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Wirtschaft Schweinemäster fürchten um Existenz
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20:25 15.08.2012
Von Carola Böse-Fischer
Schweine am laufenden Band: Die Schlachtbranche wird von wenigen Konzernen beherrscht. Quelle: dpa
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Hannover

Was die Ackerbauern freut, weil sie höhere Erlöse einfahren, das treibt viele Schweine haltenden Betriebe in die roten Zahlen. Denn sie müssen für den Einkauf von Futter, das aus Weizen, Gerste, Mais und Soja besteht, immer mehr zahlen. Gleichzeitig bekommen sie weniger Geld für ihre Schweine, weil die Schlachtkonzerne die Preise drücken.

Die Preise für Mastfutter haben inzwischen knapp 30 Euro je Dezitonne (100 Kilogramm) erreicht, wie die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) am Mittwoch berichtete. Verglichen mit der Vorjahreszeit sei das ein Anstieg von rund 50 Prozent. Die ISN mit Sitz in Damme, im Zentrum der niedersächsischen Schweinehaltung, vertritt etwa 12.000 der insgesamt mehr als 30.000 Betriebe mit Schweinemast, davon knapp 9000 in Niedersachsen. Die meisten seien Familienbetriebe.

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Ähnlich hohe Futterpreise gab es schon einmal 2008, wie eine ISN-Sprecherin sagte. Damals hätten sie durch hohe Schweinepreise aufgefangen werden können. Im ersten Halbjahr bekamen die Schweinemäster laut ISN jedoch nur noch zwischen 1,46 und 1,60 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht. Mit der anziehenden Fleischnachfrage wegen des Ferienendes in vielen Bundesländern habe sich der Erzeugerpreis auf derzeit 1,78 Euro erholt. Grund zur Entwarnung sei das aber nicht. Die Betriebe brauchen mindestens 1,90 Euro je Kilogramm, um wenigstens kostendeckend zu wirtschaften, wie die ISN-Sprecherin erklärte. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) schlägt deshalb bereits Alarm. Die Existenz mittelständisch-bäuerlicher Schweinehalter sei bedroht. Allein 2011 hätten nach Berechnung des Statistischen Bundesamtes 1600 Betriebe aufgeben müssen. Im ersten Halbjahr 2012 seien weitere 800 Schweinehalter auf der Strecke geblieben.

Die Ursache der Misere liegt nach Einschätzung der AbL in einer „massiven Überproduktion“, die die Preise kaputt mache. Seit 2010 werde erheblich mehr Schweinefleisch produziert, als hierzulande konsumiert werde. Der Selbstversorgungsgrad habe sich auf 115 bis 120 Prozent erhöht. Die Überschüsse werden von den Schlachtkonzernen zu „Billigstpreisen“ im Export nach Russland und China verramscht, wie AbL-Sprecher Eckehard Niemann sagte. Die Strukturprobleme würden durch den Bau neuer, riesiger Mastanlagen verschärft. Einen Stopp dieser Agrarfabriken erhofft sich die AbL durch die Novellierung des Bundesbaugesetzes, das künftig Höchstgrenzen für Mastplätze vorschreibe.

Die Interessenvertretung der Schweinehalter macht allerdings vor allem die Nachfragemacht der Lebensmittelkonzerne für die Probleme der Landwirte verantwortlich: Weil die Handelsriesen Billigfleisch als Lockvogelangebot einsetzen, um die Verbraucher in ihre Supermärkte zu ziehen, zwingen sie die Schlachtkonzerne zu Preiszugeständnissen – und die geben den Druck weiter an die Schweinemäster. Die Landwirte sind dagegen so gut wie machtlos, weil auch die Schlachtbranche von Großunternehmen beherrscht wird. Allein die drei größten Konzerne Tönnies, Vion und Westfleisch bringen es laut ISN in Deutschland auf einen Marktanteil von 55 Prozent.

15.08.2012