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Wirtschaft Russische Investoren sind in Deutschland auf Einkaufstour
Mehr Welt Wirtschaft Russische Investoren sind in Deutschland auf Einkaufstour
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07:46 19.08.2009
Von Stefan Koch
Bei der TUI in Hannover freut man sich über die russischen Investoren. Quelle: lni
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Wer denkt schon an Ortenberg in der Wetterau, wenn von russischen Investoren die Rede ist? Kaum einer. Dabei haben in der kleinen Gemeinde in der hessischen Provinz die Russen das Sagen. Genauer gesagt: der Süßwarenfabrikant Wiktor Lutowinow. Mit mehreren Millionen Euro hat Lutowinow die Eiscremefabrik AlterWest wieder auf die Beine gestellt – zu einer Zeit, als kein deutscher Investor auch nur einen müden Euro in die Firma stecken wollte.

AlterWest produziert Speiseeis und Eiscreme, ausgewählte Spitzenprodukte, nichts für den Massenmarkt. Ein typischer Weg für deutsche Mittelständler. Als es mit der Firma in den neunziger Jahren bergab ging, wollten die Alteigentümer die Maschinen kurzerhand über das Internet verkaufen und zwei Dutzend Mitarbeiter entlassen. Nur durch Zufall wurde Lutowinow auf das Schnäppchenangebot aufmerksam – und erwarb gleich die gesamte Firma. „Für uns war das ein Glücksfall“, sagt Gerd Hoven. Der heutige „Generaldirektor für Deutschland und Russland“ hat im Alltag den Hut auf. Allerdings erhält er regelmäßig Besuch vom Chef aus Moskau. „Der hat einen genauen Blick auf die Produktion“, sagt Hoven.

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Nicht ohne Grund: Mehr als zehn Prozent der Waren verschickt Hoven Richtung Osten. Und dort leben viele Menschen, die überaus gern Eis essen, auch im harten Winter. Mit dem neuen Eigentümer haben auch gleich neue Absatzmärkte Einzug in Ortenberg gehalten. Vom Eissnack „Moskau“ in der Waffelhülle bis zur Eistorte kredenzen die 55 Eisfachleute Spezialitäten, die sich zwischen Atlantik und Ural offensichtlich gut verkaufen lassen. Stolz ist der 59-Jährige nicht zuletzt auf die vielfachen Prämierungen der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Gold, Silber und Bronze.

Die Einwohner von Ortenberg in der Wetterau haben sich an die neuen Geldgeber aus dem Osten gewöhnt – in einigen anderen deutschen Dörfern und Städten steht diese Erfahrung noch ins Haus. Wie aus den Erhebungen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft hervorgeht, sind russische Investoren zurzeit auf Einkaufstour zwischen Flensburg und München. In den Schlagzeilen hiesiger Medien dominieren in diesen Wochen die Opel-Interessenten vom Autozulieferer Magna, an dem die russische Sberbank beteiligt ist. Auch das Ringen um die Zukunft der Wagan-Werften an der Ostsee hält die Öffentlichkeit in Atem, und es wurde in der vergangenen Woche von Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Dimitri Medwedew ausführlich in Sotschi am Schwarzen Meer besprochen. Der Investor Igor Jussufow gehört zur Gazprom-Führungsmannschaft, war früher Energieminister und pflegt weiterhin enge Kontakte zum Kreml. Oder der Milliardär Alexej Mordaschow: der russische Stahlproduzent ist heute der zweitgrößte Aktionär der hannoverschen TUI. Gleichwohl: Russische Investoren mit den ganz großen Geldkoffern sind hierzulande eher die Ausnahme.

Zumeist kommen die neuen Chefs eher unauffällig daher. So wie die Manager des Kosmetikunternehmens Kalina aus Jekaterinburg, die vor fünf Jahren eine erste Kooperation mit dem schwäbischen Pflegemittelproduzenten „Dr. Scheller“ eingingen. Ein Jahr später besaßen die neuen Partner aus dem Ural die Mehrheit am Unternehmen. Ähnlich erging es der „Dessau Fahrzeugtechnik“ und dem Landwirtschaftsmaschinenbauer Franz Kleine aus Nordrhein-Westfalen. Russische Firmen und russische Beteiligungen finden sich in Deutschland mittlerweile in so gut wie jeder Branche. Das kann der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft nur bestätigen: „Die deutsch-russische Zusammenarbeit ist ein Erfolgsmodell“, sagt Ausschussvorsitzender Klaus Mangold. Die überwiegenden Beteiligungen würden zumeist leise stattfinden. „Es ist nicht jedermanns Sache, lautstark in der Öffentlichkeit aufzutreten“, so Mangold. Üblich sei eher die stille Kooperation, die auch von Zuwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bevorzugt wird. Mehr als zwei Millionen Menschen fanden seit dem Ende des Kalten Krieges den Weg von Ost nach West. In den Statistiken tauchen ihre Aktivitäten kaum auf. „Aber sie spielen als Brückenbauer zwischen Berlin und Moskau eine enorme Rolle“, sagt Mangold. Selbstverständlich ist die Gewinnmarge in Deutschland nicht so hoch wie auf dem jungen russischen Markt, auf dem so mancher Investor 20 Prozent Jahresrendite erwirtschaftet.

Hierzulande müssen sie sich in der Regel mit fünf Prozent begnügen. Aber dafür gibt es eine gewisse Planungssicherheit. Von einer Eroberung des deutschen Marktes kann trotz vieler Einzelbeispiele jedoch keine Rede sein. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise traf Russland mit voller Wucht und hat so manchen Übernahmeplänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Rohstoffpreise sind gefallen, der Kaukasuskrieg im August 2008 hat einige Geschäftsleute verschreckt, und ausländisches Kapital wurde in aller Eile aus Moskau und St. Petersburg abgezogen. Im Vergleich zum Dollar verlor der Rubel binnen kurzer Zeit 35 Prozent seines Wertes. Dramatische Zahlen, die sich umgehend im Alltagsleben auswirkten. Dass es eine Delle gibt im deutsch-russischen Handel, ist unbestritten.

Dennoch glaubt Sergej Nikitin, Leiter der Berliner Außenstelle der russischen Industrie- und Handelskammer, an ein langfristiges Steigen der gegenseitigen Investitionen: „Mindestens 1000 hiesige Firmen sind mittlerweile in der Hand von Russen.“ Etwa 1,5 Milliarden Euro hätten sie im vergangenen Jahr direkt in die deutschen Aktivitäten gesteckt. Über die speziell russischen Hintergründe dieses Engagements spricht der Handelskammervertreter nicht so gern: Kaum ein russischer Manager traut dem eigenen Staat. Die allgegenwärtige Korruption lässt das Wirtschaftsleben manchmal wie ein Glücksspiel erscheinen. Das bestätigt auch ein russischer Anwalt, der eine Kanzlei in Berlin betreibt, aber nicht gern seinen Namen in der Zeitung liest: „Viele russische Unternehmer halten ihr Kapital langfristig nur für sicher, wenn es im Ausland liegt.“