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Wirtschaft Lufthansa will Tausende Stellen streichen, um wieder durchzustarten
Mehr Welt Wirtschaft Lufthansa will Tausende Stellen streichen, um wieder durchzustarten
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17:20 15.06.2021
Mitarbeiter von Lufthansa-Technik demonstrieren gegen Schließungspläne.
Mitarbeiter von Lufthansa-Technik demonstrieren gegen Schließungspläne. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa/Daniel Bock
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Frankfurt am Main

Das soll etwas ganz Besonderes werden: „Lufthansa-Fans aufgepasst“, heißt es in der Pressemitteilung. Läuft alles nach Plan, startet ein Jumbojet (Boeing 747-800) am Samstag, 17. Juli, um 10.20 Uhr am Frankfurter Flughafen, um mutmaßlich 362 Sonnenhungrige nach Mallorca zu fliegen. An den drei folgenden Samstagen soll die Operation wiederholt werden.

Die Ferienfliegerei läuft nach fast anderthalb Jahren Pause wieder an. Impffortschritt und Lockerungen machen es möglich. Die Lufthansa berichtet von einem starken Plus bei den Buchungen. Bei der Mallorca-Destination seien die Zahlen von April bis Anfang Juni um das 25-Fache gestiegen, so der Konzern.

Um die Nachfrage zu bewältigen, kommt das größte zur Verfügung stehende Fluggerät zum Einsatz, das eigentlich nur Langstrecken fliegt. Selbst die flugskeptischen Grünen wollen kein kritisches Wort über den Mallorca-Ansturm verlieren: „Wir wünschen allen Menschen, die jetzt wieder verreisen können und wollen, einen schönen Urlaub“, sagte Fraktionsvize Oliver Krischer auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland. „Ob in Mallorca oder anderswo.“

Der Lufthansa-Vorstand geht derweil davon aus, dass die Passagierzahlen im Juni 30 Prozent, im Juli 45 Prozent und im August 55 Prozent des Niveaus vor der Corona-Krise erreichen. Im Gesamtjahr peilt der Konzern 40 Prozent der Kapazität von 2019 an.

Ob es jemals wieder 100 Prozent geben wird, weiß niemand. Experten sind sich einig, dass die für die Lufthansa einst so lukrative Beförderung von Geschäftsreisenden auf absehbare Zeit die einstigen Dimensionen nicht mehr erreichen kann. Der Vorstand setzt deshalb verstärkt auf Tourismus, was aber mehr Konkurrenz bedeutet, wodurch das Geldverdienen nicht gerade einfacher wird.

Deshalb hat die Airline ein heftiges Umbauprogramm gestartet, das die Kosten im Vergleich zu 2019 um 3,5 Milliarden Euro drücken soll. Als erster und wichtigster Punkt werden in der Mitteilung, die in der Nacht zum Dienstag verbreitet wurde, „Personalkosteneinsparungen“ genannt. Sie sollen ab 2023 rund 1,8 Milliarden Euro erreichen. Davon sei aber etwa die Hälfte durch den Abbau von fast 26.000 Stellen seit Beginn der Krise bereits erreicht worden.

Für Deutschland plant der Vorstand, die Aufwendungen fürs Personal durch eine „Kombination aus angepassten Tarifverträgen, freiwilligen Abgängen und betriebsbedingten Kündigungen“ zu drücken. Was einer „Reduzierung der Mitarbeiterzahl um bis zu 10.000 Stellen entspricht“. Diese Ansage dürfte noch einige Diskussionen mit Gewerkschaftern und Betriebsräten nach sich ziehen. Die Piloten etwa waren lange davon ausgegangen, dass sie die einst rund 5000 Stellen in Deutschland weitgehend retten können.

Mit den neuen mittelfristigen Zielen soll die sogenannte operative Marge im Jahr 2024 mindestens 8 Prozent erreichen. Hierbei handelt es sich um das Verhältnis der Einnahmen zum Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit. 2017, im Rekordjahr mit extrem günstigen Bedingungen waren es 8,4 Prozent gewesen. 2019 waren es nur noch 5,6 Prozent, obwohl damals die Konjunktur noch brummte und von Corona keine Rede war. 2020 war dann von Gewinnspanne keine Rede mehr, sie stürzte auf den rechnerischen Wert von minus 40 Prozent.

Die Kapitalerhöhung rückt näher

Die Zahlen zeigen, wie ambitioniert die neuen Ziele von Vorstandschef Carsten Spohr sind. Er will aus einer deutlich kleineren Airline tendenziell mehr Gewinn herausholen. Und das mit Billigfliegern wie Ryanair und Easyjet als starken Konkurrenten im Nacken, die ihre Betriebe an allen Ecken und Enden ständig hin zu noch mehr Knauserigkeit optimieren.

Viele Luftfahrtanalysten zeigten sich am Dienstag denn auch überrascht von den Ansagen des Vorstands. Der versucht seine Pläne dadurch plausibel zu machen, dass er die Kooperation der Airlines unterm dem Kranichdach noch verstärken will, um so die vielbeschworenen Synergien zu heben. Ferner ist geplant, die Techniksparte, die Flugzeuge wartet und repariert, zum Teil zu verkaufen. Auch die noch im Konzern übrig gebliebenen Teile der Cateringabteilung LSG sollen losgeschlagen werden.

Das neue Mittelfristprogramm soll auch dazu dienen, möglichst schnell aus der Abhängigkeit vom Staat zu kommen. Die Airline wurde im vorigen Jahr mit einem 9 Milliarden Euro schweren Hilfspaket vor der Pleite gerettet. Allerdings müssen für einen großen Teil der Finanzstützen hohe Zinsen gezahlt werden.

Zudem ist der Staat – in Form des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) – mit einem Anteil von 20 Prozent größter Aktionär geworden. Auch darf das Unternehmen keine Boni für Manager und keine Dividenden für Aktionäre ausschütten. Letzteres macht die Lufthansa unattraktiv für Investoren.

In einem ersten Schritt plant Spohr nun eine Kapitalerhöhung, die laut Hauptversammlungsbeschluss ein Volumen von bis zu 5,5 Milliarden Euro haben kann. Es soll also frisches Geld bei Investoren eingesammelt werden, und zwar um eine sogenannte stille Einlage des Bundes, ein zentrales Element des Rettungspakets, frühzeitig tilgen zu können.

Der WSF will bei dem Manöver mitziehen. Er erwäge dabei eine „Opération Blanche“, teilte die Lufthansa mit. Das ist ein Verfahren, um neue Aktien zu bekommen, ohne dafür mehr Geld auszugeben. Das ist möglich, weil der WSF als Großaktionär Bezugsrechte für die frischen Anteile erhält. Einen Teil davon kann er weiterverkaufen an Kapitalanleger, um mit dem Erlös daraus den Kauf der zusätzlichen Anteilscheine zu finanzieren.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

Der Artikel "Lufthansa will Tausende Stellen streichen, um wieder durchzustarten" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.