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Wirtschaft In Wolfsburg ist der Seelsorger gefragt
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19:03 23.12.2015
Symbolbild Quelle: dpa
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Wolfsburg

Gesprächsbedarf gab es zuletzt bekanntlich zur Genüge im Wolfsburger Volkswagenwerk. Der Abgas-Skandal hat in der Herzkammer des Riesenkonzerns nicht nur Fragen nach der Unternehmenskultur und der Redlichkeit des eigenen Managements aufkommen lassen. Das gewaltige finanzielle Ausmaß des Schadens und die Angst vor den langfristigen Auswirkungen auf den Absatz hat die fast 70.000 Beschäftigten am Standort auch zutiefst verunsichert.

Hinzu kamen zuhauf hämische Kommentare von außen – immer gewürzt mit dem unterschwelligen Vorwurf, dass es den VW-Beschäftigten doch ohnehin besser gehe als anderen in der Industrie.„Die VW-Mitarbeiter sind Krisen gewohnt“, sagt Peer-Detlev Schladebusch. „Doch diese hat sie aus heiterem Himmel erwischt.“ Der evangelische Pastor ist Industrieseelsorger für die Region zwischen Wolfsburg und Lüneburg – und wird seit dem Abgasskandal bei Volkswagen besonders häufig als Gesprächspartner gesucht. Industrieseelsorge hat wie Militär- oder Polizeiseelsorge eine lange Tradition in der Kirche. Zu VW als Branchenriesen haben die Pfarrer seit jeher eine enge Beziehung. So treffen sich „im Werk“ jede Woche 100 Beschäftigte zum Gebet. Und Wolfsburg hat mit Dirk Wagner sogar einen eigenen evangelischen Industriepfarrer. Der gebürtige Hannoveraner hat sein Amt mitten in der VW-Krise im November angetreten.

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Üblicherweise werden Industrieseelsorger gerufen, wenn Umstrukturierungen oder Jobabbau drohen. „Wir gelten bei den Beschäftigten als unabhängig und haben den Ruf, dass wir uns nicht von der Unternehmensleitung vereinnahmen lassen“, sagt Schladebusch. Doch der Abgas-Skandal stellt auch die Seelsorger vor neue Herausforderungen. Er sehe seine Aufgabe darin, den Beschäftigten Mut zu machen „und aufzuzeigen, welche Potenziale in ihrem Konzern stecken“, umschreibt es Schladebusch. Zudem bietet er zusammen mit zwei Kollegen ein so genanntes Spiritual Consulting an, für Unternehmer und Führungskräfte. Mit Vorständen pilgern, Moderation von Fusionen, von der Leistung zur Haltung – so lauten einige der Kursangebote.

Bei VW hat er beobachtet, dass sich seit den ersten Krisenmeldungen im größten europäischen Automobilwerk etwas verändert hat – Fehler werden eher angesprochen. „Es ist derzeit eine große Offenheit für grundsätzliche Gespräche über Werte vorhanden“, bestätigt Wagner.

Der 56-Jährige hört zu, versucht hinter der Angst und Wut der Beschäftigten das eigentliche Thema zu erkennen und will so dazu beitragen, dass seine Gesprächspartner für sich eine Antwort findet. „Dass Pastoren in Betrieben auftauchen, ist für viele erstmal ungewohnt“, räumt Wagner ein. „Aber auch für diejenigen, die mit uns nicht viel am Hut haben – und das sind die meisten – muss Kirche handeln, wenn jemand in Not gerät.“

Von Jochim Göres

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