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Wirtschaft Rüsselsheim als Rechenexempel der Russen
Mehr Welt Wirtschaft Rüsselsheim als Rechenexempel der Russen
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14:13 03.06.2009
Von Stefan Koch
Er kann bei Magna und damit künftig auch bei Opel ins Lenkrad greifen: German Gref, Chef des mächtigen russischen Finanzhauses Sberbank. Quelle: Alexander Nemenov/AFP

Die Genugtuung ist ihm anzusehen. German Gref hat lange warten müssen, bis er wieder in die erste Reihe der russischen Persönlichkeiten aufrücken konnte. Doch nun, inmitten der schweren russischen Wirtschaftskrise, ist seine Stunde gekommen. Mit Hilfe von Opel will der Chef der russischen Sberbank in turbulenten Zeiten ein wichtiges Signal senden. Russland, sagt Gref, stelle in diesen Monaten die Weichen für den baldigen Wirtschaftsaufschwung.

Der Weg zu diesem spektakulären Coup hat eine lange Vorgeschichte, die eng mit dem speziellen Moskauer Netzwerk aus Politik und Wirtschaft verknüpft ist. Ursprünglich war die „Sberegatelnyj Bank“, kurz Sberbank, die russische Sparkasse, die vor allem für die kleinen Leute da war. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Geldhaus von dem umstrittenen Milliardär Oleg Deripaska zum Einstieg in dessen Autokonzern Gaz überreden lassen. Deripaskas Credo: Wenn Autos „Made in Russia“ eine Chance haben sollen, brauchen sie einen starken Finanzpartner. So hatte das Fahrzeugwerk bei Nischni Nowgorod, das früher den begehrten „Wolga“ baute, zwar einen traditionsreichen Namen. Doch sämtliche Neuauflagen des Sowjetwagens scheiterten auf dem freien Markt.

In Fachkreisen sprach sich schnell herum, dass die ehemaligen Gorki-Werke veraltet und überschuldet sind. Bis auf den Kleintransporter „Gazelle“ rollt dort kaum ein Modell vom Band, das von Kunden gewünscht wird. Zu allem Übel häufte Gaz immer mehr Schulden in Milliardenhöhe an, während der Oligarch Deripaska noch vor zwei Jahren als reichster Privatmann Russlands galt. Gaz-Zulieferern wurden ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt, Investoren sprangen ab. Notgedrungen ging die Sberbank immer stärker in die Verantwortung, um zumindest den industriellen Kern zu retten.

Nach all diesen Turbulenzen ist es nachvollziehbar, dass Deripaska nicht direkt an dem Opel-Geschäft beteiligt werden soll. Gleichwohl sind seine Werke der künftige technologische Partner der Rüsselsheimer. Wie es heißt, sollen auf den Gaz-Bändern ab 2013 etwa eine Million Opel-Fahrzeuge gebaut werden. So würde das Engagement in Rüsselsheim für die Russen zu einem Rechenexempel, bei dem unterm Strich ein dicker Gewinn zu erwarten wäre.

Schon legen viele, in Moskau wie in Berlin, die Stirn in Sorgenfalten: Ob das alles realistisch ist?

Dem Sparkassendirektor Gref, so viel zumindest weiß man, ist einiges zuzutrauen. Der Sohn einer russlanddeutschen Familie, der eigentlich Hermann Gräf heißt, genießt seit mehr als zehn Jahren in der russischen Wirtschaft einen hervorragenden Ruf. Als Wirtschaftsminister unter dem damaligen Präsidenten Wladimir Putin war er ein Aushängeschild für liberale Reformen. Die Rolle rückwärts, die sein Dienstherr Putin dann in Richtung Staatskapitalismus vollzog, machte Gref nicht mit. So war er auch einer der wenigen, die die Zerschlagung des Rohstoffkonzerns Jukos und die Verhaftung des Oligarchen Michail Chodorkowski lautstark kritisierten. Zuletzt kostete ihn sein liberaler Kurs den Posten am Kabinettstisch. Doch entgegen vielen Unkenrufen ließ Putin seinen einstigen Kommilitonen aus Petersburger Studententagen nicht fallen, sondern machte ihn schließlich zum Chef der mächtigen Sberbank, die zu großen Teilen dem Staat gehört.

