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Wirtschaft Neuer Bosch-Chef will die Sehnsucht lehren
Mehr Welt Wirtschaft Neuer Bosch-Chef will die Sehnsucht lehren
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11:34 30.06.2012
Will neue Wege bei Bosch gehen: Volkmar Denner. Quelle: dpa
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Stuttgart

Zur Motivation einer Mannschaft beim Schiffsbau soll ein weiser Mensch einmal gesagt haben, dass es dabei nicht zuerst um die Arbeitsorganisation gehe. Viel wichtiger sei es, das Team „die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer“ zu lehren. Dieses Vorgehen dürfte Volkmar Denner gut gefallen - er plant ganz ähnlich. Der 55-Jährige lenkt von Juli an den schwäbischen Traditionskonzern Bosch mit seiner 126 Jahre alten Geschichte. Es gibt wenige Firmen, deren Namen das Qualitätssiegel „Made in Germany“ geprägt haben. Bosch zählt fraglos dazu. Mehr als 300.000 Menschen arbeiten für das als GmbH firmierende, solide durchfinanzierte Unternehmen. Feindliche Übernahmeversuche oder sonstiger Einfluss von außen - für Bosch sind das auch dank einer beispiellosen Stiftungsstruktur Fremdworte.

Müsste man die Abläufe in der vielseitigen Geschäftswelt von Bosch mit einem normalen Betrieb vergleichen, wäre eine Baumschule recht passend. Die dicksten Umsatzbringer der Zukunft pflanzt die heutige Generation für die nächste. Bosch steckte regelmäßig viel Geld in Hoffnungsträger, von denen niemand wusste, ob, und falls ja, wann sie sich auszahlen. Doch am Ende standen Erfindungen wie die Brems- und Sicherheitstechnik ABS und ESP oder Kraftstoffsysteme, die das Maß der Dinge sind. Kein deutsches Unternehmen patentiert mehr als Bosch.

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Nun führt Denner diesen Weltkonzern - als erst siebter Chef in der 126-jährigen Geschichte. Der Schwabe übernimmt den Stab von Franz Fehrenbach. Doch bei aller Solidität hatten es die Stuttgarter selten so schwer wie heute. In Fehrenbachs Erbe stecken einige Hypotheken.

Der Physiker Denner muss Bosch durch eine Zeitenwende lenken. Es geht um nicht weniger als eine neue Ausrichtung. Das Kerngeschäft als weltgrößter Autozulieferer steuert angesichts des endlichen Öls und wachsender CO2-Problematik in die Ungewissheit. Der teure Einstieg in die Solartechnik hat Teilen der Bosch-Bilanz rote Zahlen eingebrockt - was die Wende bringen soll, ist unklar. Über allem schwebt zudem die Frage, wie das Internet die große Bosch-Welt verändern mag und muss.

Der große Tanker Bosch - er muss umgebaut werden. Und wenn es für Kapitän Denner ans Motivieren der Mannschaft geht, will er sie die Sehnsucht lehren, wie er dem Wirtschaftspresse-Club Stuttgart kurz vor seinem Amtsantritt verriet. „Man muss die Strukturen hinter den Dingen erkennen. Das dient dazu, Komplexität zu vereinfachen.“

Was eher abstrakt klingt, kann der Physiker mit dem Schwerpunkt Quantenmechanik durchaus auch anschaulich erklären: Es gehe darum, die Bosch-Mitarbeiter nicht nur für Verbesserungen am hinterletzten Schaltkreis eines ESP-Helfers zu motivieren, sondern ihnen zu sagen, dass sie damit helfen, Leben zu retten und Leid zu verhindern. Und wer an Dingen wie der Start-Stopp-Automatik arbeite, die den Motor wenn es passt abschaltet, schlage Zeit heraus auf der Suche nach den noch fehlenden Lösungen für das Ende des Erdölzeitalters. Motivation auf dieser gedanklichen Über-Ebene versetze Berge, sagt der Manager.

In einem Brief an die Belegschaft schreibt Denner zum Amtsantritt: „Ich stelle mir vor, dass wir überraschende innovative Lösungen stärker in offener kritischer Diskussion entwickeln, im Führen durch Fragen und weniger über umfangreiche Präsentationen.“ Statt Sprechblasen auf Power-Point-Vorlagen abzunicken, solle man also lieber Auge in Auge Argumente austauschen und Kritik üben.

Der Nachrichtenagentur dpa hatte Denner Mitte Juni in einem Interview zum Bau der neuen Forschungszentrale nahe Stuttgart gesagt, dass die zündende Idee für die Batterie von morgen womöglich mit Skizzen auf einer Serviette in der Kantine geboren werde.

Denner fragt in dem Rundschreiben auch alle Mitarbeiter „Was hat sich bei Bosch bewährt?“ und „Was sollten wir verändern?“. Und er schließt mit dem Satz: „Ich freue mich, gemeinsam mit Ihnen den Zukunftsweg von Bosch zu gehen.“ Einfach wird der nicht werden. Aber ein Kapitän, der Sehnsucht lehrt, mag dabei am Ende Erfolg haben. 

dpa

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