Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wirtschaft Kann man noch Auto fahren, ohne als zorniger alter Mann zu gelten?
Mehr Welt Wirtschaft Kann man noch Auto fahren, ohne als zorniger alter Mann zu gelten?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:40 25.09.2019
Wer über Amerikaner den Kopf schüttelt, die ihre Waffen nicht hergeben wollen, muss nur mal versuchen, dem Deutschen sein Auto auszureden. Quelle: VOLODYMYR KUCHERENKO - stock.adobe.com

Vor sehr vielen Jahren, in der Steinzeit des Fernsehens, warnte ein Mann namens Egon Hoegen in „Der 7. Sinn“ mit warmer Märchenerzählerstimme vor den Gefahren durch Frauen im Straßenverkehr. „Frauen sind auf besondere Nachsicht angewiesen“, erläuterte er freundlich. „Denn jede Frau schmückt sich gern. Am Steuer aber können solche schweren Schmuckstücke sehr hinderlich sein.“ Männer mögen ihre Frauen der Übung halber deshalb öfter mal ans Steuer lassen – aber bitte „nicht zu Verkehrsspitzenzeiten“.

So war das. Man fuhr mit fingerlosen Handschuhen Auto, stellte sich eine hübsch umpüschelte Klopapierrolle auf die Hutablage und ließ das geblümte Frauchen höchstens mal sonntagnachmittags ans Steuer des Opel Rekord C für 7380 D-Mark. Sommers fuhr man bei 56 Grad im Wageninneren über den Brenner, um sich fetzenhäutig der italienischen Sonne auszusetzen. Und im ersten Programm lief „Der 7. Sinn“. Unfassbar, dass viele Menschen trotz absurder Frauenfeindlichkeit und Ökoignoranz Sehnsucht nach dieser Zeit haben.

Ein Maserati Quattroporte löst bei mir gar nichts aus

Es ist schwer, die goldenen Jahre des Automobils aus den Köpfen hiesiger Machos zu kriegen. Wer über Amerikaner den Kopf schüttelt, die ihre Waffen nicht hergeben wollen, muss nur mal versuchen, dem Deutschen sein Auto auszureden. Auch ich gehöre zu den regelmäßigen Benutzern eines Verbrennungsmotors. Nicht aus dem inneren Wunsch heraus, unbedingt den Planeten zu zerstören. Auch nicht aus nostalgischer Sehnsucht, Ignoranz oder Trotz. Ich gehöre nicht zu den wutschnaubenden Typen, die wie FDP-Chef Christian Lindner aktuell das Gefühl zu haben scheinen, ein Haufen minderjähriger Mädchen, denen gerade erst die Stützräder abgeschraubt wurden, wollten ihnen ihren coolen Audi und ihre Freiheit wegnehmen.

Ich bin kein Autonerd. Ein Maserati Quattroporte löst bei mir nichts aus außer der Frage, ob der tatsächlich Probleme mit den Hydrostößeln hatte, wie es beim „Tatortreiniger“ heißt. Und die Facebook-Gruppe namens „Fridays for Hubraum“, die gerade unangemessen viel Beachtung erfährt trotz der Tatsache, dass es sich nicht um eine neue Gegenbewegung, sondern höchstens um ein putziges Zornventil handelt, finde ich eher albern.

Als Statussymbol hat das Auto ausgedient – als Transportvehikel noch nicht

Für den motorisierten Transport einer Kleinfamilie verwende ich allerdings ein Dieselauto. Aus drei Gründen: Erstens, weil es leider noch kein Elektroauto zu einem für mich vernünftigen Preis gibt. Zweitens, weil mein Nicht-Elektro-Auto abbezahlt und fahrbereit vor der Tür steht. Und drittens, weil die Segnungen der ökologischen Verkehrsplanung mit meinen Mobilitätsansprüchen leider (noch) nicht durchgehend kompatibel sind. Nichts gegen Innenstädte als begrünte Oasen voller glücklich winkender Liegeradfahrer, aus deren Flechtkörben Porreestangen ragen. Aber wenn der Kindergarten bei der Arbeit anruft, weil das Kind Bauchweh hat, ist es doch besser, wenn man schnell da ist. Das Problem: Zwei Drittel der Deutschen leben auf dem Land, da kommt manchmal dienstags ein Bus durchs Dorf, das war’s. Und nichts gegen Fahrgemeinschaften, aber das Problem an Fahrgemeinschaften ist, dass nicht alle dasselbe Ziel haben. Als Statussymbol mag das Auto ausgedient haben – als Transportvehikel noch nicht.

Rushhour in der Großstadt: Natürlich wäre es besser, wenn die Massen im Bus sitzen würden, statt im Stau zu stehen – wenn denn einer käme.

Man kann das alles viel besser organisieren, gewiss. Aber so viel Ehrlichkeit muss sein: Von einer flächendeckenden Lösung für alle, die dem Auto abschwören, sind wir weit entfernt. Eine Zwischenlösung könnte kostenloser Nahverkehr werden. Umsonst Bus und Bahn fahren. Überall. Das klingt ja erstmal toll. Da gibt’s bestimmt eine Menge Porsche-Cayenne-Fahrer, die sofort in die Straßenbahn steigen, wenn sie die 1,80 Euro für die Fahrt nicht bezahlen müssen.

