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Wirtschaft Porsche wird zum Volkswagen
Mehr Welt Wirtschaft Porsche wird zum Volkswagen
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22:53 23.07.2009
Von Stefan Winter
Quelle: David Hecker/ddp
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Als der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff von einem britischen Journalisten gefragt wurde, ob es sich um eine Übernahme („Takeover“) durch VW oder um eine Fusion („Merger“) handele, sollte keinerlei Zweifel aufkommen: „It’s a merger, it’s a merger!“

Ist die auf zwei Jahre angelegte Verschmelzung vollendet, wird das formal sogar stimmen. Die Praxis sieht allerdings etwas anders aus, und auch das erklärte Wulff: Porsche werde „selbstverständlich autonom mit Sitz in Stuttgart/Zuffenhausen bleiben wie Audi in Ingolstadt“. Audi ist zwar eine klar untergeordnete Konzerntochter, firmiert aber als Aktiengesellschaft mit eigenem Vorstand. Diese Sonderrolle ist wohl auch für Porsche vorgesehen. So konnte Betriebsratschef Uwe Hück in die Menge rufen: „Wir haben es erreicht“ – den Fortbestand als selbstständiges Unternehmen. Am Ende wird das nur eine Formalität sein, denn der Plan des VW-Vorstands läuft auf die volle Integration Porsches unter dem Konzerndach hinaus.

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Eine Schlüsselrolle wird dabei das Emirat Katar spielen, doch wie sie genau aussehen soll, wird von beiden Seiten unterschiedlich dargestellt. Man werde den Einstieg der Qatar Holding LLC bei Porsche „endverhandeln“, heißt es auf der einen Seite. Katar werde als „strategischer Partner bei Volkswagen eingebunden“, erklärt die andere Seite.

Nach Angaben aus VW-Aufsichtsratskreisen sieht der Plan mehrere Stufen bis zum Jahr 2011 vor. Demnach soll Porsche seine Optionen auf VW-Aktien an Katar abgeben, das Geld dafür fließt direkt an Banken. So bekommen die Araber 17 Prozent der VW-Stammaktien. Außerdem geben sie Porsche einen Kredit über 750 Millionen Euro, mit dem die Stuttgarter ihre Schulden bei VW bezahlen können. 2011 soll sich Katar dann mit 10 Prozent an der Porsche SE beteiligen, dem Mutterkonzern des Sportwagenherstellers. Unmittelbar danach wird die Porsche SE mit der Volkswagen AG verschmolzen, die Porsche-Aktien werden in VW-Aktien umgewandelt. Danach soll das Emirat 19 Prozent an VW besitzen, die Familien Porsche und Piëch wären direkt an VW beteiligt – in bisher nicht geklärter Höhe.

Damit hätte Porsche allerdings noch nicht viel gegen seine enorme Schuldenlast getan. Allgemein wurde erwartet, dass Porsche sein operatives Geschäft teilweise an VW verkaufen wird, um Geld in die Kasse zu bekommen. Davon war am Donnerstag aber zunächst keine Rede.

Der Porsche-Aufsichtsrat beschloss jedoch, eine Kapitalerhöhung „im Volumen von mindestens 5 Milliarden Euro vorzubereiten“. Wer das Geld einbringen soll, wurde nicht erklärt. Offenbar wollen die Familien Porsche und Piëch das nun doch ohne fremde Hilfe stemmen. Ausdrücklich sind sowohl eine Bar- als auch eine Sacheinlage möglich. Das könnte darauf hindeuten, dass andere Firmenbeteiligungen, zum Beispiel die familieneigene Autohandelsgruppe in Salzburg, eingebracht werden.

Angesichts der vagen Beschlüsse wartet nun einige Arbeit. Die beiden Vorstände würden Gespräche aufnehmen, um „ein finales Konzept“ für die Schaffung eines integrierten Konzerns „unter Führung von Volkswagen“ zu erarbeiten, erklärte VW. „Umfassende Prüfungs- und Bewertungsprozesse“ seien noch nötig.

