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Wirtschaft Chefin Sjöstedt verlässt Karstadt
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22:51 07.07.2014
Quelle: dpa
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Essen

Knapp fünf Monate nach ihrem Amtsantritt als Karstadt-Chefin wirft Eva-Lotta Sjöstedt das Handtuch. Die ehemalige Ikea-Managerin sollte den mit Verlusten und Umsatzeinbußen ringenden Warenhauskonzern mit seinen 17 000 Beschäftigten wieder auf Kurs bringen. Sie habe aber feststellen müssen, dass die Voraussetzungen für eine Sanierung nicht mehr gegeben seien, begründete sie am Montag ihren Rücktritt. Das Unternehmen reagierte betroffen: „Dieser Schritt kommt für uns überraschend und in sehr schwierigen Zeiten“, erklärte Aufsichtsratschef Stephan Fanderl.

Kommissarisch sollen Finanzvorstand Miguel Müllenbach und Personalchef Kai-Uwe Weitz die Geschäfte führen. „Unser Ziel ist es jetzt, mit dem erfahrenen Management die Sanierung von Karstadt entschlossen und unverzüglich anzugehen“, sagte Fanderl.  

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Karstadt-Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt sieht Investor Nicolas Berggruen nun in der Pflicht, der nach seinem Einstieg als „Karstadt-Retter“ gefeiert worden war. „Frau Sjöstedts eigener Kommentar zu ihrem Rücktritt legt nahe, dass der Eigentümer Frau Sjöstedt nicht genügend unterstützt hat bei ihren Plänen, in die Zukunft von Karstadt, in die Häuser und damit auch in die Arbeitsplätze zu investieren“, sagte Patzelt. Die Schwedin hatte Ende Februar das Ruder bei der Karstadt Warenhaus GmbH übernommen, in der das Kerngeschäft gebündelt ist. Die Mehrheit an den Luxushäusern, wie dem Berliner KaDeWe, und den Sportgeschäften hatte Eigner Berggruen an den österreichischen Investor René Benko veräußert – und damit Spekulationen um die Zukunft von Karstadt und eine mögliche Fusion mit der Metro-Tochter Kaufhof angeheizt.
2010 hatte Berggruen, Sohn des während der Nazi-Diktatur emigrierten Berliner Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen, den Karstadt-Konzern für den Symbolwert von einem Euro gekauft und so vor der Insolvenz gerettet. Er wolle dem Konzern „frische und attraktive Perspektiven“ eröffnen, kündigte Berggruen seinerzeit an. Ihm gehe es darum, die „Kultmarke Karstadt“ und die Arbeitsplätze zu retten.

Aus den roten Zahlen ist Karstadt bislang aber nicht gekommen. Aufsichtsratschef Fanderl hat eingeräumt, der Konzern werde auch in diesem Jahr nicht profitabel. Alle Hoffnungen ruhten dann auf Sjöstedt, die zuvor für Ikea in Schweden, Japan und den Niederlanden in führenden Positionen gearbeitet hatte.

Die Managerin erklärte nun: „Als ich mich im vergangenen Herbst dazu entschied, nach Essen zu gehen, tat ich dies in fester Annahme, ein angeschlagenes, in einer sehr schwierigen Situation befindliches Unternehmen übernehmen und entwickeln zu dürfen.“ Die Karstadt-Eigentümer – die Berggruen Holdings – hätten die volle Unterstützung für ihre Strategie und Investitionspläne für die 83 Warenhäuser zugesagt.

Karstadts 
langes Leiden

Niedergang in Raten: Seit mehr als zehn Jahren müssen die Karstadt-Beschäftigten eine Hiobsbotschaft nach der anderen verdauen. Im Kern stellen sie die letzte Einheit des einst größten Warenhaus- und Versandhandelskonzerns KarstadtQuelle, später Arcandor. Der befand sich schon 2004 in finanziellen Schwierigkeiten, hielt sich aber zunächst mit Verkäufen über Wasser. Unter anderem trennte man sich von Hertie und SinnLeffers, die später Insolvenz beantragen mussten. Die erwischte 2009 schließlich den gesamten Konzern – mit der Folge, dass Traditionsnamen wie Quelle oder Neckermann heute nur noch als Marken des Konkurrenten Otto fortbestehen.

Karstadt wird schließlich ein Jahr später von Nicolas Berggruen übernommen – einem Investor, der sich vor allem im Immobiliengeschäft auskennt. Entsprechend hart verhandelte er bei der Absenkung der Karstadt-Mieten. Inzwischen hat Berggruen das Unternehmen zerschlagen und seinen österreichischen Kollegen René Benko ins Boot geholt, der die Mehrheit an den Sport- und drei Premiumhäusern (KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg, Oberpollinger in München) übernahm und dort inzwischen zusammen mit einem israelischen Unternehmer das Sagen hat. Berggruen gehören noch 83 Warenhäuser mit 17 000 Beschäftigten, die Eva-Lotta Sjöstedt wieder auf Profit trimmen sollte.

Von Lars Ruzic

„Nach eingehender Prüfung, den Erfahrungen der letzten Monate und in genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmendaten muss ich nun jedoch feststellen, dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind“, erklärte Sjöstedt. Daher habe sie dem Aufsichtsrat mitgeteilt, dass sie ihr Amt mit sofortiger Wirkung niederlegen werde. Sjöstedt hatte ein schweres Erbe übernommen – neben Verlusten und Umsatzrückgängen macht Karstadt auch ein Dauerstreit mit der Gewerkschaft ver.di um einen vorübergehenden Ausstieg aus der Tarifbindung zu schaffen. Der Konzern will sich damit Lohnerhöhungen ersparen.

Sjöstedt erfreute sich bei den Mitarbeitern großer Beliebtheit. „Frau Sjöstedt hat das Gespräch mit den Beschäftigten gesucht, sie hat den einzelnen Kaufhäusern mehr Eigenständigkeit geben wollen, damit sie sich vor Ort auf das jeweilige Kundenumfeld einstellen können“, erklärte Stefanie Nutzenberger vom
ver.di-Bundesvorstand. Das sei das Konzept, das die Gewerkschaft bereits seit langer Zeit für den richtigen Weg halte. „Was die Beschäftigten nun dringender denn je brauchen, ist Klarheit und Transparenz darüber, wie es mit Karstadt weitergehen soll.“ Berggruen und Benko müssten endlich ihre Pläne auf den Tisch legen.

Von Anneli Palmen

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