macht dicht. Quelle: ddp
Anzeige

So einen Start in den Arbeitstag wünscht man niemandem. Von ihrer Kollegin muss Katharina Almasi an diesem Dienstagmorgen erfahren, dass es ihren gemeinsamen Arbeitgeber schon bald nicht mehr geben wird. Seit 19 Jahren arbeitet sie in Nürnberg für Quelle, packt dort die zurückgesandten Waren aus. Bis zuletzt hatte die 58-Jährige gehofft, das Unternehmen könne aus der Insolvenz heraus noch gerettet werden. „Es ist schlecht, ganz schlimm.“ So kurz vor der Rente glaubt sie nicht, jemals wieder einen Job zu finden. „Nein, das kannst du vergessen.“ Sie schüttelt mit dem Kopf. „Selbst die Jungen bekommen ja schon nichts mehr.“ Es ist dieses Gefühl der Taten- und Ausweglosigkeit, das an diesem Tag die zuletzt 7000 Beschäftigten des traditionsreichen Versandhändlers befällt, der sich einst rühmte, der größte Europas zu sein. Mit Särgen und in Schwarz gekleidet erscheinen einige später zur Betriebsversammlung. Andere flüchten sich in Sarkasmus und befestigen Flaggen mit der Aufschrift „Quelle sagt Danke“ an ihren Autos. Die meisten der Mitarbeiter im Herzen der Quelle, dem Raum Fürth/Nürnberg, werden nur noch für diesen Monat ihren Lohn erhalten.

Es ist das abrupte Ende eines misslungenen Rettungsversuchs. Bis zuletzt hatte der Insolvenzverwalter des Mutterkonzerns Arcandor, Klaus Hubert Görg, mit potenziellen Investoren für den Versandhandelsbereich der Essener Mutter verhandelt. Doch ausgerechnet die Mutter aller Marken in diesem Segment, die deutsche Quelle, erwies sich als Klotz am Bein, den kein Interessent mitziehen wollte.

Grund war die fehlende Bereitschaft der Quelle-Banken, das sogenannte Factoring über das Jahresende hinaus zu verlängern. Im für die Versandbranche typischen Factoring-Geschäft kaufen Banken die Forderungen des Unternehmens gegenüber seinen Kunden auf und finanzieren das Geschäft vor. Die Unsicherheit über die Sanierungserfolge bei Quelle ließen Valovis-Bank, Commerzbank und Bayern LB jedoch knauserig werden. Einer zwischenzeitlichen Verlängerung des Vorschussgeschäfts stimmten sie nur zu, weil der Staat mit einem Massekredit in Höhe von 50 Millionen Euro für mögliche Forderungsausfälle gerade stand. Um die Gelder des Bundes und der Länder Bayern und Sachsen als größte Quelle-Standorte hatte es im Sommer eine für die Beschäftigten nervenaufreibende politische Debatte gegeben – vor allem auch innerhalb der CSU. Während deren Vorsitzender Horst Seehofer ohne Wenn und Aber für einen Kredit eintrat, gab sich sein Parteifreund, Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, zurückhaltender und brachte seinerseits bereits eine Abwicklung ins Gespräch.

Das lange Hin und Her habe das Aus für Quelle noch beschleunigt, kritisierten am Dienstag die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und die bayerische SPD. „Es hätte für Quelle eine Perspektive gegeben, wenn die CSU-Staatsregierung sich wirklich bemüht hätte“, sagte Bayerns SPD-Landeschef Florian Pronold. Die stellvertretende ver.di-Chefin Margret Mönig-Raane bezeichnete das Scheitern des Traditionsunternehmens als „tragischen Schlusspunkt einer Reihe unternehmerischer und politischer Fehlentscheidungen“.

Vor allem die Managementfehler hatten sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Seit der Fusion mit Karstadt vor zehn Jahren hat das einstige Vorzeigeunternehmen der Wirtschaftswunderzeit einen stetigen Niedergang erlebt. Durch den Zusammenschluss hätten sich die Geschäfte der Karstadt-Tochter Neckermann und von Quelle mehr kannibalisiert als befruchtet, kritisieren Handelsexperten. Außerdem habe der Konzern das Erfolgspotenzial des Absatzkanals Internet zu spät erkannt. Hinzu kommt, dass der Universalkatalog ebenso wenig dem heutigen Kaufverhalten entspricht wie das Warenhaus. So hat Quelle auf individualisierte Kundenwünsche zu spät mit Sonderkatalogen reagiert.

