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22:10 25.01.2010
Von Jens Heitmann
Die Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) erhöht ihre Beiträge schon im Februar.
Die Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) erhöht ihre Beiträge schon im Februar. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Vorstand Helmut Wasserfuhr sagt: „Wir sind durch diese beiden Patienten zu einem Sanierungsfall geworden und hätten eigentlich schließen müssen“.

Auch größere Kassen mit kleineren Notlagen hätten schon länger mit einem Zusatzobulus geliebäugelt, heißt es aus der Branche. Letztlich schreckten die Vorstände jedoch davor zurück, weil niemand der Zweite sein wollte – mit der Gefahr, dass die Mitglieder in Scharen davonlaufen. Das Bundesversicherungsamt habe deshalb schon im Herbst geraten, „im Geleitzug zu fahren“, berichtet ein Kassenvertreter. Doch nicht alle mögen im Konvoi mitschwimmen. „Wir haben im vergangenen Jahr gut und solide gewirtschaftet“, sagt der Vorstandschef der AOK Niedersachsen, Jürgen Peter. „Der daraus resultierende Überschuss von 69 Millionen Euro soll unseren Versicherten zugute kommen, indem sie keinen Zusatzbeitrag zahlen müssen.“ Die AOK Niedersachsen hat davon profitiert, dass sie aus dem Gesundheitsfonds besser bedient wird als andere, weil das Krankheitsbild ihrer Versicherten heute stärker berücksichtigt wird als früher. Auch nach der geplanten Fusion mit der hiesigen IKK bleibe dieser Vorteil erhalten, glaubt Peters. Für die tendenziell jüngeren und damit auch „gesünderen“ Mitglieder der IKK gebe es vermutlich geringere Zuweisungen aus dem Fonds – dafür würden diese aber auch weniger krank, man spare also bei den Leistungsausgaben.

Bei den Betriebskrankenkassen ist das Bild uneinheitlich: Während die Deutsche BKK mit ihren 750 000 Mitgliedern sich an die Spitze des Geleitzuges gesetzt hat, sehen andere keinen Grund, ihren Kurs zu ändern. „Wir kommen auch in diesem Jahr mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds aus“, sagt Carsten Schröter, Vorstand der „BKK exklusiv“ in Lehrte. Im vergangenen Jahr hätte die Kasse an ihre 17 500 Mitglieder sogar eine Prämie von 100 Euro ausschütten können, hat aber darauf verzichtet.

Die aus einer Brauerei, einem Zementwerk und einem Zuckerhersteller hervorgegangene BKK sitzt in einem Gewerbegebiet und kommt mit 33 Mitarbeitern aus. „Bei den Ausgaben für unsere Verwaltung sind wir nicht nur sparsam, sondern geizig – bei den Leistungen hingegen großzügig“, sagt Schröter. Vertreter anderer Kassen vertreten die Ansicht, dass die Kosten für die Verwaltung nur ein Zwanzigstel der Ausgaben ausmachen – entsprechend gering sei deren Einfluss auf den Beitragssatz.

Im Lager der BKK heißt es, jene Kassen stünden am besten da, die noch enge Bande zu ihren Ursprungsunternehmen unterhielten. In Niedersachsen gilt dies für die BKK Salzgitter, die BKK EWE in Oldenburg und die BKK RWE mit Sitz in Celle. „Die sind von der Struktur ihrer Mitglieder her der AOK sehr ähnlich“, berichtet ein Kassenvertreter: „Außerdem liegen die nicht in Hochpreisregionen – Hannoveraner legen sich ja gleich in die MHH.“

Wer als BKK hingegen seinem Heimatbetrieb entwachsen ist und in den vergangenen Jahren Zehntausende neue Mitglieder angelockt hat, schlägt sich heute mit den gleichen Problemen herum wie die großem Ersatzkassen: Ihre Klientel ist zu gesund, um aus dem Gesundheitsfonds besonders bedacht zu werden – gleichzeitig können sie nicht an der Qualität sparen, weil viele ihrer in der Regel gut ausgebildeten Mitglieder sonst das Weite suchen.

„Es gibt aber keine kartellrechtlichen Absprachen“, sagt KKH-Allianz-Vorstand Rudolf Hauke. Im Gesundheitsfonds tue sich ein Loch von knapp 4 Milliarden Euro auf – umgerechnet auf die 50 Millionen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung entspreche das einem Zusatzbeitrag von durchschnittlich etwa 8 Euro.

„Wechsel gut überlegen“
HAZ-Wirtschaftsredakteur Jens Heitmann sprach mit Heike
 Kretschmann. Sie ist Patienten
beraterin.

Wenn eine Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erhebt, haben die Mitglieder ein Sonderkündigungsrecht. Sollten Sie davon Gebrauch machen?
Das muss sich jeder gut überlegen. Keine Kasse kann heute garantieren, dass sie nicht auch bald einen Zusatzbeitrag erheben muss. Vielleicht müsste man dann in wenigen Monaten schon wieder die Kasse wechseln. Da stellt sich die Frage, ob sich das für ein paar Euro lohnt.

Was spricht dagegen – etwa 95 Prozent der Leistungen sind gesetzlich vorgeschrieben?
Das stimmt natürlich, aber gleichwohl gibt es Unterschiede. Für Versicherte ohne Internetzugang etwa kann es wichtig sein, eine Geschäftsstelle ihrer Kasse in der Nähe zu haben. Es gibt Kassen, die bei der Gewährung von Haushaltshilfen großzügiger sind als andere – das kann für junge Familien interessant sein. Einige Kassen haben besonders attraktive Angebote im Bereich der Gesundheitsvorsorge, wieder andere zeigen sich bei naturheilkundlichen Behandlungen vergleichsweise großzügig.

Mit der Einführung eines einheitlichen Beitragssatzes hat der Gesetzgeber die Hoffnung verbunden, dass die Kassen nicht länger über den Preis konkurrieren, sondern über die Qualität. Geschieht das?
Ich glaube schon. Viele Versicherte wissen, dass eine Kasse kein x-beliebiger Telefonanbieter ist, sondern ein wichtiger Ansprechpartner unter im Zweifel schwierigen Lebensumständen. Die Krankenkassen streichen heute ihre Serviceangebote heraus, weil sie ihre Mitglieder nicht über günstige Beitragssätze halten können.

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