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Wirtschaft Das E-Auto braucht Anschub
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21:45 14.06.2015
Von Stefan Winter
In den meisten Regionen mangelt es noch an öffentlichen Ladestationen für Elektroautos.
In den meisten Regionen mangelt es noch an öffentlichen Ladestationen für Elektroautos. Quelle: dpa
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Hannover

Die Halbzeit hatte man sich anders vorgestellt. Wenn im Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren sollten, müssten 2015 schon ungefähr 100.000 unterwegs sein, schätzten die Experten. Das war vor fünf Jahren. Bundesregierung und Industrie hatten gerade mit großem Auftritt einen Plan für die E-Mobilität verkündet. Wenn man sich von Montag an wieder zur Regierungskonferenz trifft, wird es eher Durchhalteparolen als Erfolgsmeldungen geben: 25.000 E-Autos fahren bisher in Deutschland. Eine Million solcher Fahrzeuge bis 2020 seien „ohne zusätzliche Förderung nicht zu schaffen“, sagte SPD-Fraktionsvize Sören Bartol im Vorfeld.

Die Autohersteller werden langsam nervös: Ihre Milliardeninvestitionen in die neue Technologie rentieren sich nicht, und künftige Abgasvorschriften werden ohne E-Mobile nicht zu erreichen sein. Letzteres ist der eigentliche Grund, warum die Unternehmen inzwischen Dutzende Elektromodelle im Programm haben. Beim Angebot seien die deutschen Marken an der Spitze, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbands VDA, „das hätte ich vor fünf Jahren nicht geglaubt“. Deshalb hatte Wissmann auf einen „starken Hochlauf“ des Verkaufs 2015 gesetzt. Doch der bleibt aus: Im Juni wurden gerade 1600 Autos mit reinem Elektroantrieb oder Plug-in-Hybrid zugelassen – 0,6 Prozent des Gesamtmarkts.

Die Gründe sind bekannt: Die Autos sind teuer, die elektrische Reichweite ist gering, das Netz der Ladestationen dünn. So beginnt die Preisliste für den E-Golf von VW bei 35.000 Euro und für den BMW-Kompaktwagen i3 bei 36.000 Euro. Mit einer Batterieladung kommen sie 100 bis 150 Kilometer weit, das Aufladen dauert zwischen einer halben Stunde (80 Prozent im Schnelllademodus) und einem Tag (an der Schuko-Steckdose).

Diese und noch einige andere Hindernisse sollte die vom früheren SAP-Chef Hennig Kagermann geführte „Nationale Plattform Elektromobilität“ aus der Welt schaffen. Doch in deren vielen Ausschüssen verzettele man sich, berichten Teilnehmer. Vorwärts gehe dort schon länger nichts mehr. Funktioniert habe immerhin die Forschungsförderung durch den Bund, heißt es. Auch das seit wenigen Monaten geltende Elektromobilitätsgesetz bringt die Sache bisher nicht voran. Es erlaubt zum Beispiel Kommunen, emissionsarme Autos etwa durch kostenfreies Parken, besondere Zufahrtgenehmigungen oder Nutzung der Busspur zu bevorzugen. Städte und Gemeinden reagierten allerdings kühl: Der Parkraum sei schon knapp genug, und eine Behinderung der Busse auf ihren Sonderspuren sei auch nicht im Sinne des Erfinders.

Es muss also eine gute Nachricht her, wenn die „Nationale Konferenz Elektromobilität“ nicht zur Trauerveranstaltung werden soll. „Da muss etwas präsentiert werden“, heißt es in Koalitionskreisen. Eine Kaufprämie von 5000 Euro pro Auto, wie sie Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies fordert, wird es wohl nicht sein. Das Bundesfinanzministerium prüft Sonderabschreibungen für Elektroautos in Dienstwagenflotten. Die Anschaffungskosten für E-Autos sollen in den ersten zwei Jahren komplett steuerlich anerkannt werden. Der Poker um die Konditionen dürfte die Konferenz bestimmen.

Noch Nachholbedarf beim „Schaufenster“

Millionen aus Berlin: Niedersachsen ist bisher einer der größten Profiteure der Elektromobilitätsinitiative der Bundesregierung. Die Metropolregion Hannover, Braunschweig, Göttingen, Wolfsburg zählt zu den bundesweit vier „Schaufenstern Elektromobilität“, in denen die Technologie gezielt gefördert wird und für die Bevölkerung erlebbar werden soll. 40 Millionen Euro flossen dafür vom Bund. Bis auf diverse von Kommunen erworbene E-Autos haben die Bürger jedoch noch nicht viel von der Initiative gesehen.

Viele Projekte stecken mehr als zwei Jahre nach dem Beginn noch in den Kinderschuhen. Gleichzeitig kommt aus Niedersachsen der Vorstoß, den Kauf von Fahrzeugen mit Elektroantrieb staatlich zu fördern. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hat im Bundesrat eine entsprechende Initiative gestartet. Er fordert auf drei Jahre befristet eine Prämie von 5000 Euro für jedes reine E-Auto und von 2500 Euro für jeden Wagen mit Plug-in-Hybrid. E-Autos „werden erst dann den Markt erobern, wenn sie auch im privaten Bereich zum alltäglichen Erscheinungsbild gehören“, meint er.

lr