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Wirtschaft Rewe führte Verbraucher in die Irre
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17:53 15.11.2013
Handelsriese Rewe muss seine Treuepunkte-Aktionen auch durchziehen. Ansonsten gibt es Ärger mit dem Bundesgerichtshof. Quelle: dpa
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Karlsruhe

Kundenfreundlichkeit sieht anders aus: Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler Rewe hat nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs die Verbraucher in die Irre geführt. Rewe hatte im Frühjahr 2011 eine Treuepunkte-Aktion wegen des unerwartet großen Kundenansturms vorzeitig abgebrochen. Die Folge: Viele Verbraucher blieben auf ihren halbgefüllten Rabattheften sitzen.

Doch so leicht hätte es sich Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler nicht machen dürfen, entschieden die Karlsruher Richter in einer am Freitag veröffentlichten Entscheidung. Rabattmarken seien „eine Art Währung“, die nicht einfach verfallen dürfe. Der Handelsriese gelobte Besserung.

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Bei der in Zusammenarbeit mit dem bekannten Messerhersteller Zwilling durchgeführten Aktion konnten die Rewe-Kunden für ein Heft voller Treuepunkte und einen geringen Aufpreis ein Messer des Markenherstellers erwerben. Die Aktion startete im Frühjahr 2011 und sollte eigentlich bis zum 23. Juli dauern. Doch beendete das Unternehmen sie schon zwei Monate früher, weil der Vorrat von 3,2 Millionen Messern verkauft war. Gegen dieses Vorgehen hatte die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg geklagt. Sie sahen darin eine Irreführung der Verbraucher.

Die Karlsruher Richter gaben den Verbraucherschützern recht (Az. I ZR 175/12). Nach Auffassung des Gerichts hätte der Kölner Handelsriese den Ansturm vorhersehen müssen. Denn bei zwei Aktionen im Jahre 2010 mit Handtüchern der Marke „Möwe“ und Kochtöpfen des Herstellers WMF, seien mehr als 3 Millionen beziehungsweise 4,2 Millionen Stück verkauft worden.

Nach Einschätzung der Richter hätte der Handelskonzern den enttäuschten Kunden wenigstens eine Alternative anbieten müssen, „beispielsweise den Erwerb einer anderen Ware, den Erwerb der ausgelobten Messer zu einem deutlich späteren Zeitpunkt, zu dem der Hersteller wieder zu liefern imstande gewesen wäre, oder durch Gewährung eines Einkaufsgutscheins“. Schließlich habe das Unternehmen mit den Rabattmarken eine Art Währung ausgegeben. Kunden hätten nicht damit gerechnet, dass die Treuepunkte „einfach verfallen und keinerlei Wert mehr haben sollen“.

Die Kunden seien bei derartigen Treueaktionen besonders schutzbedürftig, betonte das Gericht. Denn sie träten quasi in Vorleistung, in dem sie verstärkt bei dem Händler einkauften und manchmal auch bewusst mehr Geld ausgäben, um in den Genuss weiterer Treuepunkte zu kommen.

Rewe gelobte angesichts der Richterschelte Besserung. „Wir werden bei zukünftigen Treuepunkte-Aktionen so planen, dass alle Kunden zufriedengestellt werden können. Einen vorzeitigen Abbruch wird es nicht mehr geben“, beteuerte ein Unternehmenssprecher. Jeder Kunde, der sich beschwert habe, habe aber auch damals noch ein Messer bekommen.

Der Reiz der Treuepunkte

Im Zeitalter der Kundenkarte wirken sie seltsam altmodisch: Treuepunkte. Der Verbraucher bekommt sie beim Einkauf im Supermarkt und kann - wenn er genug davon gesammelt hat - damit Messer, Töpfe oder Haushaltsgeräte zum vermeintlichen Schnäppchenpreis kaufen. Bei Handelsketten und Verbrauchern sind die Klebepunkte gleichermaßen beliebt. Nur so ist es wohl zu erklären, dass sich jetzt sogar der Bundesgerichtshof mit den kleinen Aufklebern befassen musste. Doch was macht ihren Reiz aus?

Aus der Sicht des Handels ist dies einfach zu beantworten. „Für die Supermarktketten rechnen sich die Treuepunkt-Aktionen auf jeden Fall“, urteilt Handelsexperte Thomas Roeb. Denn sie seien ein wichtiges Instrument zur Kundenbindung. Die angebotenen Artikel wirkten auf Kunden viel stärker als Geldrabatte in vergleichbarer Höhe.

Von großer Bedeutung ist dabei nach seinen Worten allerdings die Auswahl. Ideal seien Artikel, die aufeinander aufbauen, etwa Töpfe oder Messer. „Wenn sie das große Messer haben, wollen sie das Kleine noch dazu“, schildert der Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg den Trick. Für den Kunden gehe es dann nicht mehr nur darum, einen Rabatt zu kriegen. Es komme das Sammelmotiv hinzu. „Man will den Messerblock voll haben, oder die Topfserie komplett.“ Dies gelte umso mehr, wenn Messer oder Töpfe ein besonderes Design hätten.

Auch aus der Sicht der Hersteller ist die Sache einfach: Für sie ist das Geschäft interessant, weil sie so auf einen Schlag große Mengen in den Markt drücken können. Denn die georderten Stückzahlen erreichen oft Millionenhöhe.

Weniger eindeutig sei die Situation beim Verbraucher. „Für Kunden ist es eigentlich am uninteressantesten“, findet Roeb. Denn der Verbraucher kaufe dadurch Messer und Töpfe in einer Menge, die er möglicherweise zu dem Zeitpunkt nicht benötige. Viele davon landeten wahrscheinlich ungenutzt in der Schublade oder im Schrank.

Doch ist dies nicht die einzige Falle, in die der Verbraucher tappen kann. Dunja Richter von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg rät entschieden dazu, auch bei derartigen Treuepunkt-Aktionen nicht einfach darauf zu vertrauen, dass es sich bei den angebotenen Artikeln um Schnäppchen handelt. Manchmal sei die Treuepunkt-Aktionsware genauso teuer oder sogar teurer als vergleichbare Produkte im normalen Handel. „Der Verbraucher sollte auf jeden Fall die Preise vergleichen.“

dpa

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