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Wirtschaft Stefan Dürr – ein deutscher Landwirt ist Russlands größter Milchproduzent
Mehr Welt Wirtschaft Stefan Dürr – ein deutscher Landwirt ist Russlands größter Milchproduzent
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05:30 16.06.2021
Stefan Dürr während einer Landwirtschaftsmesse im Gespräch mit Besucherinnen.
Stefan Dürr während einer Landwirtschaftsmesse im Gespräch mit Besucherinnen. Quelle: EkoNiva
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Berlin

Etwa 630.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, 110.000 Milchkühe, 12.900 Mitarbeiter. Der Deutsche Stefan Dürr (57) ist einer der größten und erfolgreichsten Landwirte Russlands. Auf dem 14-Hektar-Hof des Großvaters in Eberbach in Baden-Württemberg kam er als Kind mit Ackerbau und Viehzucht in Berührung. 1989 während seines Landwirtschaftsstudiums an der Uni Bayreuth absolvierte er ein Praktikum in der damaligen Sowjetunion und entdeckte dabei das riesige Potenzial des Landes.

Start mit DDR-Technik

1998 begann er als 34-Jähriger in Russland mit dem Landmaschinenhandel. Zunächst noch mit DDR-Technik, bald folgten moderne Maschinen aus dem Westen. 2002 übernahm Dürr eine alte Kolchose in dem Dorf Schutsche im Oblast Woronesh in Südwestrussland und stieg in den Pflanzenbau ein. Sein Motto: „Für Landwirtschaft braucht man Platz“. Den fand er dort, und heute gehört er zur Gruppe der ganz Großen in Russland, die zwischen 100.000 und einer Million Hektar bewirtschaften. „Wir sind in dieser Gruppe etwa die Nummer sechs“, sagt er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutchland (RND) und gibt einen Einblick in die landwirtschaftlichen Strukturen: Etwa ein Viertel der Fläche in Russland ist in den Händen dieser Großen, die zumeist sehr profitabel unterwegs sind.

Unter dem Markennamen Ekoniva kommt die Milch von 40 Milchviehanlagen in Russland in den Handel. Quelle: Ekoniva

Die zweite Gruppe bilden ehemalige Kolchosen, die eher noch im Stil alter Agrargenossenschaften wirtschaften und von denen „jeden Tag“ einige pleitegehen oder übernommen werden. Dürr: „Die sind absolut auf dem Abstieg.“ Gruppe drei bilden private Landwirte, die 10.000 Hektar und mehr bewirtschaften. Das sind zumeist Familienbetriebe mit bis zu zehn angestellten Hilfskräften. „Unter diesen Betrieben gibt es auch einige, die durchaus sehr modern aufgestellt sind“, erläutert Dürr. Die letzte Gruppe bilden kleine bäuerliche Wirtschaften mit 100 bis 200 Hektar, die nach Dürrs Einschätzung „nicht mehr überlebensfähig“ sind.

Wertschöpfungskette aufgebaut

Stefan Dürr steuert sein Landwirtschaftsimperium von Russland aus, aber in Deutschland sitzt mit der Ekosem-Agrar AG im heimischen Walldorf die deutsche Holding aller Unternehmungen. Mit der russischen Tochterfirma Ekoniva erzeugte Dürr 2019 rund 760.000 Tonnen Rohmilch und stieg damit zum größten Milchproduzenten der Russischen Föderation und Europas auf. Längst betreibt die Ekoniva nicht mehr nur 40 Milchviehanlagen, sondern hat eine eigene Wertschöpfungskette mit der Verarbeitung zu Käse, Quark, Joghurt und Sahne aufgebaut.

2019 hat die Ekosem-Gruppe damit begonnen, in kleinem Umfang auch ökologische Rohmilch herzustellen. Zudem produziert das Unternehmen in der Region Kaluga Biorindfleisch und verschiedene Marktfrüchte in Bioqualität unter Einhaltung der russischen sowie der EU-Richtlinien für ökologische Landwirtschaft.

