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Wirtschaft Peking will Staus abschaffen: Deutsche Auto-Aktien brechen ein
Mehr Welt Wirtschaft Peking will Staus abschaffen: Deutsche Auto-Aktien brechen ein
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16:49 27.12.2010
Im Kampf gegen den drohenden Verkehrsinfarkt setzen die Behörden in Chinas boomender Hauptstadt Peking auf eine Radikalkur: 2011 sollen nur noch halb so viele Autos neu zugelassen werden. Quelle: dpa
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Die Stadtregierung von Peking plant laut „Handelsblatt“ (Montag), im Kampf gegen die Staus in der Millionenmetropole die Zahl der Neuzulassungen 2011 zu halbieren. „Der Boommarkt China ist gerade für die deutschen Autobauer ein sehr wichtiger Absatzmarkt“, sagte Aktienhändler Andreas Lipkow von MWB Fairtrade. „Absatzrestriktionen würden einen harten Schlag bedeuten.“ Dem Bericht zufolge gilt die Entscheidung der Behörden in der chinesischen Hauptstadt als richtungsweisend für die Verkehrspolitik des Landes.

„Das schüttet Sand ins Getriebe der Autohersteller, die vom Wachstumsmotor China nach oben getrieben wurden“, kommentierte Marktstratege Thilo Müller von MB Fund Advisory. Allerdings sei auch die Liquidität in der Woche nach Weihnachten sehr dünn. Kleine Aufträge führten zu großen Kursbewegungen, die deswegen nicht überbewertet werden sollten.

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Insgesamt gab der Dax bis zum Nachmittag um 1,43 Prozent auf 6956,51 Punkte nach und sackte damit wieder unter die psychologisch wichtige 7000-Punkte-Marke. Schlusslicht war die VW-Aktie mit einem Minus von 5,07 Prozent auf 121,60 Euro. Deutsche Autowerte hatten im Börsenjahr 2010 zu den großen Gewinnern im Dax gezählt - vor allem wegen ihres Erfolgs in China und anderen Schwellenländern.

Die chinesische Notenbank hatte am Samstag zur Eindämmung der Inflation erstmals seit Ende Oktober wieder die Leitzinsen erhöht und zwar moderat um 0,25 Prozentpunkte auf 5,81 Prozent. Die Reaktionen an den Finanzmärkten auf diesen Schritt fielen gemischt aus: Die Zinserhöhungen könnten nach Einschätzung von Ökonomen zwar das chinesische Wachstum bremsen, helfen andererseits aber auch, eine “Überhitzung“ der Wirtschaft mit der Gefahr eines plötzlichen Abschwungs zu verhindern. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao zeigte sich am Montag in einem Radio-Interview zuversichtlich, dass die Maßnahmen die bisher stark anziehenden Lebensmittel- und Immobilienpreise in Schach halten würden.

Analysten bleiben gelassen

Der laut Branchenkennern bereits vorige Woche beschlossene Erlass, der im kommenden Jahr die Zahl der Neuzulassungen auf die Hälfte drücken soll, sorgte bei Exporteuren und Analysten zwar für Unruhe - allzu tiefe Sorgenfalten ließen sie sich aber nicht auf die Stirn treiben. „Es geht hier um eine einzige Stadt, da braucht man nicht in Panik zu verfallen“, sagte Eric Heymann von Deutsche Bank Research. Ob der voraussichtlich auf 400.000 Fahrzeuge rationierte Absatz im Pekinger Stadtgebiet direkte Folgen für die deutschen Hersteller haben könnte, sei schwierig abzuschätzen. „Ich wäre da eher etwas entspannter“, meinte der Automarkt-Experte. „Man sollte nicht gleich denken, dass die gesamte Wachstumsstory China damit nicht mehr gültig wäre.“

Der Premium-Anbieter Daimler, dessen Modelle vor allem bei der neuen Oberschicht im „Superschwellenland“ der chinesischen Ostküste gut ankommen, sieht seine Prognose von zweistelligen Zuwächsen nicht in Gefahr: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es zu früh, über Auswirkungen auf den gesamtchinesischen Automarkt zu sprechen.“ An Spekulationen über weitere Beschränkungen wolle man sich nicht beteiligen.

Der Zulieferer Bosch kommentierte die geplanten Eingriffe der Pekinger Verwaltung ebenfalls zurückhaltend. „Wir reden da von der Stadtregierung. Das ist ja nicht ganz China.“ Langfristig werde das Wachstum nicht nur in den Metropolen, sondern auch in Zentralchina anziehen.

Eine BMW-Sprecherin erklärte, die in Peking geplante Beschränkung der Neuzulassungen wäre nicht die erste in chinesischen Metropolen und sei daher keine große Überraschung. Bisherige Beschränkungen hätten sich nicht auf BMW ausgewirkt. Man werde dies auch im aktuellen Fall beobachten, sehe aber bisher keinen Grund zur Beunruhigung. „Die Details der Umsetzung sind entscheidend“, sagte die Sprecherin.

Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) hielt an seinem grundsätzlichen Optimismus fest: „China wird für die deutsche Automobilindustrie ein wichtiger Wachstumsmarkt bleiben.“ Lokale Einschränkungen dürften nicht überbewertet werden - obschon sich der Boom auf dem chinesischen Markt laut VDA-Prognose abkühlt. So hatte der Verband bereits Anfang Dezember darauf hingewiesen, dass nach einem Plus um 30 Prozent in diesem Jahr 2011 wohl nur noch ein Zuwachs von 11 Prozent auf 12,1 Millionen Fahrzeuge gelingen wird.

Jenseits von Kontingentierungen und ähnlichen Markteingriffen brauche das Riesenland mehr moderne Verkehrsleittechnik, hieß es aus dem VDA - eine Forderung, der sich Analyst Heymann anschloss: „Die Infrastruktur in China kann zurzeit ja gar nicht so schnell wachsen wie die Zahl der Autobesitzer.“

Ins Stocken geraten werden die ehrgeizigen Vertriebsprojekte ausländischer Autobauer in den kommenden Jahren nach Überzeugung von NORD/LB-Experte Frank Schwope keinesfalls. Bei den alternativen Antrieben könne die chinesische Verkehrspolitik aber neue Konkurrenz für die Deutschen auf den Plan rufen, die derzeit Milliarden über Milliarden im Land investieren. „Es geht auch um Abgase. Die Zuwächse für herkömmliche Autos könnten schwächer werden - zugleich sollen Maßnahmen für Elektroautos die heimische Wirtschaft ankurbeln.“

dpa