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Wirtschaft Joop will mit „Feinripp“ aufs Börsenparkett
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17:49 29.06.2010
Quelle: dpa
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Der insolvente Traditions-Wäschehersteller Schiesser soll gemeinsam mit dem Modemacher Wolfgang Joop durch einen Börsengang wieder auf Kurs kommen. Diese Grundsatzentscheidung hat der Gläubigerausschuss des 1875 gegründeten Unternehmens mit Sitz in Radolfzell am Bodensee getroffen, wie Insolvenzverwalter Volker Grub am Dienstag mitteilte. Der Mode-Designer werde die 1875 gegründete Firma bei Marketing, Design und visuellem Auftritt beraten, kündigte der Rechtsanwalt an. Weitere Details nannte er nicht.

Unklar blieb damit, ob der 65-Jährige mit eigenem Kapital bei Schiesser einsteigt. Zuvor war von einer Minderheitsbeteiligung die Rede gewesen. Der Börsengang soll „so schnell wie möglich“ erfolgen, sagte Grub der Nachrichtenagentur dpa. Der Schritt aus der Zahlungsunfähigkeit direkt aufs Börsenparkett sei zwar ungewöhnlich, räumte Grub ein. Er habe ihn in der Vergangenheit jedoch schon erfolgreich praktiziert, sagte der 72-Jährige, der Erfahrung aus mehr als 500 Insolvenzverfahren vorweisen kann. Dadurch könnten die Gläubiger mehr Geld wiedersehen als bei der Direktübernahme durch einen Investor. Schiesser hat einen Schuldenberg von 86 Millionen Euro angehäuft.

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Der seit Monaten als Favorit gehandelte Joop hat sich gegen zwei nicht genannte Investoren durchgesetzt. Schiesser habe „eine großartige Belegschaft und eine starke Marke“, schwärmte der exzentrische Modezar. Die Produktpalette könnte durch Oberbekleidung ergänzt werden, ließ er schon zuvor verlauten.

Als das Unternehmen im Februar 2009 Insolvenz angemeldet hatte, weil die Schweizer Eignerfamilie Bechtler kein Geld mehr nachschießen wollte, war manch ein Liebhaber der Marke geschockt. „Schiesser darf nicht sterben“, hörte Grub von Geschäftspartnern und Kunden. Aus dem Leben vieler Deutscher war die hochwertige, aber landläufig als leicht angestaubt geltende Marken-Unterwäsche offenbar nicht wegzudenken. Die Solidaritätswelle ließ die Umsätze trotz Konjunkturflaute steigen. „Die Insolvenz hat Sympathie für die Marke geweckt“, stellte Grub zufrieden fest. 2009 wurde sogar wieder ein bescheidener Gewinn erwirtschaftet.

Entstanden war die Finanzklemme durch unrentable Lizenzverträge, die inzwischen größtenteils aufgelöst wurden, sowie durch Logistikprobleme. Die Belegschaft wurde inzwischen verkleinert, die Arbeitszeiten verlängert. In Radolfzell hat Schiesser noch 510 Mitarbeiter, in der Schiesser-Gruppe sind es knapp unter 2000.

Joop war schon im Mai 2009 in Radolfzell vorstellig geworden, um sich persönlich ein Bild und Druck auf Grub zu machen. Der zögerte zunächst. Nun aber ist Grub von dem Designer begeistert. Bei der Gläubigerausschusssitzung habe der Potsdamer einen guten Auftritt hingelegt - „natürlich mithervorblitzendem Schiesser-Unterhemd“, berichtete ein rundum zufriedener Insolvenzverwalter. „Auch die Chemie zwischen Joop und dem Schiesser-Vorstand stimmt“.

dpa