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Die Ekosem erzielte im Geschäftsjahr 2020 rund 460 Millionen Euro Umsatz und ein operatives Betriebsergebnis von 180 Millionen Euro. Dabei spielte der Gruppe im vergangenen Jahr die weltweite Preisentwicklung in die Hände: die Dollar-Weltmarktpreise für Fleisch, Getreide und Soja sind gestiegen, der Rubel ist zusätzlich gefallen. Eigentlich die ideale Ausgangsposition für Extragewinne, zumal die Menschen in Russland etwa 30 bis 40 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Dürr: „Die Kaufkraft der Leute ist aber auch gesunken, und wir haben ja als Unternehmer auch eine Verantwortung.“ Außerdem sieht der Staat in Russland nicht tatenlos zu. Wenn es ihm zu bunt wird, schlägt er beispielsweise höhere Zölle auf den Getreideexport oder er erinnert dezent daran, dass die Landwirte derzeit keinerlei Gewinnsteuern zahlen müssen.

Blick in eine Milchviehhaltung in Nowosibirsk. Quelle: EkoNiva

Und dann kommt noch der Lebensmitteleinzelhandel hinzu, der von vier bis sechs großen Ketten dominiert wird. Und auch er sorgt in Absprache mit der Regierung dafür, dass die Preise – beispielsweise für Zucker und Sonnenblumenöl – nicht ins Unendliche schießen. Dürr: „Im Russischen sagt man: Die Wölfe sollen satt und die Schafe gesund sein.“ Aktuell kostet der Liter Milch unter dem Markennamen Ekoniva in Russland 89 Euro-Cent und ist damit etwa so teuer wie in Deutschland, bei wesentlich geringeren Einkommen der russischen Bevölkerung. Aber es gibt auch große Rabattaktionen: Dann steht die Milch für 55 Cent im Regal.

Russland als Weizenexporteur

Die im Zuge der Ukrainekrise verhängten westlichen Sanktionen gegenüber Russland haben generell zu einer Aufwärtsentwicklung der Landwirtschaft geführt. Während die alte Sowjetunion trotz der Größe des Landes immer auf Getreideimporte angewiesen war, ist Russland inzwischen zu einem der größten Weizenexporteure weltweit aufgestiegen. Rund 40 Millionen Tonnen gingen 2020 ins Ausland. Russland exportiert inzwischen auch Pflanzenöl, Schweine- und Hühnerfleisch. Zudem sind riesige Apfelplantagen entstanden.

Stefan Dürr sagt, die Sanktionen seien wie ein Weckruf gewesen, sich darauf zu besinnen, was man alles auch selbst herstellen kann. Plötzlich war der Käse aus Holland weg und man musste sich selbst etwas einfallen lassen. In der Folge hat die russische Landwirtschaft auch enorm bei der gesellschaftlichen Anerkennung zugelegt und ist nach Dürrs Einschätzung in Sachen Technisierung inzwischen moderner aufgestellt als die deutsche. Was häufig noch fehlt, ist Eigenkapital, weil die Betriebe sehr schnell gewachsen sind. Und Kredite sind teuer, marktüblich sind 7, 8 Prozent Zinsen. „Aber“, sagt Dürr, „wir sind in der Modernisierung und auch im Know-how nicht mehr schlechter als deutsche Landwirte“.

Mit „wir“ meint Stefan Dürr die Russen und sich. Er selbst gehört inzwischen auch per Urkunde dazu. 2014 verlieh ihm Präsident Wladimir Putin aufgrund seiner Verdienste für die Agrarwirtschaft die russische Staatsbürgerschaft. Dürr spricht fließend Russisch, ist mit einer Russin verheiratet, das Paar hat vier Kinder, die sich alle nach den Worten des stolzen Vaters prächtig entwickeln.

Sozial engagiert

Auf die schwierigen politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland angesprochen, meint Dürr, es brauche viel guten Willen von beiden Seiten. In seiner Brust schlagen da zwei Herzen. Dürr fühlt sich natürlich nach wie vor auch als Deutscher, fliegt, so oft es geht, in die alte Heimat nach Baden Württemberg, wo auch seine 83-jährige Mutter noch lebt. Auf der anderen Seite ist er ein Pionier beim Neuaufbau Russlands, und inzwischen völlig integriert in die gesellschaftlichen Strukturen. Er hat sich beim Wiederaufbau der Kita und der Schule in seinem „Start-up-Dorf“ Schutsche engagiert und er gibt inzwischen jährlich 600.000 Euro für wohltätige Zwecke. Er ist überzeugt: „Wenn der Westen einen Schritt auf Russland zugehen würde, dann würden die Russen zwei Schritte machen.“

Von Jan Emendörfer/RND

Der Artikel "Stefan Dürr – ein deutscher Landwirt ist Russlands größter Milchproduzent" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.