Bei Wiedekings Abschied fließen Tränen

„Ihr macht es mir verdammt schwer“

Stuttgart. Dicht an dicht drängen sich Tausende Porsche-Mitarbeiter unter den Regenschirmen und verfolgen den letzten Auftritt ihres Chefs. Erst nach langem Jubel kommt Wendelin Wiedeking zu Wort: „Ihr macht es mir verdammt schwer.“ Tränen sind erlaubt an diesem Tag. Auch Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche verdrückt eine, als er stockend sagt: „Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen.“ „Der Wolle muss weinen“, entfährt es einem in der Menge.

Manchem Mitarbeiter geht es nicht anders. Hier in Zuffenhausen haben sie sich immer ein bisschen wie im Asterix-Dorf gefühlt, clever und stark. Konzerne wie VW, das waren eher die Römer: groß, aber dumm. Jetzt ist der Zaubertrank alle, und man muss sich bei den Großen einreihen. Um ihre Jobs hätten sie keine Angst, sagt einer, aber „am Stolz kratzt es schon“. Und ein Langgedienter erinnert sich an den früheren Chef „Ferry“ Porsche: „Der hätte sich im Grab umgedreht.“

Auf der Bühne streichelt Wiedeking die Seelen. Die Angriffe auf ihn hätten Porsche beschädigt. „Ihr habt es nicht verdient.“ Mögliche Fehler sind kein Thema, und auch unter den Regenschirmen denkt man heute lieber an Wiedekings Erfolge. „Ohne den wären wir schon lange weg“, sagt ein 34-Jähriger. Jetzt habe er eben „einmal einen Fehler gemacht“.

Es war Ende März, als sich dieser Fehler nicht mehr kaschieren ließ. Die Porsche-Spitze fand sich in der niedersächsischen Staatskanzlei ein und malte bei Ministerpräsident Christian Wulff ein schwarzes Bild der Lage. Hatte man die ersten Beteiligungskäufe bei VW noch über Optionsgeschäfte quasi im Vorbeigehen finanziert, wurden für die Mehrheitsübernahme doch Kredite nötig. Schulden von 9 Milliarden Euro türmten sich auf, und die Banken zierten sich mit der Anschlussfinanzierung. Außerdem gebe es erhebliche Risiken aus den Optionsgeschäften mit VW-Aktien. Es soll eine trostlose Vorstellung gewesen sein.

Man einigte sich darauf, dass VW dem eigenen Großaktionär einen Kredit über 700 Millionen Euro gibt und außerdem die Zeit der Porsche-Übermacht vorbei sei, erinnert sich ein Teilnehmer. Doch Wiedeking habe schnell vergessen, als er den Kredit sicher hatte. Zwar beschlossen die Porsche-Eigner hochoffiziell, einen „integrierten Automobilkonzern“ mit Porsche als zehnter Marke zu bilden, doch die Gespräche darüber stockten schon bei der Festlegung des Arbeitsplans. Nun war Wiedeking auch für die VW-Spitze erledigt. Der Porsche-Chef trickse und gebe keine Informationen heraus, hieß es in Wolfsburg. Mit dem könne man nicht arbeiten.

Wiedekings Quertreiberei klärte die bis dahin stets wechselnden Fronten: Wulff fand wieder Gemeinsamkeiten mit Ferdinand Piëch, VW-Chef Martin Winterkorn blieb dessen treuer Gefolgsmann, und Betriebsratschef Bernd Osterloh machte das Quartett komplett. In demonstrativer Einigkeit sahen sie zu, wie sich die Porsche-Seite – unter tatkräftiger Mithilfe Piëchs – selbst zerlegte. Wiedeking fand sich in der Defensive nicht zurecht, Finanzchef Härter war entzaubert. Wolfgang Porsche galt wegen seines Festhaltens an beiden plötzlich als entscheidungsschwach, und Betriebsratschef Uwe Hück fühlte sich verladen: Die Männer, für deren Großmachtpläne er sich in die Schlacht geworfen hatte, wollten ihn plötzlich samt 11.000 Kollegen an VW verkaufen. Hück, der Kampfsportler mit dem breiten Kreuz, muss verbittert sein. Vor den Kollegen im Regen lässt er es sich nichts anmerken: „Wir sind Porscheaner und lassen uns nicht unterkriegen“, brüllt er in die Menge.

ddp