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Wirtschaft TÜV Nord sichert sich Ingenieurwissen
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12:11 29.05.2010
Von Lars Ruzic
Quelle: Nancy Heusel (Archiv)
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„Wir haben gezielt Personal aufgebaut, um uns auf den demographischen Wandel vorzubereiten“, sagte Finanzvorstand Elmar Legge am Freitag bei der Bilanzvorlage in Hannover. „Das hat uns allerdings auch Geld gekostet.“ Das operative Ergebnis schrumpfte 2009 um 12 Prozent auf 43 Millionen Euro, obwohl der Umsatz um 2,4 Prozent auf 850 Millionen Euro stieg.

Auch voll ausgebildete Akademiker müssen bei Norddeutschlands größtem Prüfkonzern zum Beginn ihrer Karriere erst einmal die Schulbank drücken. Je nach Fachbereich dauere die Qualifizierung bis zu 21 Monate – etwa bei Großanlagen- oder Kraftwerksprüfern, berichtete Legge. In dieser Zeit liefere der Expertennachwuchs allerdings keine Erlöse. Dafür sei der hannoversche Konzern später bestens gerüstet für seine ambitionierten Wachstumspläne.

Allein in diesem Jahr soll der Umsatz um rund 10 Prozent auf mehr als 930 Millionen Euro wachsen. Der Sprung geht allerdings vor allem auf den Erwerb der RAG Bildung zurück, deren Einbeziehung in den Konzern die TÜV-Nord-Spitze Mitte des Jahres erwartet. Mit dem privaten Bildungsträger kommen weitere 1500 Mitarbeiter in das Unternehmen, das dann weit über 10 000 Beschäftigte zählen wird. Die Bildungssparte steigt mit dem Zukauf zur drittgrößten von fünf Divisionen auf.

Seit Jahren arbeitet Konzernchef Guido Rettig daran, den Konzern weniger abhängig von der Anlagen- und Autoprüfung zu machen. An der TÜV-Plakette verdient das Unternehmen nämlich so gut wie nichts. „Wir wollen uns breiter aufstellen, um unabhängiger von Konjunktureinflüssen zu werden“, sagte Rettig. Dazu hat er in den vergangenen Jahren unter anderem den Bereich Rohstoffe geschaffen, der sich um Inspektionen etwa im Bergbau oder bei Kokereien kümmert.

Derzeit bereitet Rettig ein Strategiekonzept 2015 vor, das die Schaffung zweier weiterer Standbeine vorsieht – Prüfdienste in der IT sowie bei Flugzeugkomponenten und -systemen. Erfolgversprechende Übernahmekandidaten seien jedoch „nicht von heute auf morgen“ zu finden, räumte er ein. Zudem sei der TÜV Nord nicht bereit, „Phantasiepreise“ zu zahlen. Die nötige Kraft, auch größere Zukäufe zu stemmen, hätte das Unternehmen: „Wir könnten aus dem Stand Übernahmen von mehr als 200 Millionen Euro finanzieren“, rechnete Legge vor. Mit Zukäufen hofft der Konzern, bis 2015 auf bis zu 1,5 Milliarden Euro Umsatz zu kommen.

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres seien die Grundlagen für weiteres Wachstum gelegt worden, sagte Legge. Zwar hätten die ersten beiden Monate vor allem in der Anlagenprüfung „einen regelrechten Durchsacker“ mit Umsatzeinbußen von bis zu 10 Prozent gebracht. Doch anschließend habe sich das Geschäft wieder deutlich erholt, sodass auch im Stammgeschäft auf Jahressicht ein Plus zu erwarten sei. Im vergangenen Jahr mussten sich die TÜV-Manager häufig in Geduld üben, bis sie an ihr Geld kamen. Mit vielen Firmen habe man in der Krise die Verlängerung der Zahlungsziele vereinbart, erklärte Rettig. „Mit einer Politik der Brechstange wäre man auch nicht weiter gekommen, außerdem führt Kulanz zu größerer Kundenbindung.“