Gref ist also bestens vertraut mit den undurchsichtigen Spielregeln hinter den Kreml-Mauern. Dem Jongleur zwischen Politik und Wirtschaft, der fließend Deutsch spricht, sind auch die besonderen Beziehungen Putins zu Deutschland bekannt. Wer auf deutscher Seite ganz am Anfang dieses neuen deutsch-russischen Projektes stand, lässt sich nur vermuten. Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier hatte in der „Bild am Sonntag“ gesagt, dass er vom ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky einen Tipp bekommen hatte, mit dem Autozulieferer Magna und der Sberbank „Gespräche“ zu führen. Erstaunlich früh hatte sich aber auch Altkanzler Gerhard Schröder öffentlich zu einer möglichen Kooperation geäußert. „Der russische Automarkt verspricht wieder der international wichtigste Markt zu werden. Er ist perspektivisch lukrativ. Ich würde (bei Opel) auf einen Wachstumsmarkt setzen“, hatte der SPD-Politiker schon vor Tagen der Deutschen Presseagentur in Moskau gesagt. Putin und sein damaliger Minister Gref indessen hatten vor Jahren die Direktive ausgegeben, dass die einheimische Industrie auf Weltmarktniveau gebracht werden müsse. Ein Ukas, der bis heute Gültigkeit besitzt. Dazu braucht das Land eine konkurrenzfähige Autoindustrie, zumal Russland nach der Krise Europas größter Pkw-Markt werden könnte. Lada-Hersteller Awtowas, der einzige ernsthafte Wettbewerber am Markt, ist zwar mit mehr als 650 000 verkauften Fahrzeugen bisher der größte Autobauer zwischen Ostsee und Pazifik. Doch der Renault-Partner gilt als ineffizient und unproduktiv.

Liegt die Lösung beim Mitbewerber Gaz? Die Werke verfügen über eine Kapazität von 300 000 Fahrzeugen im Jahr, allerdings vorwiegend für Kleintransporter. Der groß angelegte Umbau der Gorki-Werke würde voraussichtlich mehrere Milliarden Euro kosten, die als Kredit aufgenommen werden müssten.

Doch Moskaus Ziel, die einheimische Autoindustrie voranzubringen, ist unverrückbar. Die Sberbank soll den Kraftakt finanzieren und wird hierfür als Staatsbank auch die nötigen Milliarden aus den Kreml-Kassen bekommen. Über das Kontrollpaket an Opel hat sich Gref das Recht erkauft, auf deutsches Know-how zuzugreifen. Das Führungsduo Wladimir Putin/Dimitri Medwedew wird darauf dringen, dass das auch wirklich geschieht.

Ob das gesamte Manöver in Deutschland nicht noch mehr Arbeitsplätze kosten wird als die angekündigten 2200, bleibt abzuwarten. Vorerst dürfen die Magna-Manager den Opel-Konzern zwar eigenhändig steuern – die russischen Finanziers werden ihnen aber sehr wohl ins Lenkrad greifen.

So viel ist klar: Die 26 000 Opel-Mitarbeiter in Deutschland müssen sich auf schwierige Verhandlungen über Einsparungen und Stellenabbau gefasst machen, wie Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz bereits am Dienstag im ZDF sagte. Selbst mit dem Wunschkandidaten Magna werde aus Opel „kein Land, in dem Milch und Honig fließen“.

Eine Einschätzung, die auch in Moskauer Medien geteilt wird. Die Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ bezweifelt in ihrer jüngsten Ausgabe, dass die Standorte in Deutschland vollständig erhalten bleiben. In der Weltwirtschaftskrise habe auch die russische Regierung mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Moskau dürfte daher kaum ein Interesse daran haben, Jobs in Deutschland zu sichern. Bisher werde zwar die Verlagerung der Produktion von Deutschland nach Russland nicht diskutiert, schreibt die Zeitung. „Aber die Öffnung neuer Standorte in Nischni Nowgorod ist realistisch.“

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