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Wirtschaft Neue Regeln für die Anlageberatung
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08:53 03.01.2010
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Für Bankkunden gelten ab sofort neue Regeln bei der Anlageberatung. Seit dem 1. Januar sind die Berater gesetzlich verpflichtet, ihnen vor dem Abschluss eines Vertrages ein umfangreiches Protokoll des Beratungsgesprächs mit allen wichtigen Details auszuhändigen. Auf diese Weise sollen Anleger besser vor Falschberatung geschützt werden, zumal auch die Verjährungsfrist für Beratungsfehler verlängert wird. Verbraucherschützer bezweifeln jedoch, ob sich die Anlageberatung durch die neuen Vorschriften verbessert.

Die Kreditinstitute müssen seit dem 1. Januar bei jeder Anlageberatung für Privatkunden ein Protokoll erstellen. Genannt werden muss darin unter anderem der Anlass der Beratung und auf wessen Initiative es zustande kam sowie die Gesprächsdauer, da sie einen Hinweis auf die Qualität der Beratung geben kann. Hinzu kommen Angaben zu den persönlichen Verhältnissen des Kunden. Dazu zählen seine Erfahrungen mit Wertpapieren, Kenntnisse des Finanzmarktes sowie seine finanziellen Verhältnisse.

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Anlageziele des Kunden wichtig

Ein wichtiger Punkt sind die Anlageziele des Kunden. Will er beispielsweise eine sichere Anlage, gleichzeitig aber eine hohe Rendite, muss sich das aus dem Protokoll ergeben. Und der Berater muss alle im Gesprächsverlauf genannten Empfehlungen nennen und begründen, warum die ausgewählten Produkte für den Kunden empfehlenswert sind. Dazu zählt auch die Angabe der Produkte, die im Gesprächsverlauf wieder verworfen wurden. Das vollständige Beratungsprotokoll muss dem Kunden unterschrieben und vor Abschluss eines Vertrages ausgehändigt werden.

Besondere Vorschriften gelten für telefonische Beratungen, die immerhin 70 Prozent der jährlich acht Millionen Kundenberatungen der bei Banken und Sparkassen ausmachen. Hier muss dem Kunden das Protokoll umgehend per Post zugesandt werden. Auf ausdrücklichen Kundenwunsch kann der Geschäftsabschluss auch vor dem Erhalt erfolgen. Für den Fall, dass das Protokoll fehlerhaft ist, muss dem Kunden aber ein Rücktrittsrecht innerhalb einer Woche nach dem Erhalt einräumen.

Seit dem 1. Januar gilt zudem eine verlängerte Verjährungsfrist bei Falschberatungen. Statt der bisherigen Verjährung nach drei Jahren beginnt die Frist erst zum Abschluss des Jahres, in dem der Kunde von dem Beratungsfehler erfährt. Allerdings sind spätestens zehn Jahre nach der Falschberatung alle Ansprüche verfallen.

Die neuen Vorschriften gelten nicht nur für Banken und Sparkassen, sondern auch für Finanzdienstleister und alle Anlageberater, die gewerbsmäßig Empfehlungen zu Aktien, Zertifikaten oder anderen Wertpapieren abgeben. Ein einheitliches gestaltetes Formular für das Protokoll wird es übrigens nicht geben. Die Institute gestalten die Formulare jeweils selbst.

Berater könnten Protokollpflicht umgehen

Mittlerweile befürchten Experten, dass einige Berater die Protokollpflicht umgehen könnten, indem sie den Kundenkontakt nicht als Beratungs-, sondern als Vermittlungsgespräch verbuchen. Denn bei einer Vermittlung müssen sie nicht sicherstellen, dass ein Produkt zum Kunden passt. „Aufgeklärte Bankkunden können die Falle leicht umgehen, indem sie genau aufpassen, was sie unterschreiben“, sagt Hermann-Josef Tenhagen vom Magazin „Finanztest“ der Stiftung Warentest. Ein Beratungsgespräch komme nämlich schon dann zustande, wenn der Kunde bei der Bank nach einem bestimmten Produkte frage. „Nur wenn er vertrauensselig unterschreibt, dass er „auf eigenen Wunsch„ein Produkt erwerben möchte, ist die Bank als Vermittlerin aus der Protokollpflicht entlassen“, betont Tenhagen.

Was das neue Protokoll tatsächlich bringen wird, sei derzeit noch unklar, sagt Arno Gottschalk, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Bremen. Das Problem sei jedoch, dass es zu wenig Vorgaben für die Berater gebe, um Schwachpunkte von vorneherein zu vermeiden. Das gelte vor allem in Bezug auf die Risikoneigung und die Kenntnisse des Kunden. „Die Befürchtung ist, dass das Protokoll eher dem Schutz der Banken als dem des Kunden dienen wird“, sagt Gottschalk.

Die Kreditinstitute halten offenbar selbst nicht viel vom Beratungsprotokoll. So bemängelt der Deutsche Sparkassen und Giroverband (DSGV), dass es lediglich zu einer „extremen Formalisierung der Kundengespräche“ führt. Qualitative Verbesserungen bei der Beratung würden die neuen Vorschriften nicht bringen, heißt es hier.

Internet:

Deutsche Sparkassen und Giroverband
Stiftung Warentest
Verbraucherzentrale Bremen

apd