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Wirtschaft Milliardenschäden: Versicherer warnen vor Betrug im eigenen Unternehmen
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18:38 04.09.2019
Rechnungen fälschen oder Bargeld abzweigen – Schätzungen des GDV zufolge haben 5 bis 10 Prozent aller Unternehmen in Deutschland mit Betrugsfällen im eigenen Haus zu kämpfen. Quelle: imago images / CHROMORANGE
Berlin

Die Gelegenheit ist günstig: Gerade haben mehrere Kunden des Supermarktes ihren Kassenzettel nicht mitgenommen. Der Kassierer schnappt sich die Bons und storniert sie. Dann nimmt er das entsprechende Geld aus der Kasse und steckt es sich in seine Hosentasche.

Fälle wie diese, bei denen die Mitarbeiter im eigenen Unternehmen stehlen, kommen laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) jährlich bei etwa 5 bis 10 Prozent der deutschen Unternehmen vor und verursachen einen Versicherungsschaden von rund 225 Millionen Euro.

Im Schnitt erbeuten die Kriminellen dabei 115.000 Euro, bevor sie erwischt werden. „Damit wird der größte Teil der Schäden in Unternehmen von den eigenen Mitarbeitern verursacht“, sagt Rüdiger Kirsch, Vorsitzender der AG Vertrauensschadensversicherung der GDV. Die Dunkelziffer der unentdeckten Taten und der dadurch verursachte wirtschaftliche Schaden sei indes deutlich höher. „Die Prognosen gehen in die Milliarden“, sagte Kirsch.

Firmen aller Branchen sind betroffen

Gerade einmal 6 bis 7 Prozent der deutschen Unternehmen haben eine Vertrauensschadensversicherung, die entschädigt, sollten eigene Mitarbeiter oder externe Vertrauenspersonen Gelder veruntreuen oder das Unternehmen betrügen. Die GDV hat die rund 2400 der so entstandenen Schadensfälle im Jahr 2018 ausgewertet. Knapp zwei Drittel der Fälle und rund 75 Prozent des Gesamtschadens gingen auf das Konto von Mitarbeitern. Dabei seien Firmen aus nahezu allen Branchen betroffen, sagt Kirsch bei der Präsentation der Zahlen. Die Taten reichten vom Stehlen der Ware aus dem Lager über das Erfinden von Rechnungen bis hin zum Gründen von Scheinfirmen.

Die Täter seien oft Personen in hohen Positionen, die autoritär auftreten und denen sich Gelegenheiten zum Betrug bieten, erklärt Hendrik Schenider, Professor für Strafrecht an der Universität Leipzig. Beim überwiegenden Teil der Täter käme außerdem ein extremes Lebensereignis hinzu, dass die Mitarbeiter zum Betrug bewege – so etwa Verschuldungen durch Spielsucht, eine Scheidung oder hohe Hausraten.

Ich habe noch nicht erlebt, dass ein Täter mit dem Betrug aus moralischen Gründen aufgehört hat.

Jesko Trahms,;Rechtsanwalt

Besonders mittelständische Unternehmen seien häufig betroffen. „Wenn ein Unternehmen klein angefangen hat, vertraut die Geschäftsleitung oft auf den Ehrenkodex“, sagt Rechtsanwalt Jesko Trahms. „Man kennt sich und vertraut sich.“ Selbst wenn die Firma im Laufe der Zeit immer mehr Mitarbeiter einstelle, bliebe diese Moral bestehen. Gerade dieses Vertrauen werde dann ausgenutzt und die Täter nicht kontrolliert, ergänzt Kirsch.

Täter machen weiter, bis sie entdeckt werden

„Ich habe noch nicht erlebt, dass ein Täter mit dem Betrug aus moralischen Gründen aufgehört hat“, sagt Trahms. „Meistens machen sie weiter, bis sie entdeckt werden.“ Doch bis die Taten auffliegen, dauert es oft Jahre. „Viele Mitarbeiter zeigen Solidarität mit den Straftätern und berichten niemandem von dem Betrug“, sagt der Rechtsanwalt. „Jemanden zu denunzieren ist in den Augen vieler nicht in Ordnung.“

Um Betrug im Unternehmen zu verhindern, müssten Geschäftsführer daher Sicherheitsmechanismen einrichten, so etwa das Vier-Augen-Prinzip bei Überweisungen, regelmäßige Inventuren oder einen vertrauensvollen Ansprechpartner, der Hinweise auch anonym an die Geschäftsleitung weitergeben kann. „Außerdem muss er argumentativ überzeugen“, sagt Trahms. „Den Mitarbeitern muss bewusst werden: Wenn jemand in der Firma stiehlt, bestiehlt er am Ende sie.“

Im Falle des Kassierers, der Bons stornierte und sich das Geld in die eigene Tasche wirtschaftete, kam die Tat nach zwei Jahren ans Licht, weil einer Kollegin die außergewöhnlich hohe Anzahl der Stornovorgänge auffiel. Mithilfe einer versteckten Kamera wurde der Täter überführt. Er hatte bis dahin einen Schaden von rund 25.000 Euro verursacht. Zuvor hatte er elf Jahre im Unternehmen gearbeitet.

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