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20:37 11.12.2009
Aufstiegorientiert: Der Militär-Airbus am Freitag beim Start in Sevilla.
Aufstiegorientiert: Der Militär-Airbus am Freitag beim Start in Sevilla. Quelle: ddp
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Endlich ist es so weit: Das Pannenflugzeug A400M hat seinen Jungfernflug erfolgreich hinter sich gebracht. Airbus feiert die schwere Geburt als Durchbruch für das milliardenschwere Militärprojekt. Die beteiligten Länder bleiben jedoch skeptisch – denn die Kostenfrage ist immer noch nicht geklärt.

Unter dem Applaus Hunderter Zuschauer aus Politik, Militär und aus der Rüstungsindustrie hob der massige Transporter um 10.16 Uhr erstmals von der Startbahn ab. Knapp vier Stunden später landeten die Testpiloten sicher. Die Maschine flog das auf drei Stunden und 40 Minuten angesetzte maximale Testprogramm vollständig. Zunächst war nur ein Flug von zwei Stunden angekündigt worden. Weil alles nach Plan lief, probten die Piloten auch den Langsamflug und Manöver auf verschiedenen Höhen. Während des Jungfernfluges bei strahlendem „Königswetter“ trugen alle Besatzungsmitglieder Fallschirme und Helme. Doch der A400M enttäuschte die Experten nicht.

Als Spaniens König Juan Carlos gestern in Sevilla eintraf, war das europäische Krisenflugzeug noch im wolkenlosen Himmel Südspaniens auf seinem Jungfernflug unterwegs – fehlerfrei, wie alle Airbus-Vertreter später freudig erklärten. Nach fast 20 Jahren voller Pleiten, Pech und Pannen ist das fast ein Wunder. „Wir haben einen lupenreinen Jungfernflug absolviert“, sagte Pilot Edward Strongman (60), als er zusammen mit Kopilot Ignacio Lombo und vier weiteren Ingenieuren dem Cockpit entstieg.

Bei dem 127 Tonnen schweren Flugzeug, auf das Engländer, Franzosen und Deutsche, aber auch Spanier, Belgier, Luxemburger und Türken sehnlichst warten, ging bisher vieles schief. Der Erstflug verzögerte sich um Jahre, jetzt braucht Airbus weitere fünf Milliarden Euro für die Produktion der 180 bestellten Maschinen. Wie die Finanzierungslücke geschlossen werden soll, ist offen.

Staatssekretär Rüdiger Wolf vom Bundesverteidigungsministerium sagte dieser Zeitung, die Bundesregierung werde bis Jahresende die abschließende Stellungnahme vom Hersteller EADS zu den finanziellen Nachforderungen abwarten. Dann werde bis Ende Januar geprüft. Die Nachfrage, ob es Spielräume für Nachforderungen gebe, wies Wolf ab. „Der Vertrag über den A400M ist für alle Nationen bindend.“ Die Auftraggeber hätten einen Festpreis von 20 Milliarden Euro vereinbart. Deutschland halte weiter an der Order für alle 60 bestellten Flugzeuge fest, betonte Wolf. Damit scheint die Abnahme von weniger Airbussen zum selben Preis als Zugeständnis an EADS vorerst vom Tisch zu sein. Airbus-Chef Thomas Enders meinte, das Flugzeug sei seinen Preis wert. „Die Steuerzahler und die Regierungen der Länder bekommen das beste Flugzeug der Welt“.

EADS-Chef Gallois war nach dem Abheben des A 400M sichtbar erleichtert und enthusiastisch. „Der erste Flug ist der wichtigste für ein Flugzeug“, sagte er am Rande der Startbahn. Der britische Rüstungsminister Quentin Daibes reagierte zurückhaltend auf den Start. „Es wäre natürlich deprimierend gewesen, wenn es nicht geflogen wäre“, sagte er. „Es ist ein wichtiger Schritt nach vorn, aber wir haben noch viel Arbeit vor uns.“

Deutschland ist mit 60 Bestellungen größter Abnehmer des A400M. Das Flugzeug soll bei der Bundeswehr die mehr als 30 Jahre alten Transalls ersetzen. Vor allem für den Einsatz in Afghanistan wird das deutlich größere Turboprop-Flugzeug benötigt. Das viermotorige Flugzeug sollte nach ursprünglichen Plänen 25 Tonnen Fracht 5000 Kilometer weit fliegen können. Zuletzt kamen wegen der Probleme jedoch Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Flugzeuges auf.

Das Lufttransportgeschwader LTG 62 in Wunstorf wird am meisten von den neuen Maschinen profitieren. 30 Flugzeuge sollen am Steinhuder Meer stationiert werden und dort die Transall ablösen. „Das ist ein Flüsterflieger“ zerstreute Oberstleutnant Dieter Cebulla Sorgen der Bevölkerung im Westen Hannovers nach dem Erstflug in Sevilla. In Wunstorf werde das technische Trainingszentrum gebaut, die ersten A400M werden 2014 erwartet.

Die A400M ist das mit Abstand größte europäische Rüstungsprojekt aller Zeiten. Obwohl die Leitung der Produktion im Airbus-Werk im spanischen Sevilla liegt, werden auch in Deutschland Jobs durch den A400M gesichert. Die Airbus-Werke in Bremen und Hamburg sind für Basisentwicklungen in der Aerodynamik verantwortlich. Bremen montiert rund 70 Prozent des Rumpfes. Der Standort Stade liefert für alle A400M das Seitenleitwerk und die Flügelschalen. Premium Aerotec in Nordenham, Varel und Augsburg baut die Kohlefaserverbundwerkstoffe für die Rumpf- und Flügelstruktur. An MTU-Standorten in München und Ludwigsfelde sowie bei Rolls-Royce in Dahlewitz wird ein großer Teil der Triebwerke entwickelt und montiert. Insgesamt handelt es sich um 11 000 Jobs, wie Airbus mitteilte. Europaweit sollen sogar 40 000 Arbeitsplätze am A400M hängen.

von Hartmut Reichardt

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