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08:01 24.08.2010
3-D-Filme lassen zwar die Umsätze der Kinos steigen - doch die wenigsten können sich die Umrüstung leisten. Quelle: Christian Behrens
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Kino in der Krise: Die Filmförderungsanstalt in Berlin garniert ihre Statistiken gerne mit schönen Erfolgsmeldungen. Angesichts eines Rekordumsatzes von 443 Millionen Euro im ersten Halbjahr hat FFA-Chef Peter Dinges auch einen Grund zum Jubeln. Zumal die Erlöse zum vierten Mal in Folge zugelegt haben. Bei näherer Betrachtung weist die Zwischenbilanz 2010 aber bedenkliche Krisenmerkmale auf.

Die Zahl der Kinobesucher nämlich ist bis Ende Juni deutlich geschrumpft, exakt um 4,5 Millionen auf noch gut 60 Millionen. Dafür macht Dinges auch die Fußball-WM und das schöne Wetter verantwortlich. Das Umsatzplus verdankt die Branche allein dem 3-D-Boom. Unter den 486 Filmen, die neu in den Kinos liefen, waren zwar nur 14 dreidimensionale Produktionen. Doch das neue Seherlebnis lockte die Neugierigen scharenweise in Filme wie „Für immer Shrek“ – trotz kräftiger Aufpreise.

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Jeder sechste Kinogast zahlte im ersten Halbjahr für eine 3-D-Vorstellung, die meist 2 bis 3 Euro mehr kostet. Das lässt die Eintrittspreise so stark steigen wie nie. Im Schnitt kostet eine Karte 7,34 Euro, das sind 85 Cent mehr als noch ein Jahr zuvor. In den USA dagegen bröckeln die 3-D-Anteile bereits wieder etwas, nachdem der Reiz der neuen Effekte vorbei ist. Für die Kinobetreiber bedeutet die Umrüstung auf digitale Technik eine teure Investition, die sich nicht jeder leisten kann oder will. Kritiker warnen seit Langem, dass der 3-D-Boom das Kinosterben beschleunigen könnte. Die neuen Zahlen scheinen die Skeptiker nun zu bestätigen.

Die Zahl der Kinos, Säle und Standorte jedenfalls ging im ersten Halbjahr so rasant zurück wie selten zuvor. 31 Spielstätten verschwanden, gut 1700 sind nun noch übrig. Vor 76 Leinwänden fiel der letzte Vorhang, die Zahl der Säle schrumpfte damit auf 4673. Die Zahl der Sitzplätze sank um rund 8000 auf noch knapp 809.000. Deren Auslastung ging trotzdem von 79 auf 75 Gäste zurück.

Besonders trifft das Kinosterben ländliche Regionen. Lange Zeit gab es in mehr als tausend deutschen Kommunen zumindest noch ein Filmtheater. Ende Juni zählte die FFA nur noch 957 Kinostandorte. Die Filmförderer vermuten als Grund der Schließungswelle auch Nachfolgeprobleme beim Generationenwechsel in mittelständischen Familienbetrieben. Die Ursachen sollen nun mit einer Studie näher erforscht werden.

Nach den Rekordzahlen der beiden letzten Jahre sorgt auch das Abschneiden des deutschen Films an den Kinokassen für etwas Ernüchterung. Mit 20 Prozent Marktanteil liegt das Ergebnis deutlich unter den Werten der beiden Halbjahresbilanzen der Vorjahre, die 25 und 34 Prozent auswiesen. Vereinzelt gab es Überraschungserfolge wie „Friendship!“ oder „Soul Kitchen“ mit jeweils mehr als einer Million Besuchern. Das freut auch die Förderer, die den deutschen Film jedes Jahr mit dreistelligen Millionensummen aus Abgaben und Steuermitteln unterstützen.

Für das Gesamtjahr ist FFA-Chef Peter Dinges „verhalten optimistisch“. „Die Konferenz der Tiere“ als erster deutscher 3-D-Film sowie die Fortsetzung der Harry-Potter-Saga und neue Filme von Otto Walkes („Otto’s Eleven“) und Tom Tykwer („Drei“) sollen die Kinokassen füllen.

Thomas Wüpper

23.08.2010
23.08.2010