Quelle-Konkurrent Otto umgarnt seine Kundschaft konsequent mit einer Vielzahl von Spezialkatalogen und erzielt mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Internet. Entsprechend gut kann sich das Familienunternehmen am Markt behaupten. Der Branche insgesamt geht es nicht schlecht. Der Bundesverband des Deutschen Versandhandels erwartet in diesem Jahr ein Umsatzplus von zwei Prozent auf 29,1 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte davon werde erstmals online abgewickelt. „Die Online-Intelligenz von Platzhirschen wie Amazon oder Ebay ist unser Maßstab“, sagte unlängst Otto-Chef Hans-Otto Schrader. Mit anderen Worten: Quelle war längst kein ernst zu nehmender Konkurrent mehr. Gleichwohl meldete er Interesse an Spezialversendern wie Baby Walz oder Hess Natur an. Auch der Verkaufssender HSE24 und das gesunde Auslandsgeschäft von Quelle sollten schnell verkauft werden.

Gustav Schickedanz würde es nicht wahrhaben wollen. Der Unternehmer, der am 26. Oktober 1927 sein „Versandhaus für Textilien und Haushaltsartikel“ ins Handelsregister der Stadt Fürth eintragen ließ, gilt zusammen mit Werner Otto und Josef Neckermann als Gallionsfigur des deutschen Wirtschaftswunders. Die drei Unternehmerpersönlichkeiten prägten die Einkaufsrealität der konsumhungrigen Deutschen der Nachkriegszeit.

Schickedanz’ zweite Frau Grete hatte den Konzern nach dessen Tod 1977 in seinem Sinne fortgeführt. Mit dem Abgang des Unternehmerehepaars habe der Niedergang des Konzerns begonnen, ärgern sie sich nun in Fürth.

Tatsächlich sehen das auch viele im Einzelhandel so. Die Insolvenz von Arcandor sei das Ergebnis von 25 Jahren Herrschaft der Finanzmanager über einen einst gut aufgestellten Handelskonzern, schrieb unlängst der Unternehmensberater Dieter Hofmann im „Manager-Magazin“. „Sie haben keine eigenständigen Konzepte entwickelt, mit denen sie sich vom Wettbewerb hätten abgrenzen können, sondern nur herumprobiert und von der Konkurrenz abgekupfert.“ Die Branche selbst hätten die Topmanager ohnehin „bestenfalls vom Anzugkaufen“ gekannt.

Darunter zu leiden hatte nicht nur Quelle, sondern auch Karstadt. Auch dort verhandeln Insolvenzverwalter bislang ohne Ergebnis mit potenziellen Investoren. Das Interesse des Konkurrenten Kaufhof war zuletzt – zumindest öffentlich – erkaltet. Eben weil sie kaum etwas über den Fortgang der Gespräche erfahren, habe die Entwicklung bei Quelle die Karstadt-Kollegen geschockt, berichtet der hannoversche Betriebsratschef Rolf Stenzel. Er sieht negative Folgen etwa bei der Warenbeschaffung, die aufgrund höherer Mengen gemeinsam günstiger möglich war. Die Belegschaft müsse sich die Frage stellen, wie weit sie überhaupt Zugeständnisse beim Lohn erbringen solle. Am Freitag befindet darüber die Tarifkommission von ver.di. „Bei Quelle haben die Kollegen kräftig Federn lassen müssen“, sagt Stenzel, „und das hat am Ende auch nicht geholfen.“

Im Gegenteil: Sie müssen nun mitansehen, dass ihr Unternehmen in Windeseile abgewickelt wird. In den nächsten vier bis sechs Wochen will Insolvenzverwalter Görg die Lager leerräumen. Den Kunden winken im Internet drastische Rabatte auf die Katalogpreise. Der Rechtsanwalt sprach von einer „effizienten Form der Lagerräumung“ und von einem „geordneten Ausverkauf“, von dem er sich Erfolg verspreche. Dazu müsse Quelle aber vorerst funktionstüchtig bleiben, ein Teil der Beschäftigten werde daher noch gebraucht. Mit dem Erlös des Ausverkaufs könnten diese dann auch geringfügig über den Oktober hinaus bezahlt werden. Für langgediente Mitarbeiter wie Katharina Almasi kann das freilich kein Trost sein.

Mehr zum Thema

Der insolvente Fürther Versandhändler Quelle wird nur noch vier bis sechs Wochen am Markt bleiben. Danach sollen die Läger geräumt sein, wie Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg am Dienstag in Fürth mitteilte. Bis zu 5000 der 7000 Quelle-Mitarbeiter in Deutschland werden wohl ihren Job verlieren.

20.10.2009

Mehr als 80 Jahre nach seiner Gründung steht das deutsche Traditionsunternehmen Quelle vor dem Aus. Trotz intensiver Verhandlungen habe sich kein Investor für den insolventen Versandhändler gefunden, teilte das Mutterhaus Arcandor mit.

20.10.2009

In deprimierter und zum Teil auch wütender Stimmung hat am Dienstagnachmittag eine Betriebsversammlung beim insolventen Versandhändler Quelle in Nürnberg begonnen. Die Insolvenzverwaltung will den Mitarbeitern dabei erläutern, wie die endgültige Abwicklung des traditionsreichen Unternehmens ablaufen wird.

20.10.2009