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Wirtschaft Keine Zukunft mehr für die Kaufhäuser der Karstadt-Kette
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20:30 09.06.2009
Durchhalte-Appell an der Fensterfront der Karstadt-Filiale in Hannover. Quelle: Michael Thomas

Die Sachen hängen noch genauso an den Ständern wie vor einer Stunde. Damenoberbekleidung, Handtaschen, T-Shirts. Und doch ist im Karstadt-Modehaus an der hannoverschen Georgstraße seit einer Stunde alles anders. „Ein Bekannter hat es mir gesimst“, sagt eine Verkäuferin. Andere haben es übers Internet erfahren. Schlechte Nachrichten verbreiten sich heute binnen Sekunden, aber beeinflussbarer macht sie das nicht. Hannover ist einer von rund 90 Karstadt-Standorten, die von der Arcandor-Insolvenz betroffen sind.

Am Eingang des Modehauses hängt noch das schwarz-gelbe Flatterband vom Aktionstag für Karstadt. An den Schaufenstern kleben Transparente: „Hier darf das Licht nicht ausgehen.“ Auf dem Boden liegen Unterschriftenlisten, mit denen Kunden ihre Solidarität bekunden. Es ist das Schlachtfeld einer geschlagenen Schlacht. Eine Mitarbeiterin steht mit geröteten Augen an der Kasse, eine andere berät Kunden, als wäre nichts gewesen. Es herrscht eine seltsame Gleichzeitigkeit aus Alltag und Ausnahmezustand.

„Karstadt ist ein Teil meines Lebens, die Kolleginnen sind so etwas wie eine Familie“, sagt Ursula Mehm. Seit 18 Jahren arbeitet sie im Modehaus. Was nun auf sie zukommt, weiß sie nicht. „Aber ich bin 57 Jahre alt. Und die Kosten für Miete und Auto laufen ja weiter ...“

Dieser Tage überschlagen sich bei Karstadt die Ereignisse. Da hatte Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil am Mittag noch staatliche Hilfen zum Erhalt des Mutterkonzerns Arcandor gefordert – und keine Stunde später machte die Nachricht von der Insolvenz die Runde. Viel zu bereden gibt es danach – ab 18 Uhr waren die drei hannoverschen Karstadt-Häuser wegen einer Betriebsversammlung geschlossen.

Schon vorher hatten die Mitarbeiter immer wieder in kleinen Gruppen beieinander gestanden; dies ist der Tag, an dem alles andere ganz klein und unbedeutend wird. „Die Manager haben viel getan, um den Laden an die Wand zu fahren“, sagt eine Verkäuferin bitter. „Ständig wurden die Shops neu gestaltet: Immer wieder wurden teure Wände und Regale aufgebaut, obwohl die alten noch neu waren.“ Hinter vorgehaltener Hand hört man hier Geschichten von Misswirtschaft im Kleinen: von Plastiktüten, die zu Tausenden in den Müll wanderten, nur weil mit einem Stichtag ein neuer Tütenaufdruck vorgeschrieben war. Oder von Kollegen, die mit drei Anzügen Berufsbekleidung ausgestattet wurden, obwohl sie ein paar Tage vor der Rente standen. Erklärungsversuche für eine Katastrophe.

Unterm Strich aber betonen Hannovers Karstadt-Chef Peter Krause und der Betriebsratsvorsitzende Rolf Stenzel immer wieder, dass die drei Filialen in der Landeshauptstadt schwarze Zahlen schrieben. Ärger und Ratlosigkeit spiegeln sich in ihren Gesichtern, angesichts der aktuellen Krise sind unterschiedliche Ansichten zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretung vergessen. „Wir ziehen doch alle an einem Strang“, sagt Krause. Sogar die Mitarbeiter von Kaufhof, die gute Beziehungen zu den hannoverschen „Karstädtern“ pflegen, hatten – vergeblich – Unterschriften für die Kollegen gesammelt.

