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Wirtschaft Karmann-Werk in Rheine ist Geschichte
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17:08 21.12.2009
Das Karmann-Werk in Rheine schließt am Montag nach 44 Jahren. Quelle: lni
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Der Abschied von Karmann in Rheine ist einsam. An diesem bitterkalten Montag vor Weihnachten sollten sie vor dem Werk alle noch einmal zusammenkommen, die „Karmänner“, wie sie hier in der Region genannt werden. Gewerkschafter und Betriebsrat hatten sich das gewünscht, als „symbolischen Abschied“. Denn zum Jahresende ist Schluss. Dann will das Traditionsunternehmen nur noch an seinem Hauptsitz im 40 Kilometer entfernten Osnabrück mit einer Rumpfmannschaft fertigen. Das Werk im westfälischen Rheine nahe der niederländischen Grenze macht dicht. Für immer. Nach 44 Jahren. Draußen, vor dem Werkstor, durch das die Arbeiter tagein, tagaus zur Arbeit gingen, sollten sie sich deswegen ein letztes Mal versammeln. Doch gekommen sind nur fünf Menschen.

Rund ein halbes Dutzend von den einst mehr als 1000 Mitarbeitern steht also an diesem Morgen neben dem Pförtnerhäuschen frierend im Schnee. Dort, vor dem leeren, riesigen Parkplatz, hat die IG Metall ein offenes Zelt aufgebaut, wie man es von sommerlichen Gartenpartys kennt. Es gibt sternförmige Weihnachtsplätzchen mit Zuckerguss und dampfenden Kaffee, und eigentlich wollte IG-Metall-Bezirkschef Heinz Pfeffer jetzt ein paar warme Worte sprechen. „Den Leuten Mut machen“, wie er sagt. Doch er verzichtet nun lieber auf eine Ansprache.

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Das Unternehmen war in den letzten Jahren in Schwierigkeiten geraten: Nachdem Karmann jahrzehntelang für andere Autohersteller wie Volkswagen, Audi, BMW, Ford oder Mercedes vor allem Nischenmodelle wie Cabrios gebaut hatte, waren plötzlich die Aufträge ausgeblieben. Für das Werk in Rheine bedeutete das: 900 Arbeitsplätze fielen weg.

„Der Betrieb ist langsam ausgeblutet“, sagt Christian Klumps. Der 39-Jährige ist einer der wenigen, die am Morgen bei minus zwei Grad unter dem IG-Metall-Zeltpavillon stehen. Neun Jahre hat er für Karmann in Rheine gearbeitet: in der Fertigungsmontage, im Rohbau, bei der Dachzulieferung. Von vielen Kollegen habe er sich in den vergangenen Monaten nach und nach verabschieden müssen. „Viele haben immer noch keine Arbeit. Das ist das reinste Trauerspiel.“

Im Herbst 2008 hatte die Geschäftsleitung mitgeteilt, sich komplett aus dem Fahrzeugbau zurückzuziehen. In Rheine lief das letzte Auto im Februar vom Band, in Osnabrück im Juni. In Rheine hatten zunächst noch 100 Mitarbeiter Arbeit. Sie montierten Dächer für das Renault Mégane Cabrio. Doch die weltweite Krise verschärfte die Situation. Im April meldete das gesamte Unternehmen Insolvenz an.

„Bis dahin hatten die Leute noch Hoffnung, haben alles versucht, Aufträge zu bekommen“, sagt Betriebsratsvorsitzender Ulrich Wengel. Er kann verstehen, dass heute nur so wenige Beschäftigte den Weg zum Werkstor gefunden haben. „Die Leute hatten genügend Zeit, sich zu verabschieden. Wir krebsen seit mehr als zwei Jahren hier herum. So komisch das klingt: Einige sind jetzt einfach froh, dass es vorbei ist.“

Zwar will VW auf dem Karmann-Gelände in Osnabrück ein neues Unternehmen gründen und in zwei Jahren wieder Autos produzieren. Spekulationen zufolge soll der Sportwagen Porsche Boxster künftig in Niedersachsen gebaut werden. Bis 2014 sollen dort 1000 Arbeitsplätze entstehen. Dennoch sieht der Betriebsratschef die Zukunft eher für jüngere Kollegen. „Wenn man 40 oder 50 Jahre alt ist, sehen die Chancen nicht mehr so rosig aus“, sagt der 57-Jährige.

So gesehen hat Karsten Veldmann Anlass zur Hoffnung. Er ist er 30 Jahre alt. Doch zunächst steht auch er vor dem Nichts, kommt nicht mit nach Osnabrück. Acht Jahre lang hat Veldmann für Karmann die Roboter und Anlagen gewartet. Seit zwei Monaten schreibt er jetzt Bewerbungen. „Bisher habe ich noch keine Zusage“, berichtet er.

Seine Kollegin Doris Roreger dagegen ist eine von nur 65 „Karmännern“ aus Rheine, die Glück gehabt haben. Weil ein Teil der Produktion ins Stammwerk verlagert wird, können sie dort ab dem 4. Januar weiterarbeiten. Was dort ihre Aufgabe sein wird, weiß die 47- Jährige allerdings noch nicht. „Um 10.00 Uhr sollen wir in Osnabrück erscheinen“, sagt sie. „Dann erst sollen wir eingeteilt werden.“

lni