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22:18 17.10.2011
An der Spitze der Fluggesellschaft Air France-KLM ist es zum Eklat gekommen: Nach einem heftigen Führungsstreit nimmt Konzernchef Gourgeon den Hut.
An der Spitze der Fluggesellschaft Air France-KLM ist es zum Eklat gekommen: Nach einem heftigen Führungsstreit nimmt Konzernchef Gourgeon den Hut. Quelle: dpa
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Paris

Die Lufthansa-Konkurrentin Air France-KLM kommt nicht zur Ruhe: Nach der Finanzkrise und der schwersten Flugzeugkatastrophe der Unternehmensgeschichte werden die mehr als 100 000 Mitarbeiter nun überraschend mit einem Führungswechsel konfrontiert. Konzernchef Pierre-Henri Gourgeon muss kurzfristig seine Koffer packen. Zumindest vorübergehend soll Verwaltungsratschef Jean-Cyril Spinetta (68) die Geschäfte der nach Umsatz zweitgrößten europäischen Fluggesellschaft hinter der Lufthansa führen. Unterstützt wird er von dem Niederländer Leo Van Wijk. Dieser gehörte mit Spinetta zu den Vätern der 2004 vollzogenen Fusion von Air France und KLM.

Für Gourgeon kam die Nachricht aus heiterem Himmel. Erst im Juli war sein Vertrag um vier Jahre verlängert worden. Eigentlich sollte sich der 65-jährige in den nächsten Jahren langsam zurückziehen. Doch schon in den vergangenen Wochen zeichnete sich Ärger ab. Gourgeon wollte mit Alexandre de Juniac (48) einen ehemaligen Spitzenbeamten aus dem Finanzministerium mit der Führung der französischen Konzerntochter Air France betrauen. Sein langjähriger Mentor und Vorgänger Spinetta votierte hingegen für Lionel Guérin, der bislang die Billigfluglinie Transavia von Air France-KLM leitet.

Gourgeon-Vorgänger Spinetta hatte letztendlich die besseren Karten in der Hand. Unter seiner Führung schrieb Air France-KLM elf Jahre lang Gewinne. In zwei der drei vergangenen Jahre steckte das Unternehmen hingegen in den roten Zahlen. Der jüngste Quartalsverlust lag bei 197 Millionen Euro. Seit Anfang 2011 verlor das Unternehmen knapp 60 Prozent seines Börsenwerts.

Soziale Erwägungen hätten zuletzt eine zu große Rolle gespielt, zitierte die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ einen Branchenkenner. Auch die Aussichten gelten als eher bescheiden. So wurde beispielsweise der geplante Ausbau der Langstreckenkapazitäten zur Wintersaison nur teilweise realisiert.

Für Gourgeon dürfte der Abschied bitter sein. Er musste miterleben, wie Air France nach dem Absturz eines modernen Airbus A330 mit 228 Menschen an Bord heftig für sein Krisenmanagement kritisiert wurde und die Krise das Unternehmen in die roten Zahlen riss. Zuletzt sah er sich bei der Restrukturierung allerdings auf einem guten Weg. Vergeblich: Nun muss er auf halbem Weg gehen.

Als Erfolg dürfte er allerdings verbuchen, die Personalie de Juniac durchgesetzt zu haben. Dieser soll nach der Entscheidung des Verwaltungsrats vom Montagabend schnellstmöglich die Führung der Tochter Air France übernehmen.

Bei dieser Entscheidung dürfte auch die französische Regierung ein Wörtchen mitgeredet haben. Der Staat hält knapp 16 Prozent der Anteile an Air France-KLM und de Juniac gilt als ein Vertrauter von Präsident Nicolas Sarkozy. Und der an Elite-Hochschulen ausgebildete 48-Jährige war bereits Stabschef von IWF-Chefin Christine Lagarde in ihrer Zeit als französische Finanzministerin.

dpa