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19:47 31.07.2013
 Der Vorsitzende des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, ist tot. Quelle: dpa (Archiv)
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Essen

Er rettete im Zweiten Weltkrieg vielen hundert Juden das Leben und trug bei Krupp 60 Jahre Führungsverantwortung für eines der größten deutschen Unternehmen. Berthold Beitz war seit seinem Dienstantritt als Generalbevollmächtigter von Alfried Krupp an der Spitze des Essener Stahlkonzerns 1953 eine der außergewöhnlichsten Figuren der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Bis kurz vor seinem Tod mit fast 100 Jahren ließ sich der Manager an fast jedem Arbeitstag in sein Büro gegenüber der Villa Hügel fahren. Als Kuratoriumschef der mächtigen Krupp-Stiftung übte er auf den heutigen ThyssenKrupp-Konzern mit über 150 000 Beschäftigten erheblichen Einfluss aus. Entscheidungen von Tragweite waren ohne ihn nicht denkbar.

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Das galt auch, als 2008 das Fiasko „seines“ ThyssenKrupp-Konzerns mit den hochfliegenden Stahlwerksplänen in Brasilien und den USA nicht mehr wegzudiskutieren waren. Beitz verließ damals zornig und schweigend eine Aufsichtsratssitzung, wie Weggefährten berichteten - daraufhin rollten Köpfe im Management. Schließlich musste Beitz auch seinen jahrzehntelangen Weggefährten und unausgesprochen designierten Nachfolger für die Stiftungsführung, Gerhard Cromme, im Frühjahr 2013 fallenlassen.

Künftig werde die Macht im Konzern zwischen ThyssenKrupp-Aufsichtsrat und dem Hauptaktionär, der Stiftung, entflochten, hieß es danach. Der Tod von Beitz mit seiner starken persönlichen Ausstrahlung dürfte das Klima und den Geist des Unternehmens stark verändern: Es werde sich nach Beitz stärker zu einem „normalen“ Dax-Konzern entwickeln, erwarten Beobachter.

1913 geboren, hatte Beitz nach Abitur und einer Banklehre zunächst bei der Ölfirma Shell Karriere gemacht. Im Zweiten Weltkrieg schützte er als kaufmännischer Leiter der Karpaten Öl AG im besetzten Polen auch mit persönlichem Risiko jüdische Arbeiter vor der SS. Dafür erhielt Beitz später zusammen mit seiner Frau Else den selten verliehenen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

Überzeugendes und gewinnendes Auftreten zählten zu den Stärken von Beitz. Nach einer eher zufälligen Begegnung mit Alfried Krupp von Bohlen und Halbach ernannte Krupp den ruhrgebietsfremden Manager 1953 zu seinem Generalbevollmächtigten.

Nach Alfrieds Tod 1967 übernahm Beitz den Vorsitz der neu gegründeten Stiftung, die Krupp-Alleineigentümerin wurde. Beitz führte Krupp durch mehrere Stahlkrisen und hatte als Protagonist der Fusion mit Thyssen 1999 maßgeblichen Anteil daran, dass der Name Krupp bis heute erhalten blieb.

Der schlanke, mittelgroße Manager zeigte sich öffentlich stets mit dunklem Anzug und Einstecktuch. Sein Verständnis für die Belange der Arbeiterschaft hat Beitz oft gezeigt. Zugleich vermittelte er nach außen hin ein Gutteil der patriarchalischen und fast aristokratischen Ausstrahlung der Krupps. Seinen Nimbus nutzte Beitz etwa 2009, um zwischen ThyssenKrupp-Management und Beschäftigten zu vermitteln, die über Kürzungspläne in Streit geraten waren.

2011, bei der 200-Jahr-Feier, die noch einmal den ganzen Glanz des Hauses aufleben ließ, postulierte Beitz als eine Art Vermächtnis seine Vorstellungen eines „moralischen Kapitalismus“ - abseits des puren Shareholder Value.

Beitz äußerte sich im März in einem seiner seltenen Interviews auch zum Rücktritt von ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der lange als Kandidat für die Nachfolge von Beitz an der Stiftungsspitze galt. “Über Jahre habe ich gehört, bald werde alles besser, aber es wurde immer schlimmer. Ich musste einfach handeln“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. In Kreisen der Firma habe sich in den vergangenen Jahren „Größenwahn“ abgezeichnet.

Beitz hatte Cromme bis zuletzt den Rücken gestärkt. Als die ersten Rücktrittsforderungen erhoben wurden, gab er dem „Handelsblatt“ noch zu Protokoll: „Cromme bleibt!“. Wenn er öffentlich als „der letzte Krupp“ bezeichnet wurde, hat Beitz stets beischeiden abgewehrt. „Ich bin der letzte Beitz“, sagte der Vater von drei Töchtern dann meist.

Die Krupp-Stiftung - Großaktionär mit Sonderrechten

Die nach dem Tod von Alfried Krupp testamentarisch verfügte Krupp-Stiftung nahm 1968 ihre Arbeit auf. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer der Fried. Krupp GmbH. Alfrieds Sohn Arndt hatte auf sein Erbe verzichtet. Heute hält die Stiftung 25,3 Prozent am Dax-Konzern ThyssenKrupp und ist damit wichtigster Großaktionär. Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Satzungsauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

Mit ihrer Sperrminorität ist die Stiftung auch ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen. Sie kann ohne Beschluss des Aufsichtsrats bis zu drei Mitglieder in das Gremium entsenden. Einer von ihnen war der frühere Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der sich im März komplett aus dem Konzern zurückgezogen hatte. Bereits zum Jahresende war SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als Entsandter der Stiftung aus dem ThyssenKrupp-Aufsichtsrat ausgeschieden.

Wenn die 10 Arbeitnehmervertreter und die Stiftungsentsandten sich einig sind, können sie mit zusammen 13 von 20 Stimmen im Aufsichtsrat Angriffe abwehren oder doch deutlich erschweren. Das „Manager-Magazin“ nannte die Konstruktion eine „Stahl-Festung“. Eine Aktionärsklage dagegen wurde in zwei Instanzen abgewiesen, und der Bundesgerichtshof lehnte eine Revision ab. Vergeblich argumentierte der Kläger, dass das Mehrheitsprinzip verletzt werde.

Angesichts des hohen Aktienanteils und des zusätzlichen Entsenderechtes - und bis zu seinem Tod auch angesichts der charismatischen Persönlichkeit von Berthold Beitz an der Stiftungsspitze - verfügt die Krupp-Stiftung de facto über erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen im Konzern. Ihren Sitz hat die Stiftung an historischer Stelle: Im Park gegenüber der Villa Hügel, die bis 1945 Wohnsitz der Krupp-Familie war.

dpa

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