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Wirtschaft Peking und Washington spielen mit dem Feuer
Mehr Welt Wirtschaft Peking und Washington spielen mit dem Feuer
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18:34 06.08.2019
In China gingen am Montag und Dienstag die Börsenkurse auf Talfahrt. Quelle: Mark Schiefelbein/AP/dpa
Washington

Twitter überlassen Konzernchefs eigentlich ihren PR-Abteilungen. Inzwischen schauen sie allerdings öfter selbst hin, denn dort kann sich das Geschäft der nächsten Monate entscheiden. Längst trägt der US-Präsident den Handelskonflikt mit China auf seinem Lieblingskanal aus, und wie immer twittert Donald Trump schneller, als die vernunftbemühte Welt folgen kann. Eben gerade haben die beiden Delegationen angeblich noch konstruktiv verhandelt, da kündigt er unversehens weitere Strafzölle an.

Peking antwortet inzwischen ähnlich rustikal und lässt es mal eben geschehen, dass die Landeswährung Yuan gegenüber dem Dollar unter eine symbolträchtige Marke fällt. Für die weite Welt ist das egal, für die Beteiligten aber ein klares Signal: China ist bereit, den Streit auf die nächste Ebene zu heben, das Wort vom Währungskrieg macht die Runde. Noch brennt es nicht, aber beide Seiten spielen mit dem Feuer.

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Das bleibt nicht ohne Wirkung im Rest der Wirtschaftswelt. Investitionen werden gebremst, Personalpläne eingedampft, Wachstumsprognosen gekappt. Das geschieht zuerst in Deutschland, denn nirgendwo sonst ist man so vom scheinbar ewigen Aufschwung in China abhängig – auch, weil man sich jahrelang auf ihn verlassen hat. Nun stockt der, und plötzlich ist wieder von Kurzarbeit und Stellenabbau die Rede – Worte, die zehn Jahre lang kaum gebraucht wurden.

Gefühlt rutscht die Stimmung rasend schnell. War nicht gerade noch Boom? Jetzt geht es plötzlich um Rezessionsgefahren. In Wahrheit ist Boom natürlich ein großes Wort für diesen langen, aber von der Notenbank auch mühsam befeuerten Aufschwung in Europa. Und auf eine Rezession wetten bisher auch nur wenige.

Deutschland hat wichtige Themen verschlafen

Aber eins ist festzuhalten: Der Grat, auf dem die Weltwirtschaft wandelt, ist viel schmaler geworden. Früher hätte man nach dem Aufschwung einen völlig normalen zyklischen Abschwung durchgestanden. Heute weiß niemand, ob daraus nicht blitzschnell ein Absturz wird.

Der Konflikt der beiden größten Wirtschaftsmächte macht den wesentlichen Unterschied aus. Einigen sie sich, dürfte die Konjunktur wieder die Kurve kriegen. Verhärtet sich der Streit oder eskaliert er gar, ist eine Rezession nicht aus der Welt. Das würde den großen Exporteur Deutschland mehr treffen als andere Länder. Und es würde sich schnell zeigen, dass sich Deutschland zu lange auf den Boom in China und andere vermeintliche Selbstläufer verlassen hat.

Wirtschaftspolitisch ist wenig passiert in den vergangenen Jahren, und dabei kommt es nicht einmal sehr auf den Blickwinkel an: Weder für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen noch für die Standfestigkeit der Sozialsysteme oder den Strukturwandel wurde viel getan. Alles hatte Konjunktur, nur diese Themen nicht – es lief ja auch so. Das wird irgendwann vorbei sein, ob nun jetzt oder später.

Von RND/Stefan Winter