Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Rätselraten über die wirtschaftlichen Folgen des Bebens in Japan
Mehr Welt Wirtschaft Rätselraten über die wirtschaftlichen Folgen des Bebens in Japan
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:37 13.03.2011
Das gewaltige Erdbeben hat Japans Wirtschaft hart getroffen – wie dieses Industriegelände in Sendai.
Das gewaltige Erdbeben hat Japans Wirtschaft hart getroffen – wie dieses Industriegelände in Sendai. Quelle: dpa
Anzeige

Erste Stromkonzerne kündigten bereits kontrollierte Lieferausfälle an, um einen kompletten Zusammenbruch der Netze durch den Ausfall zahlreicher Atomkraftwerke zu vermeiden. Viele Konzerne wie die Automobilhersteller Toyota, Nissan und Honda haben bereits die Produktion in ihren japanischen Fabriken eingestellt

Die Regierung teilte am Sonntag mit, an einem Nachtragshaushalt zur Finanzierung des Wiederaufbaus zu arbeiten, während die Opposition eine Sondersteuer ins Gespräch brachte. Die Regierung müsse ernsthaft prüfen, ob allein über die Ausgabe von Staatsanleihen genug Geld beschafft werden könnte, sagte Sadakazu Tanigaki, Chef der größten Oppositionspartei LDP.

Die Regierung will den Wiederaufbau jedoch ohne Steuererhöhungen stemmen. Premierminister Naoto Kan erwartet, dass Japan nun einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben werde wie die Vereinigten Staaten unter dem New Deal von Präsident Franklin Delano Roosevelt in den dreißiger Jahren. Das Erdbeben werde schon bald durch den Wiederaufbau in den betroffenen Regionen große Nachfrage schaffen.

Kans Prognose ist nach Einschätzung von Volkswirten nicht aus der Luft gegriffen. Sie verweisen auf den sogenannten „Kobe-Effekt“. 1995 hatte ein Erdbeben in der japanischen Stadt Kobe große Schäden angerichtet, der Ökonomie kurzfristig einen Dämpfer versetzt, dann aber mit der zusätzlichen Wiederaufbau-Nachfrage die Wirtschaft angekurbelt.

Der japanische Staat ist hoch verschuldet, und die Märkte hatten bereits vor dem Beben immer wieder die Nachhaltigkeit des Defizits des Landes diskutiert. Unter anderem senkten Ratingagenturen die Bewertung des Landes in den vergangenen Wochen. Die bislang aufgelaufene Staatsverschuldung beträgt gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung nach OECD-Daten etwa 200 Prozent. Damit hat das Land einen zweieinhalb mal so hohen Schuldenberg wie Deutschland. Anders als hoch verschuldete europäische Staaten ist Japan zur Finanzierung jedoch nicht auf ausländische Kapitalgeber angewiesen, sodass es auch in der Finanzkrise keine Probleme hatte, die Schuldenlast zu refinanzieren. Wegen der niedrigen Zinsen ist auch die Zinsbelastung nicht aus dem Ruder gelaufen.

Die japanische Zentralbank sicherte derweil zu, alle nötigen Maßnahmen ergreifen zu wollen, um die Stabilität des Finanzsystems auch nach dem schweren Erdbeben zu gewährleisten. Über das Wochenende zahlte die Notenbank bereits fast 500 Millionen Euro an Banken aus, die in den Katastrophengebieten außerhalb der normalen Geschäftszeiten ihre Filialen öffneten. Heute dürfte die Zentralbank dem Geldmarkt, über den sich Geschäftsbanken teilweise refinanzieren, umgerechnet mehrere Milliarden Euro zur Verfügung stellen, meldeten japanische Medien.

Die Tokioter Börse und die anderen japanischen Finanzmärkte sollen trotz der Tsunami- und Atomkatastrophe am Montag wie gewohnt arbeiten. Der für die Märkte zuständige Minister Shozaburo Jimi erklärte am Sonntag, die Behörden würden besonders auf Versuche von Manipulationen achten. Das gelte besonders für das Verbot von Leerverkäufen. Beobachter gehen davon aus, dass der Nikkei-Index infolge der Katastrophe unter die 10.000-Punkte-Marke fallen wird. Da die Aktien von Firmen aus allen Branchen unter Verkaufsdruck geraten würden, könne der Nikkei in nächster Zeit unter 9000 Punkte fallen, sagte Masaru Hamasaki von Toyota Asset Management.

Deutsche Japankenner halten eine temporäre Steuer zur Finanzierung des Wiederaufbaus für möglich. „Eine Sondersteuer ähnlich wie der Solidaritätszuschlag in Deutschland würde von den Japanern sicherlich mitgetragen“, sagt Tim Goydke, Japanexperte der Hochschule Bremen. Solidarität sei in dem Land generell hoch ausgeprägt. An der Entschlossenheit für einen Wiederaufbau wird es Japan nicht mangeln, sagt Humangeograf Winfried Flüchter von der Universität Duisburg-Essen, der sich auf Ostasien spezialisiert hat. Die nationale Einheit und das Selbstbewusstsein des Landes seien nicht gefährdet. Dennoch werde das Ereignis einen Einschnitt für das Land bedeuten, wie es die Terrorattacken im September 2001 für die USA waren, so Flüchter.

dpa

Mehr zum Thema

Nur schrittweise erfasst Japan das Ausmaß des verheerenden Tsunamis. Ein zweiter Atomalarm und widersprüchliche Berichte über Kernschmelzen in Fukushima nähren Angst vor der Atomkatastrophe. Experten befürchten zusätzliche Gefahr durch hochgiftiges Plutonium.

25.03.2011

Nur schrittweise erfasst Japan das ganze Ausmaß des verheerenden Tsunamis. Berichte über Kernschmelzen im Reaktor Fukushima nähren derweil die Angst vor der Atomkatastrophe. Die Informationen der Regierung widersprechen sich, Experten rechnen mit dem Schlimmsten.

25.03.2011

Noch kann niemand genau sagen, wie viele Menschen beim Erdbeben und dem Tsunami in Japan ums Leben kamen. Vermutlich sind es mehr als 1800. Die internationale Hilfe läuft an, auch mit deutscher Beteiligung.

25.03.2011