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Wirtschaft Mit Opel will Magna aus der strategischen Sackgasse heraus
Mehr Welt Wirtschaft Mit Opel will Magna aus der strategischen Sackgasse heraus
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21:26 29.05.2009
Von Stefan Winter
Frank Stronach lässt sich nicht so leicht stoppen. Jetzt kämpft er um Opel. Quelle: Steffi Loos/ddp
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Das klappte nicht, jetzt hat sich der 76-Jährige mit dem ihm eigenen Ehrgeiz an Opel festgebissen. Es geht ums Lebenswerk – und vielleicht um ein neues Geschäftsmodell in der Autoindustrie.

Das alte Magna-Modell funktioniert nicht mehr. Die Kanadier bauen Autos im Auftrag großer Hersteller – so wie Karmann und andere insolvente Unternehmen. Ob Pininfarina und Bertone in Italien, Heuliez in Frankreich oder Valmet in Finnland: Alle Auftragsfertiger stecken in existenziellen Krisen. Die Kundschaft hat selbst Überkapaziäten, ist flexibler geworden und baut auch kleinere Serien selbst. Diese Entwicklung, schon vor der Krise begonnen, dürfte nicht mehr zurückzudrehen sein.

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Auch Magna hat Aufträge verloren, schraubte seine ehrgeizigen Ziele zurück und baute Personal ab. Der russische Milliardär Oleg Deripaska stieg ein – und inzwischen wieder aus, weil er dringend Geld brauchte.

Doch jetzt will Stronach noch einmal die russische Karte spielen. Zusammen mit dem Hersteller Avtovaz, finanziert wahrscheinlich von der Sberbank, will er Opel den osteuropäischen Markt erschließen. Skeptiker mögen daran allerdings nicht recht glauben: Die dortigen Autohersteller und vor allem die lokalen Zulieferer könnten die Standards westlicher Marken noch lange nicht erfüllen, sagt ein Russland-Kenner. Nicht umsonst bauen die Westkonzerne eigene Fabriken für diesen Markt. Wo der Vorteil für Opel liegen soll, sei nicht recht klar.

Hätte Magna allerdings mit Opel Erfolg, ginge das zu Lasten seiner bisherigen Kunden. So lässt BMW bei Magna Steyr in Graz den Geländewagen X3 und bald die Geländeversion des Mini bauen. Wie fände man es wohl in München, wenn der Zulieferer am Opel Antara verdiente oder Feinheiten künftiger BMW-Modelle kennen würde, während man in Rüsselsheim Konkurrenten entwickelt?

Bisher hat sich Magna vor allem über den Preis durchgesetzt. Bei Karmann und den anderen gediegenen Häusern der Branche sind die Austro-Kanadier verschrieen wegen ihrer aggressiven Geschäftsmethoden. Mit denen konnten die Kunden bisher gut leben, als Konkurrenten werden sie es anders sehen.

Wie Stronach und Siegfried Wolf, der das operative Geschäft von Magna führt, dieses Problem aus der Welt schaffen wollen, ist noch nicht klar. Die Rede ist von einer Mischung aus Zulieferung, Auftragsfertigung und einer neuen eigenen Marke Opel. Ein Autokonzern neuen Typs soll entstehen, der Kapitalkraft und Entwicklungskapazität der Großkonzerne mit Tempo und Flexibilität der Auftragsfertiger verbindet. Die Magna-Manager reizt vor allem die Vielseitigkeit dieses Geschäfts. Sie wären nicht mehr von wenigen Großaufträgen abhängig, die verschiedenen Felder könnten sich gegenseitig ausgleichen. Die Kundschaft könnte ihre Kapazität und damit Fixkosten drücken, weil der große Partner jederzeit bereitsteht.

Soweit die Theorie. In der Praxis tun die Konzerne allerdings alles, um ihre Kapazitäten zu halten und die eigenen Leute zu beschäftigen. Mancher drückt seine Überproduktion lieber mit Verlust in den Markt, bevor er ein Werk schließt – Opel war jahrelang das beste Beispiel.

So gehen die Meinungen über Stronachs Vision weit auseinander. Während viele zweifeln, glauben einige an Stronachs Vision vom Autokonzern neuen Typs. Die Belegschaft in der österreichischen Europa-Zentrale verfolgt es mit gemischten Gefühlen: Ihre starke Entwicklungsabteilung stünde neben der stärkeren in Rüsselsheim, ihre kleine Fabrik neben vier großen in Deutschland. In Graz fürchten manche, dass sie die Opfer einer Opel-Rettung wären.

Wurzeln in Österreich

Frank Stronach gilt nicht gerade als einfacher Zeitgnosse. Geboren als Franz Strohsack im steirischen Weiz, wanderte der 25-Jährige 1957 nach Kanada aus und begann dort in einer Garage Autoteile zu produzieren. Der Weg vom Werkzeugmacher zum Milliardär machte ihn zur Legende. Rund 75 000 Menschen arbeiten heute weltweit für den Konzern, der Autoteile liefert, für die Hersteller Entwicklungsleistungen erbringt und im Auftrag auch ganze Autos baut.

Doch wie bei vielen Selfmademen haben es die Menschen in seiner Umgebung nicht leicht. Tochter Belinda verabschiedete sich aus dem Management in die kanadische Politik, kehrte nach einigen Jahren aber wieder zu Magna zurück. Der frühere Audi-Chef Herbert Demel übernahm 2002 die Führung der wichtigen österreichischen Tochter Magna Steyr, verabschiedete sich aber schon bald wieder zu einem Gastspiel bei Fiat, dem heutigen Mitbewerber um Opel.
Trotz seiner fünf Jahrzehnte jenseits des Atlantik pflegt Stronach die österreichischen Wurzeln. Für zweistellige Millionenbeträge baute der Pferdefreund eine letztlich erfolglose Rennbahn, und auch in den Fußballklub Austria Wien steckte Stronach viel Geld.

Auch in der Politik ist er exzellent verdrahtet. Der frühere Finanzminister Karl-Heinz Grasser diente vorübergehend im Magna-Management, der einstige Bundeskanzler Franz Vranitzky sitzt im Aufsichtsrat. Den europäischen Markt ging Stronach von Graz aus an, wo er die traditionsreiche Steyr-Gruppe übernahm. Deren Glanzstück war damals der Lizenzbau des Geländewagens Mercedes G. Auch heute gelten Geländewagen als Spezialität der Grazer, die aber auch Saab und Aston Martin auf der Kundenliste haben.

Der Kurzzeitchef Demel ist Österreicher ebenso wie Siegfried Wolf, der Chef des weltweiten operativen Geschäfts. Wolf kommt aus der Steiermark und lebt mit seiner Familie hauptsächlich in Niederösterreich. So verfolgten die österreichischen Medien vor einigen Jahren mit großer Begeisterung Wolfs Liaison mit Eisprinzessin Katarina Witt – bis die reumütige Rückkehr zur Familie zu vermelden war.