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Wirtschaft Kfz-Obermeister Henze: „Ich glaube nicht an den Absturz“
Mehr Welt Wirtschaft Kfz-Obermeister Henze: „Ich glaube nicht an den Absturz“
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09:31 13.04.2010
Von Lars Ruzic
Kfz-Obermeister Fritz Henze
Kfz-Obermeister Fritz Henze Quelle: Rainer Surrey
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Herr Henze, die Abwrackparty ist vorbei, jetzt kommt der Kater. Wie tief ist das Loch, in das die Autohäuser in diesem Jahr fallen werden?

Ich glaube nicht an den ganz großen Absturz. In Deutschland gibt es auch jetzt noch 14 Millionen Autos, die älter als neun Jahre sind und bald ersetzt werden müssen. Zudem läuft das Geschäft mit den gewerblichen Kunden wieder besser. Selbst bei unseren Marken Renault und Dacia macht es inzwischen ein Viertel des Umsatzes aus. Insgesamt gehe ich davon aus, dass wir 2010 wieder auf Normalmaß zurückfallen.

Gleichwohl dürfte die staatliche Verschrottungsprämie Ihnen doch ein Rekordjahr beschert haben, auf dem sich aufbauen lässt.

Das mag für den Absatz gelten – der ist in unserer Carunion tatsächlich um 35 Prozent nach oben geschnellt –, aber längst nicht für die Erträge. Die Gewinne der Nach-Wendezeit werden wir wohl nie wieder sehen. Dafür sind die strukturellen Probleme in der Branche einfach zu groß.

Wo drückt denn der Schuh?

Das Kfz-Gewerbe steht vor einer gewaltigen Konzentrationswelle. Das Modell-angebot der Hersteller wird immer größer – und will schließlich angemessen präsentiert sein. Hinzu kommt die Hochtechnisierung der Werkstätten, die nicht nur Geld kostet, sondern auch qualifiziertes Personal erfordert.

Und da wäre noch die chronisch dünne Kapitaldecke der Betriebe…

…die sich mit dem Verfall der Restwerte von Gebrauchten durch die Abwrackprämie nicht verbessert hat. Bei zu vielen Herstellern tragen die Händler das Risiko, das die Leasing-Rückläufer mit sich bringen. Nur allzu oft führt das zu Abschreibungen auf den Restwert, die sich die Autohäuser nicht mehr leisten können. Sie sind die Leidtragenden der Überproduktion in der Automobilindustrie.

Die IG Metall befürchtet durch den Strukturwandel in Ihrem Gewerbe den Abbau Tausender Jobs in Niedersachsen.

Davon gehen auch wir aus.

Die Gewerkschaft schlägt deshalb vor, bei den gerade begonnenen Tarifverhandlungen in Niedersachsen über eine Transfergesellschaft für die gesamte Branche zu sprechen. Was halten Sie von der Idee?

Auch wir wollen den Strukturwandel sozialverträglich gestalten. In sofern nehmen wir den Vorschlag gern auf. In Handel und Handwerk gibt es bislang kaum Erfahrungen mit Transfergesellschaften, die IG Metall kennt das Ganze dagegen zur Genüge aus der Industrie. Ich denke, bei unseren Mitgliedern käme dieses Instrument vor allem für die größeren Firmen in Frage. Ein familiär geführter Drei-Mann-Betrieb dürfte seine Mannschaft bis zuletzt zusammenhalten wollen.

Die Metaller sind wenig erbaut darüber, dass sie mit den Innungen Hannover und Osnabrück auf der einen Seite und dem Landesverband auf der anderen Seite getrennt verhandeln müssen.

Gerade mit Blick auf die Transfergesellschaft wären gemeinsame Verhandlungen wohl tatsächlich im Sinne aller. Schließlich kann das keine Partei allein wuppen. Ich bemühe mich, mit den Kollegen ins Gespräch zu kommen. Das Feedback ist bislang allerdings sehr schwach.

Schließlich ist Ihre Innung ja einst aus dem Landesverband ausgetreten…

…weil wir das Gefühl hatten, für unsere Beiträge zu wenig Leistung zu bekommen. Unsere Innung versteht sich als Dienstleister für ihre Betriebe, die günstige Beratung von der Ausbildung über Rechts- und Finanzierungsfragen bis hin zu Energiesparhilfen bietet. Das haben wir in den vergangenen Jahren kräftig ausgebaut.

Wollen Sie deshalb mit der Innung in Osnabrück fusionieren?

Je größer eine Innung ist, desto mehr Dienstleistungen kann sie anbieten. Schließlich gibt es bei uns keine Pflichtmitgliedschaft. Und gerade, wenn Betriebe und damit Mitglieder vom Markt verschwinden sollten, brauchen wir ausreichend große Einheiten, um das Serviceangebot machen zu können, das wir uns vorstellen.

Das niedersächsische Wirtschaftsministerium zieht da nicht mit. Beide Innungen seien auch allein groß genug, heißt es dort. Gegen das Fusionsverbot gehen Sie nun sogar gerichtlich vor. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Im Prinzip setzen wir uns nur für moderne Strukturen in der Verbandslandschaft ein. Warum sollen wir alles doppelt vorhalten, obwohl wir fusionieren wollen? Dass zwei Innungen sich nicht ohne Weiteres zusammenschließen können, nur weil sie zu unterschiedlichen Kammerbezirken gehören, ist doch ein Witz. Ich bin sehr für Traditionen – aber sie müssen irgendwann auch mal in die Neuzeit überführt werden.