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20:59 07.10.2014
Osram zählt zu den deutschen Traditionsfirmen. Doch der technische Wandel macht dem Unternehmen zu schaffen.
Osram zählt zu den deutschen Traditionsfirmen. Doch der technische Wandel macht dem Unternehmen zu schaffen.  Quelle: dpa
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München

Wenn börsennotierte Konzerne radikal Stellen streichen, steigt oft der Aktienkurs. Osram-Chef Wolfgang Dehen hat im Sommer das Aus für weltweit knapp 8000 Stellen verkündet, knapp ein Viertel davon in Deutschland. Dem Wert des Unternehmens hat das aber nicht geholfen: Seit dem Frühjahr ist der Aktienkurs der früheren Licht-Tochter des Siemens-Konzerns von gut 50 auf unter 30 Euro gesunken.

Börsianer wie Tim Wunderlich sind skeptisch geworden. „Das Unternehmen ist ein wiederkehrender Restrukturierungsfall“, sagt der Analyst des Bankhauses Hauck & Aufhäuser: Zum Börsengang 2013 kam ein erster Kahlschlag, nun folgt Nummer zwei – und der Konzern denke bereits über eine dritte Restrukturierungswelle nach 2017 nach.

Davor zittern auch die Beschäftigten in den heimischen Osram-Fabriken. Spätestens die dritte Welle könnte ganze Standorte hinwegfegen, fürchten sie. Mitte September haben Beschäftigte vor dem Augsburger und Berliner Werk erstmals auf der Straße protestiert.

„Wir haben eine Pattsituation“, sagt der Berliner IG-Metall-Chef Klaus Abel. Derzeit werde hinter verschlossenen Türen mit dem Management verhandelt, um den Stellenabbau zu minimieren und vor allem, um Vorstandschef Dehen eine Zukunftsstrategie mit mehr Investitionen in deutsche Standorte abzufordern. Derzeit konzentriert sich Osram vor allem auf Asien: In China baut das Unternehmen neue Kapazitäten auf.
Unbestritten ist der Wandel, der die Lichtbranche erfasst hat. Glühbirnen sind Geschichte, Leuchtstoffröhren und Stromsparlampen werden die nächsten Auslaufmodelle sein. Die Zukunft gehört Leuchtdioden auf Halbleiterbasis (LED), von denen immer mehr verkauft werden, deren Preis aber rapide fällt. Nicht nur Osram schreibt mit den kleinen Hoffnungsträgern deshalb rote Zahlen.

Dagegen gingen die Umsätze mit traditionellen Leuchtmitteln bei Osram im letzten Quartal beschleunigt um 14 Prozent zurück. 2013 betrug der Schwund noch 7 bis 8 Prozent. Dabei sind die Auslaufmodelle äußerst profitabel. Darum warnen Betriebsräte und Gewerkschaftler, diesen Bereich zu früh zu vernachlässigen: Drossele Osram die Produktion von Leuchtstoffröhren oder traditionellen Stromsparlampen zu schnell, drohe ein Ertragsproblem.

Um ihre Existenz fürchten vor allem die bayerischen Standorte Eichstätt und Augsburg sowie die Beschäftigten des Berliner Werks. Am dramatischsten ist die Lage in Eichstätt, wo bis 2017 jede zweite der heute noch 700 Stellen wegfallen soll. Der Plan nimmt ein EU-weites Verbot von Halogenlampen vorweg, das noch diskutiert wird. Kommt das Verbot erst 2020, würden nur knapp 200 Stellen abgebaut, lässt Osram wissen. Am größten deutschen Fertigungsstandort Berlin arbeiten noch 1290 Menschen – das sind bereits rund 900 weniger als noch vor fünf Jahren. Dennoch stehen dort weitere 283 Stellen auf der Kippe, mittelfristig das komplette Werk, fürchten die Betroffenen.

Anfang November berät der Osram-Aufsichtsrat wieder über die Abbaupläne. Für den Fall, dass Dehen hart bleibt, droht das Personal mit einem Arbeitskampf. Siemens – noch 20-prozentiger Großaktionär von Osram – müsse eingreifen, um eine Eskalation zu verhindern, fordert Gewerkschafter Abel. Siemens-Betriebsräte fordern sogar, Osram-Angestellten Beschäftigungsbrücken zu Siemens zu bauen. Realistisch dürfte das kaum sein: Auch der Mutterkonzern steht vor Stellenstreichungen.

Fast ein Jahrhundert Firmengeschichte

Ungewohnte Konkurrenz: Das 1919 gegründete Unternehmen Osram hat lange Jahre mit General Electric und Philips die globalen Lichtmärkte beherrscht. Der Name leitet sich ab aus den Metallen Osmium (OS) und Wolfram (RAM), die wegen ihres hohen Schmelzpunktes in den Glühfäden traditioneller Glühbirnen verwendet wurden. Der technische Wandel hin zu LED-Lampen hat den einst beschaulichen Markt durcheinandergewirbelt: Heute konkurriert Osram auch mit Chipkonzernen wie Samsung.

Vor zwei Jahren arbeiteten noch 41.000 Leute für Osram. Nun steuert der Konzern auf weltweit 25.000 Mitarbeiter zu. Siemens wollte seine einstige Tochter Osram 2011 für mehrere Milliarden Euro über die Börse verkaufen. Mangels Interesse wurden vier Fünftel der Osram-Aktien dann im Sommer 2013 den Siemens-Aktionären ins Depot gebucht. Der Mutterkonzern, der noch rund 20 Prozent hält, verdiente daran nichts. Doch wegen anstehender Aufwendungen und drohenden Risiken wollte Siemens das ungeliebte Tochterunternehmen unbedingt loswerden.

Thomas Magenheim

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