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Wirtschaft Transportbranche schlägt Alarm: Kollaps der Lieferketten droht
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17:44 30.09.2021
London: Eine Frau steht vor beinahe leeren Regalen in einem Supermarkt. Einzelhändler, Hersteller und Lebensmittellieferanten haben über Lieferengpässe aufgrund eines Mangels an Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer berichtet.
London: Eine Frau steht vor beinahe leeren Regalen in einem Supermarkt. Einzelhändler, Hersteller und Lebensmittellieferanten haben über Lieferengpässe aufgrund eines Mangels an Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer berichtet. Quelle: Frank Augstein/AP/dpa
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Frankfurt

Leere Supermarktregale und geschlossene Tankstellen in Großbritannien machen es deutlich: Ohne Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer läuft nichts. Auch Seeleute und Flugzeugcrews werden gebraucht, um die globalen Warenströme in Gang zu halten. Jetzt haben internationale Transportverbände und Gewerkschaften in einem offenen Brief an die UN-Vollversammlung appelliert, die „humanitäre Krise“ in der Branche zu beheben und einen Zusammenbruch der Lieferketten zu verhindern.

Die Beschäftigten in den Lastwagen und Flugzeugen und auf den Schiffen hätten während der Pandemie den Welthandel am Laufen gehalten, und zwar unter widrigen Bedingungen, heißt es in dem Brief. So hätten 400.000 Seeleute über viele Wochen ihre Schiffe nicht verlassen können. Flugzeugcrews hätten es mit uneinheitlichen Grenz- und Reisebestimmungen und Impfvorschriften zu tun gehabt.

Regierungen haben versagt

Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer seien zu Tausenden gezwungen gewesen, oft wochenlang und unter unhygienischen Bedingungen an Grenzen zu warten. Den bei der UN versammelten Regierungen wird vorgeworfen, dass deren Verkehrsministerien nicht in der Lage gewesen seien, mit Gesundheitsministerien zusammenzuarbeiten, um die Lage der Transportarbeiterinnen und -arbeiter zu verbessern.

Der Brief wurde unterzeichnet von der Internationalen Luftfahrt Assoziation (IATA), von der Internationalen Schifffahrtskammer (ICS), von der Internationalen Föderation der Transportarbeiter (ITF) und von der Internationalen Straßentransport-Union (IRU). Die vier Organisationen nehmen für sich in Anspruch, für weltweit 65 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in 3,5 Millionen Unternehmen des Transportwesens zu sprechen.

Guy Ryder, Chef der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) betont: „Es ist enorm wichtig, dass die massiven Belastungen für die Beschäftigten, deren Familien und die Lieferketten verringert werden.“ Dieser Hilferuf dürfe nicht länger ignoriert werden.

Das Quartett warnt: Wenn sich die Lage nicht schnell verbessere, werde die Krise in der Branche nicht nur auf unbestimmte Zeit andauern, sondern noch mehr Not verursachen. Denn wegen der schlechten Behandlung der Beschäftigten würden sich immer mehr Arbeitskräfte anderswo Jobs suchen. Lieferketten würden noch stärker unter Druck geraten, während die Nachfrage nach Transportdienstleistungen im Zuge der weltweiten wirtschaftlichen Erholung weiter anziehe.

In Großbritannien lässt sich wie in einem Labor beobachten, was der Arbeitskräftemangel bedeutet. In dem Land fehlt es nach dem Brexit an Lkw-Fahrerinnen und -Fahrern. Der allergrößte Teil kam früher aus Osteuropa. Die Fahrerinnen und Fahrer sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Unter anderem wegen Corona gelang es nicht, ausreichend neue Trucker anzuheuern – auch weil Führerscheinprüfungen verschoben werden mussten. Jetzt fehlen auf der Insel rund 100.000 Frauen und Männer, die schwere Nutzfahrzeuge steuern können.

Das schlägt besonders bei der Versorgung mit Kraftstoff durch. Denn Tankstellen werden ausschließlich mit Brummis beliefert. Zahlreiche Stationen im Großraum London und in Südengland mussten schließen, obwohl eigentlich ausreichend Sprit in den Tanklagern vorhanden ist. Die britische Regierung bemüht sich mittlerweile mit großen Anstrengungen um Abhilfe.

Es soll nun doch befristete Arbeitserlaubnisse für Fahrerinnen und Fahrer aus Osteuropa geben. Die Regierung will auch Soldatinnen und Soldaten mit Lkw-Führerschein einsetzen. Gleichwohl bezweifelt der dortige Einzelhandelsverband, dass damit hinreichend Kapazitäten geschaffen werden können. Die Unternehmen sehen bereits das Weihnachtsgeschäft mit seinem deutlich erhöhten Absatzvolumen in Gefahr.

Britische Verhältnisse auch hierzulande

Indes warnte Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), schon kürzlich vor britischen Verhältnissen auch hierzulande. Er geht fest davon aus, dass „wir in Westeuropa die gleiche Situation haben werden – nur etwas zeitversetzt“. Ein Versorgungskollaps drohe. Auch in Deutschland fehlten zwischen 60.000 und 80.000 Fahrerinnen und Fahrer. Zugleich gingen jedes Jahr etwa 30.000 Fahrerinnen und Fahrer in Rente, aber nur 15.000 Nachwuchsleute rückten nach.

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Die Ursache für diese Not? Das sind die Faktoren, die auch die vier Verbände in ihrem Brief an die UN beschreiben. Der Beruf des Lastwagenfahrers und der Lastwagenfahrerin hat laut Engelhardt auch ohne Corona massiv an Attraktivität verloren. Immer längere Staus auf den Autobahnen, die schwierige Vereinbarkeit von Job und Familie. Es fehlt entlang der Fernstraßen an Parkplätzen, Duschen und akzeptablen Übernachtungsmöglichkeiten.

Schlechte Arbeitsbedingungen für Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer

Hinzu kommt ein brutaler Wettbewerb der Speditionen. Hiesige Unternehmen haben es mit Konkurrenten aus Osteuropa zu tun – sie erledigen in der EU inzwischen etwa vier von zehn Transporten. Auf den deutschen Autobahnen machen sie nach den Daten des Bundesamts für Güterverkehr ein Drittel des Fernverkehrs aus.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Fahrerinnen und Fahrer meistens unterhalb des hiesigen Mindestlohns bezahlt werden. Oft sind sie monatelang in der EU unter widrigen Bedingungen unterwegs, der Lkw ist ihr Zuhause. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sprechen von „organisierter Verantwortungslosigkeit“ und fordern strengere Regel und strengere Kontrollen.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

Der Artikel "Transportbranche schlägt Alarm: Kollaps der Lieferketten droht" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.