Wie kriegst du einen von der Straße, der sich gerade für 79.000 Euro einen Mercedes Benz GLS mit 340 PS gekauft hat? Man muss ihn locken! „Komm her, MAN Gelenkbus, Baujahr 1983, mit 26 Halteknöpfen und Velourpolster in Lila-Türkis! Und die meisten Pipiflecken sind auch weg! Das ist doch genau dein Ding. Die Mädels stehen voll auf Typen, die mit dem Bus fahren!“

Ich fahre oft umsonst Bus – stundenlang

Das ist das Problem der Anti-Auto-Debatte: dass es praktisch keine Schnittmengen gibt zwischen den Lebenswelten derer, die Autofahren für einen todbringenden Anachronismus halten, und denen, die mattlackierte Prollkarren geil finden und bedauerlicherweise keine Zeit haben, täglich drei Stunden im öffentlichen Nahverkehr zu verbringen – Ja, stattdessen im Stau stehen ist keine Alternative. Klar doch.

Umsonst Busfahren? Kenne ich. Ich fahre oft umsonst Bus, und zwar völlig umsonst. Stundenlang. Aus bestimmten Gründen, die ich jetzt hier nicht ausführen möchte, war ich über längere Zeit an den öffentlichen Personennahverkehr gefesselt. Bis zuletzt war mir die Frage, an welchen Kriterien sich die Busroutengestaltung orientiert, ein Rätsel. Um die kürzeste Strecke jedenfalls kann es nicht gehen. Zwischen meinem Haus und meinem Arbeitsplatz liegen netto 11,6 Kilometer. Das sind mit dem eigenen Auto zwölf Minuten und mit dem Fahrrad 30 Minuten. Aber bis der Bus da brutto am Ziel ist, habe ich „Krieg und Frieden“ durch. Der schaukelt durchs Nirgendwo wie Henriette Bimmelbahn. Und du lehnst derweil mit dem Kopf schön an so einer Vorstadthaubitze, die nach Jägermeister und Sixtuwohl Fußbalsam riecht.

Gefangen im Nahverkehrskoma

Möglicherweise haben Busfahrer ein tarifliches Recht auf die landschaftlich schönste Strecke. Vielleicht sind auch Vogelbeobachter darunter, die den arthritischen Gelenkbus außerhalb der Brut- und Setzzeit gern über entlegene Feldwege manövrieren, um nach Rotkopfwürgern und Seeregenpfeifern zu forschen. Kann auch sein, dass Busfahrer extra große Kreise um Exfreundinnen, Gläubiger und unterhaltspflichtige Kinder aus erster Ehe fahren. Dafür kenne ich jetzt jeden Wellblechhändler in einem menschenleeren Gewerbegebiet. Ein einziges Mal ist da ein Fahrgast zugestiegen. Das war damals, als Quirinius Statthalter in Syrien war.

Kostenloser Nahverkehr für alle ist im Prinzip ja eine gute Idee. Statt nutzlos auf der Straße herumzustehen werden die Menschen einfach durch die Gegend kajolt wie Autoersatzteile und Joghurt. Das treibt ihnen die Flausen aus und hält sie in diesem dämmrigen Nahverkehrskoma, das sie für politische Gemeinheiten unempfindlich macht. Es ist dieser tranceartige Zustand, in dem das sich im sternförmigen Kratzer einer Plexiglasscheibe brechende bunte Licht nach vier Stunden Zwangsschunkeln eine Nahtoderfahrung auslösen kann. Es wäre großartig, wenn der öffentliche Nahverkehr für alle Menschen ein taugliches, nicht zu teures, ausreichend komfortables, verlässliches Transportinstrument wäre – auch weit außerhalb urbaner Zentren. Ist er aber nicht.

„Wie soll ich nach Hause kommen?“

Am schlimmsten ist Schienenersatzverkehr, der sogenannte Placebus. Der menschliche Organismus ist auf Bahn eingestellt, aber Bahn ist kaputt. Also kommt Bus. Bus ist auch kaputt, fährt aber trotzdem. Im Bus ist es ja oft so: Je kleiner der Fahrer, desto riesiger das Lenkrad. Ich habe immer Angst, dass die Fliehkräfte des Lenkers in engen Kurven den kurbelnden Däumling einfach aus der Vordertür schleudern. Gut, dass kann manchem Porsche-Cayenne-Fahrer auch passieren.

