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Wirtschaft S-Bahn rollt ins Chaos
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19:09 16.07.2009
Von Alexander Dahl
Der Personenverkehrsvorstand der Deutschen Bahn AG, Ulrich Homburg.
Der Personenverkehrsvorstand der Deutschen Bahn AG, Ulrich Homburg. Quelle: Michael Gottschalk/ddp
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Da diese Baureihen den überwiegenden Teil des Fahrzeugparks in der Hauptstadt stellen, sind etwa zwei Drittel der Züge von der zeitweiligen Stilllegung betroffen.

Und dem Unternehmen Bahn drohen weitere Ausfälle: Auch sämtliche Achsen der weit über 100 000 Güterwagen sollen überprüft werden. Nach dem schweren Kesselwagen-Unglück im italienischen Viareggio mit 26 Toten kündigte das EBA an, eine „Verfügung zur Gewährleistung der Sicherheit“ zu erlassen, hieß es am Donnerstag. Alle in den Güterwagen montierten Radsätze sollen „einer Prüfung zur Bestätigung der Rissfreiheit zugeführt werden“, gab die Bonner Behörde am Donnerstag bekannt.

In der Berliner Innenstadt zwischen den Stationen Zoologischer Garten und Ostbahnhof werden als Konsequenz aus der EBA-Anordnung von Montag an für zweieinhalb Wochen keine S-Bahn-Züge mehr verkehren. Den Verkehr sollen sieben Regionalzüge pro Stunde und Richtung übernehmen. In vielen Randlagen Berlins fällt der S-Bahn-Verkehr ersatzlos aus. Mit den neuen Einschränkungen sei die „Talsohle dann aber auch durchschritten“, erklärte Ulrich Homburg, bei der Deutschen Bahn zuständiger Vorstand für die S-Bahn. Vom 10. August an sollen dann Woche für Woche je 50 Züge mehr rollen. Den vollen Betrieb will das Unternehmen erst von Dezember an wieder gewährleisten.

Die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD) berief am Donnerstag ein Krisentreffen ein. Dazu wollen am Freitag die Bahn, die Berliner Verkehrsbetriebe BVG, die die U-Bahn, Busse und Straßenbahnen betreiben, und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) zusammenkommen. Seit diesem Monat hat der Senat zudem die Zahlungen für den S-Bahn-Betrieb um sieben Millionen Euro monatlich und damit um etwa ein Drittel gekürzt. Weitere Kürzungen sind nun wahrscheinlich: „Weniger Leistung heißt weniger Geld“, betonte Sprecher Marko Rosteck. Selbst eine Kündigung des Verkehrsvertrages, der bis 2017 läuft, ist möglich. Die entsprechende Prüfung laufe, so Rosteck.

Bereits seit Ende Juni kann die S-Bahn nach einer Verfügung des Bonner EBA nur noch eingeschränkt auf ihrem 331 Kilometer langen Streckennetz fahren. Von den 632 Zügen, die aus jeweils zwei Wagen bestehen, fallen seither täglich etwa 200 aus. Die S-Bahn verkehrt nur noch nach Notfahrplan, um täglich 1,1 Millionen Fahrgäste zu befördern.

Anlass für die EBA-Anordnung war ein Unfall in Berlin-Kaulsdorf. Am 1. Mai war dort ein S-Bahn-Zug nach einem Radscheibenbruch entgleist. Das Tochterunternehmen der Bahn hatte sich danach verpflichtet, die Radsätze zu kontrollieren, dies aber nicht getan. Bereits im Winter gab es massive Störungen, weil Wagen bei starkem Frost ausfielen. Bei der S-Bahn gilt seit Langem ein Spardiktat, Werkstätten wurden stillgelegt, Personal wurde abgebaut, und funktionsfähige Züge verschrottet. Im Jahr 2008 machte die S-Bahn 56 Millionen Euro Gewinn, die der Konzern kassierte.