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Wirtschaft Springer greift nach der WAZ
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20:19 30.09.2011
Von Stefan Winter
Die WAZ-Blätter in Nordrhein-Westfalen stehen nicht im Fokus der Springer-Offerte. Der Hamburger Verlag schließt aber auch eine Komplettübernahme der WAZ nicht aus. Quelle: dpa
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Hannover

Eine Komplettübernahme dürfte allerdings beim Kartellamt auf Widerstand stoßen. Eine Sprecherin des Springer-Konzerns bestätigte gestern Abend, dass „für Teile der WAZ-Gruppe ein unverbindliches Angebot“ abgegeben worden sei.

Die WAZ-Gruppe ist mit 15.000 Mitarbeitern und rund 1,1 Milliarden Euro Umsatz einer der größten Medienkonzerne Europas. Das Unternehmen gibt nach eigenen Angaben europaweit 27 Tageszeitungen heraus, darunter die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“. In Österreich ist der Verlag an „Krone“ und „Kurier“ beteiligt, in den vergangenen Jahren investierte er viel in Südosteuropa. Zeitschriften gehören ebenso zum Programm wie Anzeigenblätter und Beteiligungen an elektronischen Medien.

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Die WAZ-Gruppe wurde 1948 von Erich Brost und Jakob Funke gegründet. Deren Erben kontrollieren heute das Unternehmen, doch die beiden Familienstämme lagen zuletzt oft im Streit. Funkes Tochter Petra Grotkamp hat den Brost-Erben jüngst angeboten, deren Anteil zu kaufen. Man soll sich grundsätzlich einig sein, unterschrieben ist aber noch nichts.

Dass sich bei den WAZ-Gesellschaftern nach jahrelanger Blockade etwas bewegt, will Springer-Chef Mathias Döpfner offenbar nutzen. Das „Manager Magazin“ zitiert aus einem fünfseitigen Brief Döpfners an die WAZ-Eigentümer, in dem er verschiedene für Springer interessante Bereiche auflistet und bewertet. Dazu gehören das Engagement in Österreich und andere Auslandsbeteiligungen sowie die Programmzeitschriften, Frauenzeitschriften und Anzeigenblätter. Unter den Tageszeitungen erwähnt er den Braunschweiger Verlag und die Zeitungsgruppe Thüringen.

Die großen WAZ-Blätter in Nordrhein-Westfalen tauchen in der Liste nicht auf, weil ihr Kauf wahrscheinlich das Kartellamt auf den Plan rufen würde. Aber auch ein Gebot für den gesamten Konzern „würden wir heute nicht prinzipiell ausschließen wollen“, zitiert das Magazin aus Döpfners Brief. Den Wert der gesamten Gruppe „sähen wir … bei circa 1,4 Milliarden Euro“.

Der Springer-Konzern hat in den vergangenen Jahren vor allem in Auslandsengagements und das Onlinegeschäft investiert. Die Zeitungssparte wird in Deutschland von „Bild“- und „Welt“-Gruppe geprägt, dazu kommen „B.Z.“, „Berliner Morgenpost“ und das „Hamburger Abendblatt“.

Beteiligungen an Regionalzeitungen in Kiel, Lübeck, Rostock und Leipzig hat Springer 2009 an die hannoversche Madsack-Gruppe verkauft. Man wolle sich auf Ausland und Online konzentrieren, hieß es damals. Gleichzeitig schränkte im Hamburger Einzugsgebiet das Kartellamt die Gestaltungsmöglichkeiten ein.

Springers Bewertung des WAZ-Gesamtkonzerns liegt deutlich über dem Gebot von Erika Grotkamp an die anderen Erben. Döpfner betont in seinem Brief allerdings, dass er kein „Störfeuer“ gegen dieses Geschäft im Sinn habe. Sein Konzern sei auch bereit, sich zusammen mit bisherigen WAZ-Gesellschaftern zu engagieren.

Die Verhandlungen dürften angesichts der komplizierten Eigentümerstruktur aber schwierig sein. Die Familienstämme bei der WAZ können Grundsätzliches nur gemeinsam entscheiden und verfügen über gegenseitige Vorkaufsrechte für ihre Anteile. Traditionell werden Führungsposten im Verlag im Proporz mit Vertretern beider Seiten besetzt. Schon seit Jahren wird diese Struktur in Branchenkreisen als das größte Hindernis bei der Weiterentwicklung des Essener Medienkonzerns betrachtet.