Also: Teilauto. Jüngst saß ich in einem Teilauto, dessen Mietelektronik nachts um zwei auf einer Autobahnraststätte versagte. Der Wagen ließ sich nicht dazu bewegen, sich zu bewegen. An der Notfallhotline saß ein verkaterter Langzeitstudent. „Wie soll ich nach Hause kommen?“, fragte ich ihn. „Eigentlich müsste es gehen“, sagte er. Jedes einzelne Wort in diesem Satz machte mir schlechte Laune, vor allem das Wort „gehen“. „Im Wilden Westen hielten Raststätten noch frische Austauschmaultiere bereit“, sagte ich. „Das wäre eine Mobilitätslösung der Zukunft.“

Es hat sich als praktisch unmöglich erwiesen, junge Klimaaktivisten davon zu überzeugen, dass nicht jeder, der ein Automobil benutzt, ein stinkfauler Ignorant ist, der sich einen Scheiß um die Zukunft des Planeten schert. Ich würde zum Beispiel niemals ein SUV kaufen. Aber es gibt natürlich Erklärungen, warum Menschen das tun. Der Grund, warum ausgerechnet SUVs so populär sind: Das SUV ist in gesellschaftlich wackligen Zeiten das autogewordene Symbol für die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Ein fahrbarer Schutzpanzer vor den Zumutungen des Lebens. Dass jetzt ausgerechnet dieser Schutzpanzer in die Kritik gerät, erklärt die Aggressivität der Gegenreaktion. Es ist, als wolle man einer Schnecke ihr Haus wegnehmen.

„Ist dein Auto wichtiger als unsere Zukunft?“: Plakat beim Klimastreik in Frankfurt. Quelle: imago images/Ralph Peters

Der SUV – das Hemdblusenkleid des Individualverkehrs

Das SUV ist die große Koalition des Autobaus. Das Hemdblusenkleid des Individualverkehrs. Das SUV will beides: brav und böse, bieder und bitchy, Country und Western, rechts wie links. Familienväter, deren Offroad-Sehnsüchte in feuchte Hobbykeller ausgelagert wurden, dürfen sich dank gewellten Plastiks am Unterboden fühlen wie Django im mexikanischen Grenzland. Auch wenn sie in Wahrheit nur die Zwillinge zum Ballett kutschieren. Ein Auto für Outlaws mit Shell-Atlas. SUV-Fahrer verhalten sich zum echten Highlander wie „Landlust“-Leser zu Goldsuchern im Klondike. Ihre Outdoor-Erfahrungen beschränken sich auf verregnete Schulfeste. Sie besitzen 13 Fünf-Euro-Multitools aus dem Baumarkt, aber ihr letztes echtes Abenteuer ist eine rot leuchtende Tankanzeige. Oder wenn Einar-Elias‘ zweite Stoppersocke fehlt.

Natürlich gibt es zu viele Autos in diesem Land. Jüngst passierte ich ein Autohaus, das mit folgenden Worten warb: „Ständig ausreichend Ford Galaxy* vorrätig!“ (*Modellname von der Redaktion geändert). Das hat mich verwirrt. Es war mir unbekannt, dass Privatpersonen Automobile in größerer Stückzahl erwerben. Ich persönlich kaufe Autos einzeln und nicht en gros. Ich stellte mir vor, wie Laufkunden einfach spontan hereinschneien und sagen: „Palimpalim! Heute ist mir mal so richtig nach Auto! Ich hätte gern einen Schüttmeter Ford Galaxys to go. Bitte packen Sie‘s mir ein. Und den ersten nehme ich gleich auf die Faust!“ – „Gerne! Haben Sie schon unsere Ford-Galaxy-Stempelkarte? Wenn Sie zwölf Stück kaufen, bekommen Sie einen schönen Eiskratzer!“ Vielleicht haben manche Menschen auch einfach einen sehr hohen Ford-Galaxy-Verschleiß – „Mist! Ich hab schon wieder meinen Ford Galaxy verbaselt! Ich Dummerchen! Ich gehe gleich morgen zum Händler und kaufe mir einen neuen. Soll ich dir einen mitbringen? Die haben immer reichlich da.“

Die Aggression ist der Sache nicht dienlich

Es ist der Fridays-for-Future-Bewegung – und dem Dieselskandal – zu verdanken, dass überhaupt Bewegung in der Sache ist, dass die Beharrungskräfte der deutschen Autoindustrie langsam aufweichen. Dass die Industrie beginnt, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das ist sehr gut so. Die Aggression auf beiden Seiten aber ist der Sache nicht dienlich. Weder die vom Boulevard befeuerten, übertriebenen Abwehrreaktionen der „Mein Auto gehört mir“-Fraktion – noch die Verteufelung all jener, für die Liegefahrrad und Sammeltaxi keine echte Alternative sind.

Von Imre Grimm/RND

Nach dem Geldwäscheskandal bei der Danske Bank ist nun ein früherer Manager tot aufgefunden worden. Zugleich wurde bekannt, dass auch die Deutsche Bank wegen Beihilfe zur Geldwäsche unter Verdacht geraten ist.

25.09.2019

Der Autohersteller Ford ruft weltweit insgesamt 322.000 Autos zurück. Der Grund: Die Batterie könnte undicht sein, was einen Brand im Motorraum auslösen kann. Halter sollten ihr Fahrzeug umgehend checken lassen.

25.09.2019

Continental baut Tausende Arbeitsplätze ab. Im Zuge eines Sparprogramms sollen Medienberichten zufolge in Deutschland 3000, weltweit bis zu 20.000 Arbeitsplätze wegfallen.

25.09.2019