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Wirtschaft Stadtwerke werden zur fünften Kraft
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22:33 12.08.2009
Von Jens Heitmann
Hannovers Stadtwerke-Chef Michael Feist erwartet durch die Thüga-Übernahme höhere Gewinne. Quelle: Herzog
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Die Thüga steht für 20 Prozent des Gasabsatzes in Deutschland, beim Strom sind es knapp 8 Prozent. Der Stadtwerke-Verbund zahlt für die Holding, die an etwa 100 lokalen Versorgern beteiligt ist, 2,9 Milliarden Euro an e.on. Die Stadtwerke Hannover, Frankfurt und Nürnberg erwerben in einem ersten Schritt für jeweils 467 Millionen Euro jeweils 20,75 Prozent der Thüga-Anteile. Die restlichen 37,75 Prozent kauft ein Zusammenschluss von 46 kleineren Versorgern (Kom 9) unter Führung der Freiburger Badenova.

In der Folge wollen die Stadtwerke dem Vernehmen nach noch einen weiteren Investor gewinnen. Als Kandidat gilt der dänische Energiekonzern Dong, der rund ein Viertel der Thüga-Anteile übernehmen könnte. Die Beteiligungen der Stadtwerke-Gruppen würden dann entsprechend schrumpfen. e.on hatte die Thüga im vergangenen Jahr zum Verkauf gestellt, weil das Bundeskartellamt die vielen Stadtwerke-Beteiligungen kritisch sah – und der Konzern Geld brauchte.

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Die Unternehmen der Thüga-Gruppe versorgen rund 3,5 Millionen Kunden mit Strom, knapp 3 Millionen mit Gas und etwa eine Millionen mit Trinkwasser. Sie beschäftigen etwa 19.000 Mitarbeiter. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 16,4 Milliarden Euro. Da e.on nicht alle Beteiligungen an die Stadtwerke verkauft, sinken die Erlöse der verbleibenden Thüga-Töchter künftig auf rund 14 Milliarden Euro.

„Das ist ein großer Wurf“, sagte Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, der auch Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VkU) ist. „Erstmals entsteht in Deutschland ein kommunaler Energiekonzern.“ Als Verbund könnten die Stadtwerke dem dominierenden Quartett der großen vier auf Augenhöhe Paroli bieten – etwa beim Einkauf von Energie. Das sei gut für die Kunden, aber auch für die Stadt, sagte der Sozialdemokrat.

Die kommunalen Mehrheitseigner der Stadtwerke hoffen auf höhere Gewinnabführungen. Auch bei der Opposition im hannoverschen Rat stieß die Übernahme auf Zustimmung. „Das bedeutet eine Stärkung der Stadtwerke“, sagte Bürgermeisterin Hilde Moennig (CDU). Nach Ansicht von FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke ist es besser, „wenn der Gewinn des Unternehmens in kommunaler Hand bleibt, als dass er in einem Großkonzern verschwindet“.

Skeptisch zeigten sich hingegen die Grünen. Generell sei die Rekommunalisierung der Stadtwerke zu begrüßen, erklärte der Fraktionsvorsitzende Lothar Schlickau, weil so die Gewinnabführung gesichert werde. „Wir werden aber genau prüfen, ob das Investment der Stadtwerke in einem angemessenen Verhältnis zur Rendite steht“, betonte Schlickau.

Nach Angaben aus dem Stadtwerke-Lager wollen die beteiligten Unternehmen den Kauf der Thüga weitgehend aus eigener Kraft stemmen. Die zu erwartende Dividende sei höher als die Aufwendungen für Zinsen und Tilgung der entstehenden Verbindlichkeiten, hieß es. Die Arbeitnehmervertreter der Stadtwerke werten die Thüga-Übernahme im Prinzip positiv – sie dringen aber auf Garantien.

„Wir fordern den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis zum Jahr 2020“, sagte der hannoversche Betriebsratschef Walter Kroll. Auch der geltende Tarifvertrag müsse ohne Abstriche erhalten bleiben.

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Interview: "Das ist eine neue Dimension"

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Herr Feist, 15 Jahre nach dem Einstieg der Thüga bei den Stadtwerken Hannover machen Sie die Teilprivatisierung gewissermaßen rückgängig. Warum?

Wir machen den Einstieg nicht rückgängig – wir eröffnen mit dem Kauf der Thüga für die kommunalen Unternehmen eine breitere Plattform, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Haben Sie alternativ auch erwogen, den Thüga-Anteil von 24 Prozent an den Stadtwerken zurückzukaufen?

Nein, das hätte nur zur Debatte gestanden, wenn ein großer internationaler Konzern die Thüga übernommen hätte. Die Thüga ist für uns immer ein konstruktiver und verlässlicher Partner gewesen, der mit seiner Erfahrung viel zur positiven Entwicklung unseres Unternehmens beigetragen hat.

Was bedeutet der Thüga-Kauf
strategisch?

Wir wachsen in eine neue Dimension hinein, die uns interessante Entwicklungschancen bietet – denken Sie nur an den Energiehandel und die Beschaffungsseite. Hier tun sich große Synergiepotenziale auf.

e.on verkauft die Thüga für 2,9 Milliarden Euro an zwei Stadtwerke-Konsortien. Wie hoch sind die Belastungen
für Hannover?

Wir rechnen derzeit mit einem Aufwand von 400 bis 500 Millionen Euro, die wir zum Teil aus eigenen Mitteln, aber auch mit Fremdkapital finanzieren werden. Nach Abzug der Zins- und Tilgungszahlungen rechnen wir jährlich im Durchschnitt mit einem Ergebnisbeitrag in mindestens hoher einstelliger Millionenhöhe.

Die Stadtwerke wollen mit e.on ein Großkraftwerk bei Hanau bauen, Sie erwägen die komplette Übernahme von Mehrum, jetzt kommt noch die Thüga – übernehmen Sie sich da nicht?

Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Wir nutzen die Investitionsfähigkeit des Unternehmens, aber greifen – wie gesagt – auch auf Fremdkapital zurück. Wir verfügen über ein gutes Rating, wir wollen unseren Status als „Investment Grade“, also als guter Schuldner, in jedem Fall bewahren.

Was haben eigentlich Ihre Kunden von der Übernahme der Thüga?

Für unsere Kunden sehe ich zwei Vorteile. Zum einen profitieren sie davon, dass wir als Mitglied in einem großen Einkaufsverbund ein günstiges Preisniveau bieten können. Zum anderen kommt ihnen indirekt die höhere Gewinnabführung an die Stadt Hannover zugute, die viele soziale Leistungen möglich macht, die sonst nicht – oder zumindest nicht in diesem Umfang – möglich wären.