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Wirtschaft Saab – viele Fans,
 aber keine Käufer
Mehr Welt Wirtschaft Saab – viele Fans,
 aber keine Käufer
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19:40 21.12.2009
Auf Automessen wurde der Saab gern angeschaut, gekauft wurde die Marke zu selten.
Auf Automessen wurde der Saab gern angeschaut, gekauft wurde die Marke zu selten. Quelle: afp (Archiv)
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Es zählt zu den festen Klischees der Autobranche, dass der typische Saab-Fahrer ein „Individualist ohne Snob-Allüren“ sei – einer aus der Medien- oder Werbebranche, ein Arzt oder Architekt, nicht Rolex am Arm und Gucci auf der Nase, sondern dezente Klasse, das Haar kurz, nicht kahl oder lang, aber nicht verwildert. Einer – ja, es ist einer, denn der typische Saab-Fahrer ist Mann, einer dem Sicherheit wichtiger ist als Raserei und der doch gerne aufs Gaspedal drückt – einer, dem es Spaß macht, mit einem eher unscheinbaren Wagen die protzigen Flitzer zu überholen, denen auf leichten Autobahnsteigungen die Puste ausgeht, der dies aber nie offen einräumen würde.

Wie in allen Klischees steckt auch in diesem ein Kern an Wahrheit. Und wie die meisten Klischees ist es grundfalsch, was sich leicht beweisen lässt: Denn wenn alle, die sich für un-snobistische Individualisten halten, einen Saab gekauft hätten, dann wäre die schwedische Kultmarke ein Hit in den Autosalons gewesen.

Weil man in der Fabrik in Trollhättan aber im Vorjahr nur 92.000 Limousinen baute und in diesem gar nur noch 30.000, steht Saab jetzt mit eineinhalb Beinen im Grab, auch wenn es letzte Zuckungen gibt – ein nachgebessertes Angebot des letzten verbliebenen Spekulanten Spyker Cars aus Holland, an das niemand mehr so richtig zu glauben vermag. Nicht zuletzt, weil die Konzernmutter General Motors (GM) Saab wohl gar nicht verkaufen will, um sich durch dessen neues 9-5-Modell nicht Konkurrenz zu dem auf der gleichen Plattform gebauten Opel Insignia zu machen.

Und das war auch die Crux mit dem „Individualisten-Auto“: Seit GM 1990 bei Saab einstieg und zehn Jahre später völlig übernahm, hat die Schweden-Tochter viel von ihrem Charme verloren. Saab war nicht mehr der kleinste eigenständige Autobauer, sondern eine winzige Marke in einem riesigen Konzern, mit den damit verbundenen Großbetriebsvorteilen, aber auch dem Verlust des eigenen Dufts. Allerdings: auch als selbstständiges Unternehmen schrieb Saab ständig Verluste. Das war ja der Grund, warum die schwedische Wallenberg-Holding ihre PKW-Sparte loswerden wollte und an GM verhökerte.

Was die Fangemeinde liebte, war ein Auto, dessen Modelle vom Ur-Saab an jahrzehntelang vom selben Designer gezeichnet wurden: vom genialen Pionier Sixten Sason, der auch die berühmte Hasselblad-Kamera entwarf. Was sie liebten, waren die Aerodynamik und das Cockpit-Gefühl, die aus dem Flugzeugbau, aus dem sich Saabs Pkw-Bereich entwickelt hatte, abgeguckt waren. Das waren die kleinen Eigenheiten – Zündschloss in der Mittelkonsole statt am Lenkrad, Nachtfunktion am Armaturenbrett, um Blendung zu verhindern - und die großen Innovationen: der erste serienreife Turbolader, der Seitenaufprallschutz, um Elch-Kollisionen zu dämpfen, die schon 1964 eingeführte Zweikreisbremsanlage, die bei anderen erst viel später Sicherheitsstandard wurde.

Und doch wurde Saab nie ein Verkaufsschlager, weder in Schweden, wo man bei Volvo mehr Auto fürs gleiche Geld bekam, noch weltweit, wo sich die Nischenmarke gegen übermächtige Konkurrenz schwer tat. Saabs Einfälle, von den beheizten Sitzen bis zum Kabinenluftfilter, wurden auch von anderen rasch kopiert. Dass Saab dann unter der GM-Haube mehr und mehr Komponenten der Konzernkollegen verwendete, half der Rentabilität, schwächte aber das Argument, unbedingt einen Saab zu kaufen. Viele, die vorher nie ein anderes Auto gewählt hatten, wurden nun der Marke untreu.

Was jetzt mit dem Markenzeichen geschehen soll, ist unklar. GM kann den Namen nicht einfach verkaufen, denn Rechte an ihm halten auch die ursprüngliche Saab AB, die jetzt ein Rüstungskonzern ist, und der Lastwagenbauer Scania, der sich 1995 von der Pkw-Sparte abspaltete. Sie werden zu verhindern trachten, dass das Saab-Emblem auf Billigautos geklebt wird. Was es weiterhin geben kann, sind hingegen Saabs unter anderem Namen: der chinesische Produzent BAIC hat die Technologie und die Fertigungsanlagen der auslaufenden 9-3 und 9-5 Serien erworben, angeblich nicht nur für den Heimatmarkt, sondern auch für den Rückexport nach Europa.

von Hannes Gamillscheg