Was diese Insolvenz am Ende für den Standort Hannover bedeutet, welche Folgen eine Fusion mit der Kaufhof-Warenhauskette haben würde, kann noch niemand sagen. Doch Karstadt-Chef Krause weiß auch: „Wenn der Konzern kippt, kippen wir mit.“ Die Firmenzentralen betonen indessen, es sei zu früh für Aussagen, welche der ins Gespräch gebrachten 40 Warenhäuser beider Konzerne von einer Schließung bedroht seien. „Jetzt muss das Insolvenzverfahren genutzt werden, um für jeden Arbeitsplatz zu kämpfen“, sagt Ministerpräsident Christian Wulff. Steuergelder allerdings „hätten den Prozess nur verzögert, aber keine wirklich längerfristige Perspektive ermöglicht.“

Um Hannovers Innenstadt müsse man sich wohl keine Sorgen machen, sagt Hans-Joachim Rambow, Sprecher des Unternehmerverbandes Einzelhandel Niedersachsen. Leer stehende Warenhäuser werde es dort nicht geben: „Das sind alles sehr interessante Immobilien, Hannover bleibt für den Einzelhandel attraktiv.“ Auch dass alle Karstadt- und Kaufhof-Häuser in der Landeshauptstadt erhalten bleiben, sei nicht ausgeschlossen.

Viele Kunden würde das wohl freuen. „Ich kann mir Hannover ohne Karstadt nicht vorstellen“, sagt Elfriede Dowideit. Vor 50 Jahren, sie hatte gerade geheiratet, kaufte sie hier schon ihre Bettwäsche. „Eine Damast-Garnitur habe ich heute noch“, sagt die 77-Jährige. Für Generationen war Karstadt fester Bestandteil des Stadtbummels. Seit 1906 gibt es die Filiale an der Georgstraße. Vor genau 50 Jahren hat der spätere Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg als Schüler bei Karstadt gejobbt, in der Teppichabteilung.

Heute gelten die Blicke der Besucher nicht nur der Ware, sondern auch den Beschäftigten: „Die können einem wirklich leidtun“, sagt eine Kundin. Es wäre schade, wenn so ein Traditionshaus einfach verschwände, meint auch eine Passantin auf der Straße. Es klingt, als würde sie wehmütig von einem vertrauten Stück Einkaufskultur Abschied nehmen. Aber dringewesen, nein, dringewesen sei sie in dem Geschäft eigentlich schon lange nicht mehr, sagt die Frau. Meist gehe sie ins Einkaufszentrum oder bestelle ihre Sachen im Internet: „Wenn es unter einem Dach von allem etwas geben soll, gibt es letztlich von allem zu wenig.“ Es ist wie beim Verschwinden der Tante-Emma-Läden: Viele bekunden ihr Bedauern, doch wenige geben ihr Geld dort aus.

Drinnen, in seinem Büro, sitzt Betriebsratschef Stenzel. Auf dem Tisch steht ein Megafon, auf einem Stuhl stapeln sich Flugblätter. Waffen, die in diesem Kampf wenig ausrichten konnten. „Heute Morgen bin ich noch durch den Laden gegangen und habe Kolleginnen in den Arm genommen“, sagt er. Stenzels Biografie ist eine Karstadt-Biografie. Vor 43 Jahren fing er hier an, als Dekorateurslehrling. „Ich gehöre zum Inventar“, sagt der 58-jährige. Stenzel spricht von den vielen Kollegen, deren Zukunft an dem Haus hier hängt, vom Verdrängungswettbewerb der Konkurrenz und von besseren Zeiten.

„Hier haben einmal 2000 Menschen gearbeitet“, sagt er. Heute sind es noch 500. Als er bei Karstadt anfing, waren Warenhäuser noch Kathedralen des Konsums. Sie waren ein Stück urbanes Luxusleben, gemacht im Grunde für Flaneure, nicht nur für Käufer. Stenzel erlebte mit, wie Karstadt in den Siebzigern wuchs, das nahe Neckermann-Kaufhaus übernahm und drei Kepa-Filialen. Und er erlebte den Niedergang. Eine Prognose wagt er nicht: „Im Moment können wir nur von Tag zu Tag denken.“

von Simon Benne und Stefanie Kaune

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