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Wirtschaft Streit um Europäische Ratingagentur
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20:31 17.04.2012
Von Christian Holzgreve
Quelle: dpa
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Hannover

Sie zählte in der Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre zum Lieblingskind vieler Politiker: eine europäische Ratingagentur. Ein Gegengewicht zu den drei großen amerikanischen Agenturen Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s erhoffte man sich davon, mehr Wettbewerb und womöglich auch weniger schlechte Ratings für die Krisenstaaten der Europäischen Union.

Doch jetzt sieht es so aus, als stehe die Idee vor dem wirtschaftlichen Aus, noch ehe sie umsetzbar wird. Die Unternehmensberatung Roland Berger hat mit ihrem Konzept die veranschlagten 300 Millionen Euro für den Start einer solchen Agentur bei den Banken bisher nicht einsammeln können. Und Politiker in Berlin und Brüssel gehen mittlerweile auf Distanz. „Ich habe die Euphorie für eine solche Agentur nie geteilt“, sagt etwa der stellvertretende wirtschaftspolitische Sprecher der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament, Burkhard Balz. „Offenbar hat Berger die Banken als Geldgeber nicht vom Mehrwert eines solchen Engagements überzeugen können.“ Es würde fünf bis zehn Jahre dauern, bis eine solche Agentur sauber arbeiten könne, meint Balz - „bei unsicheren Erfolgsaussichten“. Das Problem beginne im Ansatz, sagt der Stadthäger CDU-Politiker: „Mehr Wettbewerb lässt sich als Regulator nur sehr bedingt vorschreiben.“

Nach den schlechten Nachrichten um die Pläne von Berger legte am Dienstag die Bertelsmannstiftung ein eigenes Konzept vor. Als Konkurrenz zu den US-Agenturen könne künftig eine gemeinnützige internationale Agentur die Kreditwürdigkeit von Staaten bewerten, erklärte Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Eine solche unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken werde dringend benötigt. Die „fragwürdige Beurteilung“ der Kreditwürdigkeit von Staaten habe „erheblich zu der jüngsten Finanzkrise“ im Euro-Raum beigetragen.

Finanziert werden könnte eine solche internationale Agentur durch einen Fonds mit einem Volumen von 400 Millionen Dollar (rund 300 Millionen Euro), wie Thielen erklärte. In den Fonds einzahlen könnten Regierungen, Unternehmen, Stiftungen oder private Förderer. Balz warnt indes vor einer öffentlichen Beteiligung: „Wenn der Staat sich eine Ratingagentur finanziert - wie glaubwürdig werden dann die Ratings sein?“

Während die Zukunft einer europäischen Agentur in den Sternen steht, konkretisieren sich die EU-Pläne für eine stärkere Regulierung der US-Agenturen. Bis spätestens Anfang kommenden Jahres könnten die Verordnungen, die zuletzt im Sommer im EU-Parlament zu Ende beraten werden, wirksam sein. Eine wichtige Rolle wird dabei die vor zwei Jahren geschaffene EU-Wertpapieraufsichtsbehörde spielen.

Erstens wird ein Rotationsprinzip diskutiert, wonach ein Finanzprodukt nur drei Jahre lang von einer Agentur bewertet werden darf, bevor es einen Wechsel geben soll. Zweitens soll die Abhängigkeit von externen Ratings der großen Drei verringert werden, die man ihnen durch Regularien geradezu zugewiesen hat. Demnach sollen die Banken selbst wieder stärker Risiken bewerten. Drittens sollen die Kapitalverflechtungen bei den drei großen Agenturen durchbrochen werden: Ein Anteilseigner, der mehr als 5 Prozent an einer Agentur hält, darf bei keiner anderen Agentur mehr als 5 Prozent halten - sonst gibt es keine EU-Zulassung. Und schließlich sollen andere Bezahlmodelle für die Ratings entwickelt werden. Bisher gilt hier: Wer die Musik bestellt, bestimmt, was sie spielt.

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