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Wirtschaft Quelle-Mitarbeiter bangen um Abfindung
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20:55 27.07.2009
Wer noch bei Quelle arbeitet, ist jetzt besser dran. Quelle: Timm Schamberger/ddp
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Kein Job, keine Abfindung. Wer bei Krisenfirmen gegen Bares kündigt, kann nur hoffen, dass die Firma zumindest kurzfristig überlebt. Persönliche Dramen wie jetzt bei Quelle sind in allen Branchen an der Tagesordnung.

„Es ist tragisch, aber Quelle sind die Hände gebunden.“ Der Firmensprecher meint rund 160 ehemalige Beschäftigte, die Ende Juni vermeintlich gegen eine ansehnliche Abfindung den seit Anfang Juni insolventen Versandhändler verlassen haben. Ihr Ausscheiden ist rechtswirksam und nicht umkehrbar. Ihre Abfindung haben sie aber Anfang Juli trotzdem nicht erhalten.

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Der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg ist gesetzlich verpflichtet, das Geld zurückzuhalten und die Getroffenen in die Reihe der Gläubiger des Pleiteunternehmens zu verweisen. Ihre finanziellen Perspektiven sind dort mehr als bescheiden. Es gehe um Abfindungen zwischen 20.000 und 200.000 Euro, sagt ein Sprecher Görgs. Bedient werden diese Forderungen im Zuge des späteren Insolvenzverfahrens nach noch zu berechnenden und für alle Gläubiger geltenden Quoten.

Bei Pleiten in Deutschland liegt diese im Schnitt bei 4 Prozent, sagen Insolvenzverwalter. Von einer Abfindung über 100 000 Euro bleiben so am Ende gerade 4000 Euro. „Da brechen mit einem Schlag Lebensplanungen zusammen“, sagt ein erfahrener Insolvenzexperte, der solche Fälle zuhauf kennt. So mancher müsse ohne Job und Abfindung sein Haus verkaufen und noch glücklich sein, einen solchen Wert zu besitzen.Verzweifelte Versuche, sich wieder in ein Anstellungsverhältnis zurück zu klagen, sind meist aussichtslos.

„Sprinterprämie“ hieß bei Quelle das Vehikel, mit dem Ende 2008 bei der damaligen Sanierungsrunde rund 400 Beschäftigte mit großzügigen Abfindungen von fast einem Drittel über dem üblichen Niveau zum Ausscheiden verlockt wurden vom einfachen Beschäftigten bis zum Manager. Sehr beliebt sei dieses Instrument gewesen, erzählt der Quelle-Sprecher. „Kein Mensch hat doch geglaubt, dass die Insolvenz kommt.“

Eine Sofortabfindung mit Unterzeichnung ihres Aufhebungsvertrags hatten nur einige Betroffene vereinbart. Normalerweise verweigern Unternehmen Geld vor dem Ausscheiden aus dem Betrieb, stellt Quelle-Aufsichtsrat Johann Rösch klar. Er ist zugleich Gewerkschaftssektretär bei ver.di und kennt praktisch bei jedem größeren Pleitefall von Hertie bis Woolworth tragische Fälle wie jetzt bei Quelle.

Theoretisch gebe es auch Versicherungen, die per Police das in der gesamten Wirtschaft bekannte Insolvenzrisiko für Abfindungen absichern. Um ihre Existenz kämpfende Firmen haben dafür aber kein Geld. Rösch kennt jedenfalls keinen einzigen Fall, wo eine solche Police abgeschlossen wurde.

Das Problem sich in Luft auflösender Abfindungen dürfte demnächst bundesweit und über alle Branchen hinweg Konjunktur bekommen. Denn viele Experten sagen eine Pleitewelle voraus. „Das betrifft nicht nur den Handel sondern alle“, betont Rösch. Für ihn ist klar, dass die Wurzel des Übels in der geltenden Insolvenzordnung liegt. Die stelle einen auf Abfindung vertrauenden Mitarbeiter etwa einem Handwerker gleich, der noch eine Rechnung offen hat.

Die persönliche Betroffenheit des Personals sei aber in jedem Fall höher. Das müsse die Insolvenzordnung berücksichtigen und das Personal von Pleitefirmen an die Spitze der Gläubigerschlange stellen. ver.di habe in diesem Punkt dem Bundesarbeitsministerium bereits Handlungsbedarf signalisiert. „Die Insolvenzordnung muss dringend korrigiert werden“, sagt Rösch. Das Problem betreffe alle Branchen.

von Thomas Magenheim

27.07.2009
Stefan Winter 26.07.2009