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Wirtschaft VW startet in eine neue Ära
Mehr Welt Wirtschaft VW startet in eine neue Ära
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22:28 22.04.2010
Applaus für Hussain Ali Al-Abdulla: Das neue VW-Aufsichtsratmitglied mit Aufsichtsratschef Ferdinand Piech.
Applaus für Hussain Ali Al-Abdulla: Das neue VW-Aufsichtsratmitglied mit Aufsichtsratschef Ferdinand Piech. Quelle: dpa
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VW-Aktionäre kommen eigentlich vor allem wegen der Autoschau jedes Jahr zur Hauptversammlung nach Hamburg. Sie lassen sich am Bugatti fotografieren und wollen Neuheiten sehen, die es beim Händler noch nicht gibt. Aber diesmal sind sie auch seinetwegen gekommen: Auf der Bühne steht Dr. Hussain Ali Al-Abdulla aus Doha in Katar, Vice Chairman of Katar Holding. So wird der Kandidat für den Aufsichtsrat in der Tagesordnung vorgestellt.

Mehr muss den 2500 Gästen im Congress Centrum auch nicht gesagt werden, sie sehen hinter dem nicht sehr großen Mann mit dem dunklen Anzug und der Designer-Brille mehr. Sie sehen den Vertreter des mit 17 Prozent drittgrößten VW-Aktionärs, milliardenschwer, als Investor gefragt in aller Welt, Zünglein an der Waage im Machtkampf mit Porsche. Der Mann aus dem Nahen Osten wird mit freundlichem Applaus begrüßt, wie ein neues Mitglied in der Konzernfamilie.

Al-Abdulla bedankt sich für die Ehre, dabei sein zu dürfen und lobt VW für die „revolutionäre Fusion mit Porsche“. Für die Kleinaktionäre hat der Wandel „ihres“ Konzerns nun ein Gesicht. Al-Abdulla steht für die Zeitenwende bei VW. Die Autos fahren längst in aller Welt. Jetzt, knapp 60 Jahre nach Privatisierung, Volksaktie und VW-Gesetz, wird VW auch auf der Eigentümerseite zum Weltkonzern. Die Letzten merken es, als der Übersetzer neben Al-Abdulla tritt, um dessen englische Worte auf Deutsch zu wiederholen.

Eigentlich gehört der Kampf für die deutsche Sprache zur Hauptversammlungsfolklore. Auch der VW-Vorstand wird sich später wieder für Anglizismen in Werbung und Geschäftsberichten rechtfertigen müssen. Aber im Fall des neuen Großaktionärs ist es dann zum Glück doch etwas anders. Applaus noch einmal für Al-Abdulla.

Im Aufsichtsrat wird er Roland Oetker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ersetzen, und ein weiterer Katari ist bereits auf dem Weg. Vorerst als „kooptierter Gast“ wird künftig ein weiterer Vertreter des Emirats an den Aufsichtsratssitzungen teilnehmen und wohl im nächsten Jahr, wenn wieder ein regulärer Platz frei wird, in das Gremium nachrücken.

Dass die Katar Holding bei VW eingestiegen ist, nehmen die anderen Aktionäre nicht als Machtverlust oder gar Bedrohung, sondern als Bestätigung – die Milliarden hätten ja auch in die USA oder nach Taiwan fließen können. Zur Zufriedenheit der Aktionäre spielt VW in der Welt mit. China ist längst der größte Markt, Kapazität wird von den USA über Russland bis Indien aufgebaut. Der Konzern hat jetzt die Weltspitze im Blick. Das mit den Anglizismen ist eine andere Sache.

Stefan Winter